Stadtkontext https://stadtkontext.de Samt im Getriebe Thu, 13 Jun 2019 05:21:40 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.2.4 134506318 Weserstadion: Kreative Lösungen sehen anders aus https://stadtkontext.de/weserstadion-kreative-loesungen-sehen-anders-aus/ Wed, 12 Jun 2019 14:44:14 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2689 Der Kapitalismus hat den Fußball fest im Griff. Das ist ein Fakt, an dem es keinen Weg vorbei gibt. Ob der Verein nun Paris St. Germain oder Werder Bremen heißt, spielt da keine Rolle. Wenn es darum geht im Profifußball zu bestehen, braucht es Geld. Wer sich nicht den kapitalistischen Logiken unterwirft steigt schnell ab…

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Der Kapitalismus hat den Fußball fest im Griff. Das ist ein Fakt, an dem es keinen Weg vorbei gibt. Ob der Verein nun Paris St. Germain oder Werder Bremen heißt, spielt da keine Rolle. Wenn es darum geht im Profifußball zu bestehen, braucht es Geld. Wer sich nicht den kapitalistischen Logiken unterwirft steigt schnell ab und verschwindet in der Bedeutungslosigkeit.

Protest am Rathaus

Dennoch wäre es zu einfach alle Vereine im Profifußball über einen Kamm zu scheren, schließlich gibt es Abstufungen. Nicht alle Vereine sind nur rein kapitalistische mittelständische oder große Unternehmen, die global aktiv sind und versuchen den Millionenumsatz und den Profit noch weiter zu maximieren. Es gibt sicher Beispiele wie die von den katarischen Diktatoren finanzierten Clubs Manchester City und Paris St. Germain, dem von Oligarchen dominierten AS Monaco oder dem von US-Investoren übernommenen AC Mailand. Doch viele Vereine verstehen sich als Vertreter ihrer Heimatstädte und bekennen sich zu ihrer sozialen Verantwortung. Werder Bremen war immer einer dieser Vereine – leider immer wieder mit Abstrichen.

Nun wird es wohl zur Änderung des Namens des Bremer Weserstadions kommen. Angeblich soll der Verkauf an die Wohninvest Holding GmbH aus Baden-Württemberg gehen. Abermals hat der Verein hier ein mehr als unglückliches Händchen bewiesen. Nicht nur hatte Sportdirektor Frank Baumann noch vor Wochen versprochen, dass der Investor zur Philosophie des Vereins passen müsse. Es wurde betont, man suche „ein Unternehmen mit gesellschaftlicher Verantwortung.“ Aufsichtsratschef Marco Bode wurde darüber hinaus erst kürzlich wie folgt zitiert: „Wir sind ein Verein, der sich sozial engagiert und auch politisch positioniert.“ Aber ein Vertrag mit einem kommerziellen Immobilienunternehmen in Zeiten der Wohnungsnot und überhöhten Wohnungspreisen hat nichts mit sozialer Verantwortung zu tun. Wenn das eine politische Positionierung ist, dann ist es eine ziemlich miese.

Es ist ja nicht das erste Mal, dass man bei der Auswahl der Partner in Fettnäpfchen getreten ist. Der Trikotsponsor „Wiesenhof“ ist bekannt durch Massentierhaltung, die ständig mit Fällen illegaler Tierquälerei Aufmerksamkeit bekommt. Vorher war es der Wettanbieter „bwin“ der Menschen zu tausenden in finanzielle und gesundheitliche Not bringt. Die „Citibank“ die zu den Hauptverursacherinnen der globalen Finanzkrise zählt und der Bekleidungshersteller „Kik“, dessen Kleidung unter anderem von Kindern produziert wurde.

Weserstadion. Noch.

Notwendig wurde der Deal, weil es eine Finanzierungslücke bei der Betreibergesellschaft des Weserstadions (BWS) in Höhe von ca. drei Millionen Euro jedes Jahr gibt. Durch die Umbauarbeiten 2004 bis 2011 müssen hier noch Kredite in Höhe von 70 Million Euro abgetragen werden. Wohninvest würde die Lücke mit dem 10-Jahres-Deal deutlich verkleinern und 30 Millionen Euro überweisen.
Die BWS gehört zu gleichen Teilen der Stadt Bremen und dem Verein. Auch hier hätte es stattdessen sicher eine bessere Lösung geben können. Die Stadt Bremen, die ja eigentlich ein Interesse am Erfolg des Vereins und an der Erhaltung des Identifikationssymbols Weserstadions haben sollte, hat sich somit erfolgreich aus der Affäre gezogen.

Aber auch das Argument des Vereins, dass so mehr Geld in Spieler investiert werden kann, trifft so nur begrenzt zu. Eigentlich hatte man kreative Lösungen versprochen, doch stattdessen wird der Namenszusatz „Weserstadion“ zum Firmennamen („Wohninvest Weserstadion“) verwendet. Immerhin besser als die vollständige Umbenennung.

Kreative Lösungen sehen anders aus. Eine Faninitiative aus vielen Ultragruppen schlagen beispielsweise ein „Phantom-Spiel“ vor, für das Fans Karten kaufen können und so den vollen Ticketpreis der BWS zukommen könnte. Dazu ist ja auch die Fananleihe ein beliebtes Mittel um Geld in die Kassen zu spülen. Auch ein Zuschuss der Stadt könnte helfen das Loch zu schließen. An kreativen Lösungen hat es also nicht gemangelt, sondern am Willen.

Die Fans wollen sich das jedenfalls nicht gefallen lassen. Am Montag (10. Juni) haben fast 1000 Werder-Fans für den Erhalt des Namens demonstriert und klar gemacht, wie sich die organisierten Fans hier positionieren. Der Protest wird auch sicher weitergehen, noch fehlt nämlich eine öffentliche Stellungnahme des Vereins, der Deal sei noch nicht final unterschrieben.

Hier die Stellungnahme des Bündnisses aus Ultras. 

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Volksentscheid Galopprennbahn – Auf den Leim gegangen https://stadtkontext.de/volksentscheid-galopprennbahn-auf-den-leim-gegangen/ https://stadtkontext.de/volksentscheid-galopprennbahn-auf-den-leim-gegangen/#comments Thu, 06 Jun 2019 14:02:23 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2682 Am vergangenen Wahltag haben die Bremer*innen auch über den Volksentscheid zur Bebauung der alten Galopprennbahn abgestimmt: Die Option der Bebauung wurde mehrheitlich abgelehnt. Wenn ihr euch wundert, warum die “Ja” Stimmen überwiegen: Die konkrete Abstimmungsfrage war, ob man FÜR den Gesetzesentwurf zum Umgang mit der Galopprennbahn stimmt. Dieser wurde von CDU, AfD und BiW auf…

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Am vergangenen Wahltag haben die Bremer*innen auch über den Volksentscheid zur Bebauung der alten Galopprennbahn abgestimmt: Die Option der Bebauung wurde mehrheitlich abgelehnt.

Wenn ihr euch wundert, warum die “Ja” Stimmen überwiegen: Die konkrete Abstimmungsfrage war, ob man FÜR den Gesetzesentwurf zum Umgang mit der Galopprennbahn stimmt. Dieser wurde von CDU, AfD und BiW auf den Weg gebracht, und sah vor die “Grüne Lunge”  Galopprennbahn zu erhalten. Was erstmal gut klingen mag, entpuppt sich als Blödsinn, sprechen wir hier doch von einer ökologisch nicht wertvollen, ziemlich mitgenommenen Rasenfläche. Eine grüne Lunge ist das definitiv nicht, aber klingt ja irgendwie sinnvoll. Was für eine Augenwischerei.

Die Fragestellung wurde wiederholt von vielen Seiten als irreführend beanstandet, wurde dann allerdings trotzdem so umgesetzt, weil Änderungsversuche anderer Parteien (Grüne, Linke, SPD) leider fehlschlugen. Es ist zu vermuten, dass die ein oder andere Person ein JA gegeben haben, obwohl sie NEIN zum Entwurf (der gegen die Bebauung war) meinten. Oder auch umgekehrt. Transparenz sieht jedenfalls anders aus. Aber das passt ja zu den Initiatoren.

Initiert wurde die Bürgerinitiative zum Erhalt der Galopprennbahn von Andreas Sponbiel. Der ist bei den rechtspopulistischen Bürger in Wut. Der erklärte dazu, die Galopprennbahn “gehört zu Bremen, wie der Roland und das Weserstadion”. Die CDU hat sich den Rechtspopulisten ohne Skrupel angeschlossen. Bleibt die Frage ob es hier tatsächlich ideologische Überschneidungen von CDU mit BiW und AfD gibt oder es einfach Unfähigkeit und Opportunismus ist.

Nun wird also nicht gebaut. Keine dringend benötigten Sozialwohnungen, kein bezahlbarer Wohnraum, keine ökologische Aufwertung der Teilflächen dazwischen. Die Anwohner*innen haben offenbar mehrheitlich die Bebauung abgelehnt. Sie fürchten z.B. Baulärm. Wer will schon Baulärm, aber ist das ernsthaft ein Argument um anderen Menschen die Chance auf ein bezahlbares Dach überm Kopf weiter zu erschweren? Wir sehen hier mal wieder sehr deutlich, wie wenig immer mehr Menschen bereit sind, ihre (kurzfristigen) individuellen Eigeninteressen zugunsten anderer, die sich in schwierigen Situationen befinden, auch mal zurück zu stellen.

Die Bremer Galopprennbahn in der Vahr

Die Bremer Galopprennbahn in der Vahr

Es gibt aber noch ein anderes Problem. Für jede Bebauung muss die Stadt sog. Ausgleichsflächen ausweisen. Das macht Bremen üblicherweise weiter draußen in den ländlichen Gebieten. Bestimmte, geeignete Flächen werden dann unter Schutz gestellt, z.B. in den Wümmewiesen. Klingt ja auch erstmal gut und sinnvoll. Allerdings kann es durchaus passieren, dass das Bewirtschaftungsgebiete von Landwirt*innen betrifft. Hier schützt Eigentum nicht. Diese dürfen dann nur noch unter Auflagen diese Flächen bewirtschaften, was vor allem die kleineren Betriebe schwer ausgleichen können. Doch gerade die kleineren Betriebe sollten in Zeiten des Klimawandels doch eher gefördert werden. Wir fragen uns, weshalb es im Kampf um bezahlbaren Wohnraum schon wieder sein muss, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt werden müssen.

Wieso ist es nicht möglich, das Problem ganzheitlich anzugehen? Und wieso wird auf das Eigentum von Landwirtinnen zugegriffen, aber in der Stadt traut man sich an die Eigentümerinnen nicht ran? Immobilien verrotten, die Wohnraum sein könnten. Und auch Luxussanierungen werden, wenn überhaupt, nur halbherzig politisch thematisiert. Ein ganzheitlicher, langfristiger und zielführender Umgang mit dem Wohnungsbau sieht anders aus. Auch dass Sozialwohnungen nach 10 Jahren auslaufen, verlagert und verschärft das Problem nur. Wir hoffen, dass die zukünftige Landesregierung in diesem Bereich endlich nachhaltige, progressive Entscheidungen trifft, die den Menschen in Bremen eine langfristige Perspektive bieten.

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#hbwahl19 – zum Nachlesen https://stadtkontext.de/hbwahl19-zum-nachlesen/ Tue, 28 May 2019 08:26:27 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2644

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AfD Bremen unter Frank Magnitz – Altbekannter Rassismus in neuer Radikalität https://stadtkontext.de/afd-bremen-unter-frank-magnitz-altbekannter-rassismus-in-neuer-radikalitaet/ Wed, 15 May 2019 16:10:34 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2633 Am 26. Mai wird nicht nur europaweit das Europäische Parlament gewählt, es wird auch in Bremen die neue Bremische Bürgerschaft bestimmt. Bei der letzten Wahl sind vier AfDler ins Parlament eingezogen, eine eigene Fraktion konnten sie nicht bilden, da sie intern zerstritten waren. Doch das kann sich dieses Mal ändern. Die AfD wird womöglich die…

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Am 26. Mai wird nicht nur europaweit das Europäische Parlament gewählt, es wird auch in Bremen die neue Bremische Bürgerschaft bestimmt. Bei der letzten Wahl sind vier AfDler ins Parlament eingezogen, eine eigene Fraktion konnten sie nicht bilden, da sie intern zerstritten waren. Doch das kann sich dieses Mal ändern. Die AfD wird womöglich die 5% in Bremen und in Bremerhaven überschreiten und dann eine Fraktion bilden können. Spitzenkandidat und Bundestagsabgeordneter Frank Magnitz hat dazu in seinem Landesverband so radikal aufgeräumt, dass eine Spaltung wie vor vier Jahren unwahrscheinlich scheint. Sein Sprung an die Spitze der AfD Bremen hat zudem dazu geführt, dass der ganze Landesverband noch stärker nach rechts abgedriftet ist, und kann nun ohne Zweifel als rechtsextrem/radikal bezeichnet werden – rassistisch, sexistisch und homophob war die AfD ja ohnehin schon seit der Gründung 2013.

Frank Magnitz – noch stark gezeichnet von einem imaginären Kantholz.

Die Rolle, die Magnitz und die AfD in Bremen einnimmt, ist die des Außenseiters. In der Wahlsendung “Wahllokal” in der auch Magnitz zu Gast war, hat er sich kaum geäußert, und wenn, hat er seine Opferrolle betont und den Sender selbst kritisiert. Inhaltlich kamen “seine” Themen zurecht kaum zu Wort. Es wurde über die Themen gesprochen die den Bremer*innen tatsächlich wichtig sind, und das sind vor allem Bildung, Armut und Klimaschutz. Die AfD setzt hingegen auf Themen wie Sicherheit und Integration.

Zur Bildungspolitik hat Magnitz sich in der Sendung dann doch noch geäußert und gruselige Positionen ausgepackt. Das zeigt wie gefährlich die AfD im Bremer Parlament wäre. In der angesprochenen Sendung fordert er eine Rückkehr zu einem Schulsystem was “über 100 oder mehr Jahre” gut funktioniert habe. Was er damit genau meint ist unklar. Aber ein Blick in die Programmatik der AfD Bremen macht da dann doch vieles klarer. Die AfD fordert eine “Ideologiefreie” Bildung. Dabei meint sie wohl die Kommunikation von der Vielfältigkeit der Gesellschaft an die Schüler*innen. Etwa will die AfD die Erwähnung von sexueller Vielfalt in der Schule verhindern. LGBTQI-Schüler*innen sollen schon in jungen Jahren marginalisiert werden. Dazu passt auch, dass die AfD die “Gendertheorien” aus den Universitäten Bremens verbannen will.

Die AfD will zum Schulmodell der letzten 100 Jahre zurück. Heißt das auch Gewalt gegen Schüler*innen?

Doch nicht nur das. Die AfD setzt auch auf ein elitäres Schulsystem, was geprägt ist von Leistungsdenken und Disziplin. Diese Ideen knüpfen an die gängige Philosophie vor der 68er-Bewegung an, die auch Maßnahmen wie Gewalt gegen Schüler*innen als denkbares und wichtiges Mittel ansieht. Das anfangs erwähnte Zitat von Magnitz passt dadurch perfekt ins Bild. In dem Kontext steht auch die Verteidigung des dreigliedrigen Schulsystems, was Schüler*innen bekanntlich früh in starre und vorbestimmte Wege drängt. Die Trennung in diese drei Schulformen fördert vor allem Schüler aus besserverdienenden Familien und zementiert gesellschaftlichen Trennung. Die Forderungen der AfD sind maximal entfernt von jeglicher Bildungsgerechtigkeit.

Das Bildungsthema ist aber eher ein Randthema für die AfD. Im Mittelpunkt stehen für sie die Themen Migration, Integration und Innere Sicherheit. Damit greift sie die Themen auf, die sie zu einer hohen Popularität in ganz Deutschland geführt hat. Glücklicherweise hat die Medienlandschaft und auch die anderen Parteien begriffen, dass diese Themen der AfD nützen und den Fokus im Wahlkampf anders gesetzt. Das liegt aber auch an einer prinzipiell liberaleren Einstellung der Landesverbände der Parteien im Vergleich zu anderen Verbänden oder gar dem Bundesverband.

Die AfD in Bremen versucht das Thema Innere Sicherheit zu setzen. Die Polizei soll mehr Freiheit bekommen. Die Kennzeichnungspflicht, die auch in Bremen leider nicht immer ideal funktioniert, soll wieder abgeschafft werden, und stattdessen sollen Verdächtige und Unbeteiligte gleichermaßen mit Bodycams gefilmt werden können.  

Die AfD setzt besonders auf Schüren von Angst vor Einbrüchen und vor allem der sog. Clankriminalität. Mittel der Wahl ist eine Stärkung der Überwachung, der Polizeipräsenz und rassistischer Kontrollen. Zwar wird der Rassismus von Ihnen oft geleugnet, aber die Formulierung im Wahlprogramm ist eindeutig: sie spricht da von „verdachtsunabhängige(n) Kontrollen zur Bekämpfung von Ausländerkriminalität“. Verdachtsunabhängig sind sie dann sicher nicht mehr, sondern eben rassistisch motiviert. Insgesamt wird der offene Rassismus der AfD klar, wenn es um Sicherheit geht. Sie wirft der Justiz eine Bevorteilung von nicht-Deutschen vor und faselt von einem „Herkunfts- oder Religionsrabatt“, wofür es keinerlei Nachweise gibt. Ganz im Gegenteil ist institutioneller Rassismus hier sicherlich eher ein Problem, als das eine Bevorteilung eines ist.

Die AfD sieht die Quelle jeglicher Kriminalität in Migrant*innen und Deutschen, die nicht der weißen Norm entsprechen. Daher will sie auch vor allem rassistische Maßnahmen einsetzen um Kriminalität zu bekämpfen. Der Grundansatz der AfD baut auf einer Atmosphäre der Angst auf. Sie fordert Maßnahmen aus Überwachung, Strafandrohungen und überharte Reaktionen um vor allem Menschen, die nicht so aussehen wie sie oder anders denken, in ständige Angst zu versetzen.

Hauptfeind der AfD – das Windrad.

Besonders gruselig zu lesen ist die Position von Magnitz und Co zur Klimapolitik. In Ihrem Wahlprogramm leugnet die AfD den Klimawandel bewusst nicht, doch alle Maßnahmen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes werden abgelehnt. Der Bundesverband fordert unter anderem den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen. Die AfD Bremen lehnt die „Verkehrswende“ ab und sieht Elektromobilität sehr kritisch. Der Verbrennungsmotor und synthetische Treibstoffe seien die Lösung der Wahl. Andere Maßnahmen zur Reduzierung der Beteiligung des Verkehrs am Klimawandel lehnt die AfD auch ab, ob nun 30 Zonen oder Verbesserung des ÖPNV.  Die dringend nötigen Maßnahmen in der Klimapolitik lehnt die AfD ebenfalls ab, ob nun Kohleausstieg, Recycling oder Windenergie. Eigene Maßnahmen stellt die AfD nicht vor.

Stattdessen ist Magnitz‘ Rhetorik in diesem Bereich radikal. Er spricht von „Klimahysterischen Parolen“ und „rotgrünen Windradfanatikern“. Er ahnt geplante Enteignung von Autobesitzer*innen, hält die EU-Grenzwerte für unglaubwürdig und will zudem der Deutschen Umwelthilfe die Gemeinnützigkeit entziehen lassen.

Nach aktuellen Umfragen steht die AfD in Bremen bei 8% der Stimmen. Mit 5-6 Abgeordneten würden sie daher in die Bürgerschaft einziehen und den Fraktionsstatus erreichen. Dennoch bleibt Bremen eines der wenigen Bundesländer in denen die AfD bei unter 10% steht. Die Chance bleibt also, die AfD aus dem Parlament herauszuhalten. Ein wichtiger Beitrag ist natürlich die Mobilisierung der Wähler*innen am 26. Mai. Aber es braucht ein klares Zeichen der Bremer*innen, dass AfD und Co nicht willkommen sind!

Das Bündnis „Gegen Rassismus“ organisiert am 25. Mai einen Sternmarsch gegen Rassismus. Wir empfehlen allen dort hinzugehen und ein deutliches Zeichen gegen die AfD zu setzen!

Den Aufruf zur Demo findet ihr hier!

Vielen Infos zur AfD Bremen gibt es auf der Webseite von AfD Watch Bremen.

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Mit welchen “Meinungen” ihr es euch bequem macht und euch vor eurer Verantwortung drückt https://stadtkontext.de/mit-welchen-meinungen-ihr-es-euch-bequem-macht-und-euch-vor-eurer-verantwortung-drueckt/ https://stadtkontext.de/mit-welchen-meinungen-ihr-es-euch-bequem-macht-und-euch-vor-eurer-verantwortung-drueckt/#comments Mon, 18 Feb 2019 09:00:38 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2587 Vor einiger Zeit war ich auf einer Veranstaltung der taz zum Thema rechte Netzwerke, von der ich sehr bedrückt nach Hause ging. Die Journalist’innen Andrea Röpke und Andreas Speit haben dort von ihren jahrelangen Recherchen berichtet, deren Ergebnisse leider noch viel erschreckender waren, als ich erwartet hatte. Sie berichten unter anderem, dass führende Figuren der…

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Vor einiger Zeit war ich auf einer Veranstaltung der taz zum Thema rechte Netzwerke, von der ich sehr bedrückt nach Hause ging. Die Journalist’innen Andrea Röpke und Andreas Speit haben dort von ihren jahrelangen Recherchen berichtet, deren Ergebnisse leider noch viel erschreckender waren, als ich erwartet hatte.

Sie berichten unter anderem, dass führende Figuren der rechtsextremen Szene mittlerweile als Mitarbeiter im Bundestag angekommen sind. Die Netzwerke konnten über viele Jahre ungehindert und unbemerkt wachsen, die verschiedenen Ableger unterstützen sich gegenseitig und sind bestens vernetzt. Was mich besonders trifft, ist diese Aussage von Speit: “Die Massivität des Kulturkampfes von rechts wird unglaublich unterschätzt. Die Tragweite mit der wir es hier zu tun haben, ist der breiten Öffentlichkeit überhaupt nicht klar. Mit 1-3% der Bevölkerung als Akteur’innen kann man gesamtgesellschaftliche Veränderungen bewirken, und das wissen die. Und dass das funktioniert sehen wir an den öffentlichen Themen.” Weiter sagt er: “Die Erfahrung aus unseren Recherchen hat auch für uns ganz klar gezeigt: Mit diesen Ideologieproduzenten ist ein Dialog auf Augenhöhe NICHT möglich! Es hat diverse Versuche gegeben, aber die wollen Recht haben! Sonst nichts!” Darauf komme ich später nochmal zurück. Am Ende des Abends sagt er noch: “Die Zeit, dass das alles egal ist, ist vorbei! Die führen einen Kampf, und das muss endlich ankommen!”

“Die Tragweite mit der wir es hier zu tun haben, ist der breiten Öffentlichkeit überhaupt nicht klar”

Eine Meinung zu allem möglichen hat ja heute praktisch jede’r. Aber wie diese Meinungen zustande kommen, unterscheidet sich doch sehr, denn die meisten hierzulande sehen die Lage weit weniger ernst, als Röpke und Speit berichten. Erst kürzlich entgegnete mir jemand in einer Diskussion über die AfD, dass die AfD in seinen Augen kein Grund zur Sorge wäre, weil die ja “nichts zu melden hat”. Meine Augen blicken derweil nach Sachsen, wo die AfD bei den Wahlen im September anstrebt, stärkste Kraft zu werden. Wie ignorant kann ein Mensch sein? Er ist weiß und cis-hetero, er gehört keiner der Gruppen an, die sich bedroht fühlen müssen. Da kann man das schonmal easy raushauen, dass die AfD kein Grund zur Sorge ist, und deren Erfolge einfach wegschmunzeln, und sich so eine Meinung, die den Fakten widerspricht, locker leisten. Solidarität mit Schwächeren ist das definitiv nicht, und Verantwortung übernehmen ebenso wenig. Das ist eine Meinung, um sich das Leben leicht zu machen. Auf Kosten der Schwächeren.

Eine Meinung ist dann eine “gute” Meinung, wenn sie fundiert ist, wenn sie auf der Grundlage von faktischem Wissen und Information gebildet wurde. Eine Meinung, die ausschließlich auf Empfindungen, Eindrücken und gefühlten Wahrheiten oder gar Fake News beruht, ist auch eine Meinung, aber sicherlich keine, die über alle anderen erhaben ist, und die einen Anspruch auf Vollständigkeit und absolute Wahrheit erheben kann.

Eine gute Meinung bzw. Meinungsbildung zeichnet sich, unabhängig von ihrem inhaltlichen Gegenstand, vor allem dadurch aus, dass sie sich durch einen Prozess über einen gewissen Zeitraum entwickelt, und auch danach immer offen bleibt für neue Informationen, und ggf. eine notwendige Anpassung. Lebenslanges Lernen und so.

Expertisen anderer ernst nehmen und lebenslanges Lernen als Basis für die eigene Meinung

Es gibt IMMER Leute, die sich mit etwas besser auskennen als ihr, und es lohnt sich, ihnen zuzuhören. Da können wir nämlich höchstwahrscheinlich was lernen! Sprecht niemandem seine’ihre Expertise ab, wenn ihr sie nicht selbst habt, oder ihr die der Person nicht mal richtig kennt! Das ist ein erster wichtiger Schritt. Protipp: Zuhören heißt nicht, sich zurückzulehnen und einzufordern. Betroffene sind oft gezwungen, sich permanent erklären zu müssen, und haben viele Diskussionen schon hunderte Male geführt. Es ist ermüdend und zermürbend, immer wieder in Frage gestellt zu werden. Wenn eine Person keine Kraft hat, etwas was du nicht verstehst, weiter auszuführen, dann recherchier auch mal etwas selbst. Das Internet bietet diverse großartige Quellen, wo Betroffene vieles bereits gut erklärt haben. Und du brauchst auch nicht so zu tun als wäre das eine unüberwindbare Herausforderung, die Pornos die du willst, findest du ja schließlich auch.

Eine Expertise kann viele Formen haben. Das kann eine berufliche Qualifikation sein, oder ein Abschluss in einem Fachgebiet, aber ebenso Fachwissen aufgrund langjähriger ehrenamtlicher Tätigkeit, wie politischem Aktivismus, und last but not least: Die Erfahrungen am eigenen Leib aufgrund von persönlicher Betroffenheit, durch Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gruppe, bezüglich des jeweiligen Themas. Ihnen ihre Expertise absprechen, sieht im Alltag häufig so aus: Eine marginalisierte Person erzählt von etwas, was ihr passiert ist, z.B. von einer diskriminierenden Situation. Die privilegierte (nicht-marginalisierte) Person zweifelt an der Glaubwürdigkeit der Erzählung, weil sie sich “das überhaupt nicht vorstellen kann”, weil sie sowas selbst schließlich noch nie erlebt hat. Und GENAU DAS ist der Punkt: Nur weil etwas in eurer Lebensrealität nicht vorkommt, heißt es NICHT, dass es nicht existiert! Im Gegenteil: Wenn etwas für euch nicht vorkommt, zeigt das umso deutlicher, wie gut es euch geht, und dass ihr über die Privilegien verfügt, dass ihr sowas nicht erleben MÜSST. Das sollte euch folglich erst recht stutzig und aufmerksam für die Lebensrealität anderer machen, die diese Privilegien nicht haben. Genau diese Tatsache, genau dieser Unterschied. Deshalb: Hört den Betroffenen zu, bevor ihr sie mit eurer Meinung beglückt.

“Aber wir haben ja Meinungsfreiheit!” hör ich jetzt schon wieder einige blöken. Die viel bemühte Meinungsfreiheit, in deren Glanz wir uns hierzulande sonnen können, bedeutet, dass jede’r seine’ihre Meinung sagen darf ohne direkt in den Knast zu wandern, aber NICHT, dass jede’r zuhören muss – um ein Missverständnis auszuräumen. Die Meinungsfreiheit endet allerdings dort, wo du mit deiner “Meinung” die Freiheit anderer Menschen einschränkst, indem du sie abwertest, ihre Existenz in Frage stellst, oder sie gar bedrohst. Rassismus ist keine Meinung, sondern Abwertung und Menschenhass, und ggf. ein Straftatbestand nach §130 StGB. Deshalb muss niemand das tolerieren, nirgendwo, nie! Und mit Meinungsfreiheit hat das wie gesagt überhaupt gar nichts mehr zu tun. Und wenn du meinst, mit Rassismus und Gewaltverherrlichung nach unten zu treten, wäre “Humor”, weil es lustig ist über Betroffene zu lachen, dann ist das auch das Ende jeder Diskussion.

Diskutieren heißt, Interesse am Gegenüber zu haben und voneinander lernen zu wollen

Überhaupt: Diskussionen. Diskutieren heißt nicht, dein Gegenüber zum Schweigen bringen zu wollen. Diskutieren bedeutet, voneinander lernen zu wollen, zuzuhören, über das Gesagte nachzudenken, darauf einzugehen, und hinterher gemeinsam zu neuen Erkenntnissen oder Einsichten gekommen zu sein, wenn auch nicht immer der gleichen Meinung zu sein. Agree to disagree, aber zumindest die andere Seite nachvollziehen können. Wer in eine Diskussion mit “Das ist meine Meinung, und die steht fest!” einsteigt, hat kein Interesse an einem Austausch, und muss sich folglich nicht wundern, wenn die Diskussion mit ihm*ihr dann konsequenterweise abgelehnt wird. Dasselbe gilt für Menschen, die in einer Diskussion in keiner Weise auf die Argumente der anderen Seite eingehen, sondern ihren Standpunkt einfach ständig wiederholen und betonen. Auch das ist keine Diskussion, weshalb dieses Gespräch dann auch direkt beendet werden kann. Ganz lustig wird es dann, wenn die abgewiesene Seite der anderen dann vorwirft, die “Diskussion” abzubrechen, weil ihr angeblich die Argumente fehlen. Aber weil diese abgewiesene Seite ja offenkundig überhaupt kein Interesse an den Argumenten der anderen hat, hat es demzufolge auch nie eine Diskussion gegeben. Aber naja, Recht haben wollen, positives Selbstbild erzeugen und so…

Und jetzt kommen wir mal direkt als erstes konkretes Beispiel zum absoluten Hottake in Sachen Meinung und Diskussionskultur, dem ich hier aufgrund seiner Relevanz etwas mehr Raum gebe:

Soll man mit Rechten reden? Nein.

Warum nicht? Enno Park, Publizist und Speaker, hat das auf Twitter kürzlich so erläutert: “Nazis grenzen aus und wenden Gewalt an. Deshalb haben Leute offenbar eine Hemmung, ihrerseits Nazis auszugrenzen oder Gewalt gegen sie anzuwenden, weil sie Angst haben, dann “Nazimethoden anzuwenden”, “selber Nazi” zu sein. Logisch ist das nicht – siehe poppersches Toleranzparadox (siehe Abbildung). Es ist ungefähr so, als habe man Angst, eine Polizei einzurichten, weil diese ja selbst “verbrecherische Methoden” verwende, wenn sie ihrerseits gegen Verbrecher vorgeht. Mit dem Gedanken “ich bin so tolerant, dass ich sogar Nazis toleriere” darf man sich “besser” fühlen. Man begibt sich in eine vermeintlich unangreifbare Superposition. Das ist sehr bequem, weil man nichts mehr gegen Nazis tun muss, weil die eigene Toleranz es verbietet.

Soviel zum Aspekt der Bequemlichkeit. Es gibt aber auch eine psychologische Erklärung, warum der Versuch keinen Sinn macht: Eine gefestigte Ideologie, die starken Identifikationscharakter hat, lässt sich NICHT durch Argumente von außen verändern. Dadurch erreicht ihr sogar das Gegenteil, weil es als Angriff auf das Selbstbild verstanden, also persönlich genommen wird.

Die einzigen, die Menschen mit gefestigter menschenfeindlicher Ideologie umstimmen können, sind sie selbst. Dazu müssen sie allerdings ihr komplettes Selbst- und Weltbild überdenken, was man nicht einfach so mal eben macht. Damit das (wenn überhaupt) in ihnen angestoßen wird, sind unmissverständlich klare Signale aus der Umwelt unbedingt erforderlich. Deswegen ist es absolut notwendig, immer und überall klare Ansagen zu machen; zu zeigen: Deine Weltsicht tolerieren wir nicht. Sie unkommentiert gewähren zu lassen führt zu Normalisierung und Akzeptanz, zu nichts anderem.

Mit Rechten reden führt zu Normalisierung und Akzeptanz – und das schon sehr erfolgreich wie wir sehen

Aber viele halten sich einfach gerne an der hippieesken Vorstellung fest, dass man nur mal mit den Rechten reden müsse, und man sich danach fröhlich und erleichtert in die Arme fällt. Weil das so schön, simpel und logisch klingt, dass man jemandem Dinge einfach nur mal erklären müsse, der’diejenige das dann versteht, und alles ist wieder gut. Man sollte auch mit Menschen reden, die sozusagen noch “unentschlossen” sind, und sich der menschenfeindlichen Ideologie noch nicht angeschlossen haben. Aber wer in Thor Steinar Klamotten rumläuft, und Kategorie C hört, der macht das nicht aus Versehen, oder zufällig. Der hat sich entschieden, der weiß ganz genau was er da tut, und vor allem warum er das gut findet. Und wenn ich mit ihm rede, als ob nichts wäre, signalisiere ich: Du bist okay, ich akzeptiere dich in meiner Gesellschaft. Eine Trennung zwischen Mensch und der Ideologie, die er vertritt, findet in unserer sozialen Informationsverarbeitung nicht statt. That’s NOT how human brains work! Auch wenn ihr das gerne hättet. Und bei einer dermaßen identitätsstiftenden Ideologie wie der von Rechten ist der Versuch einer Trennung von Gedankengut und Person absolut sinnfrei.

Und wenn ihr jetzt sagt “Aber dann werden die ja noch wütender!”: Gesteigerte Wut wegen Ausschlusses ist wenn überhaupt eine kurzfristige Folge, birgt aber für jede’n einzelne’n die Chance, diese geschlossene Reaktion der Umwelt als Signal wahrzunehmen und nachzudenken. Wenn mich von 20 Leuten in meinem Umfeld 10 ablehnen, die anderen 10 aber nicht, hab ich erstmal noch keinen Anlass die Ablehnung ernst zu nehmen, sondern fühle mich von den anderen 10 akzeptiert und bestätigt. Lehnen mich aber alle 20 meiner guten Freund*innen plötzlich ab, wird die Luft dünn, und ich bin je nach Charakterstärke irgendwann gezwungen, mal über mich und mein Auftreten nachzudenken, wenn mir diese Freund’innen am Herzen liegen. Und wenn nicht, ist die Ideologie so tief verwurzelt, dass dieser Mensch nicht mehr zu retten ist, schon gar nicht durch reden.

Rechte in Schutz nehmen als Akt der Selbstberuhigung und Schutz der eigenen rassistischen Projektionen

Enno Park findet hier noch die Ergänzung, dass sich “Bruchstücke und Einzelmotive nazistischer Ideologie bis weit in die Mitte der Gesellschaft [finden]. Fast alle hatten zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens und Persönlichkeitsentwicklung wohl schon mal irgendeinen “Nazi-Gedanken”. Hier findet eine Form der Verdrängung statt. Stur darauf zu beharren, dass Nazi nur sein kann, wer 1920-1945 ein Parteiabzeichen trug oder heute Hitler geil findet, enthebt von Selbstreflexion: Wieviel diskriminierendes, völkisches, rassistisches usw. Denken steckt in mir? Stattdessen werden Definitionskämpfe ausgefochten, was genau denn ein Nazi sei oder wohin die denn bei “Nazis raus” geschickt werden sollen. Das sind Scheinargumente, die helfen, den kleinen Nazi in einem selbst verdrängen zu können.”

An dieser Stelle möchte ich mal darauf hinweisen, dass diejenigen, die ganz eifrig nach Differenzierung rufen, weil ja nicht alle gleich Nazis seien, offenbar überhaupt kein Problem damit haben, Begriffe in ihrer alltäglichen Sprache zu verwenden, die sehr klar und eindeutig der rechten Szene zugeordnet werden können. Ihr wisst nicht, welche Begriffe das sein könnten? Abgrenzung also auch mal wieder nur dann, wenns in den Kram passt und keine Mühe macht, weil man vor der eigenen Tür kehren müsste. Und noch ein Hint: Differenzierung dient nicht der Relativierung, auch wenn ihr das gerne hättet.

Wer Differenzierung will, muss bei sich selbst anfangen!

Park weiter: “Wenn Leute emotional wesentlich mehr Anteil an Gewalt gegen AfD-Politiker nehmen als an Gewalt gegen Flüchtlinge, dann weil es sie stärker betrifft. Der AfD-Politiker ist einer von ihnen, einer von uns. Die Mitte hat Angst, mit ihm verwechselt zu werden. […] Der Faschist glaubt an das Recht des Stärkeren und verachtet und bekämpft die “Schwachen” offensiv.”

Diese ganze Anteilnahme, die Rechten nicht ausgrenzen zu wollen, hat also auch viel mit der Identifikation mit ihnen zu tun (das habe ich in diesem Artikel ausgeführt). Das kann ja mal jede’r von euch so auf sich wirken lassen, der’die sich von der Aussage, mit Rechten reden ist falsch, getriggert fühlt.

Identifikation hat auch immer was mit Abgrenzung zu tun. In Zeiten wachsender Unsicherheit ist das Bedürfnis sich nach unten abzugrenzen besonders groß. Bloß nicht zu den Schwachen gehören, nicht ins Fadenkreuz geraten! Die Schwachen im Sinne des florierenden, rechten Gedankenguts sind z.B. Linke, Frauen, People of Colour, die LGBTQIA-Community, Menschen mit Behinderung, und Obdachlose. Faschismus ist nicht nur eine Staatsform, sondern vielmehr eine Weltanschauung, die nach Kontrolle und Herrschaft über alles strebt, was lebt, wie Klaus Theweleit schreibt, und Margarete Stokowski aktuell in ihrer Kolumne aufgreift.

Abgrenzung als Selbstschutz – bloß nicht zu den Schwachen gehören

Und schließlich der wichtigste Punkt zu diesem Thema: Es geht in erster Linie um den Schutz derjenigen, die durch Nazis ganz direkt und unmittelbar realer Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt sind!! Verdammt noch mal. Wenn du Rechte verteidigst, und nicht ausgrenzen willst, sorgst du dich offenbar mehr um ihr Wohlergehen, als um das ihrer Opfer. Auch das können wir an dieser Stelle so stehen lassen.

Kommen wir zur nächsten faulen Ausrede: “Für mich sind alle Menschen gleich!” oder “Ich sehe keine Hautfarben!”

So kann nur jemand reden, der’die noch nie selbst erlebt hat, wie es ist, wenn unsere Gesellschaft dich 24/7 spüren lässt, dass du eben NICHT gleich bist, sondern dich strukturell benachteiligt und diskriminiert, du Gewalt erfährst, und du keine Privilegien genießt. Wenn die Polizei dich anlasslos wegen deiner Hautfarbe kontrolliert, wenn du in Geschäften unfreundlich behandelt wirst, weil das Personal wegen deiner Hautfarbe denkt, dass du klaust. Wenn du in einer Behörde gegängelt wirst, wenn du in der Schule von den Lehrer’innen (auch unbewusst) schlechter bewertet wirst, weil du Migrant’in bist. Und wenn du auf der Straße und im öffentlichen Raum allgemein Angst haben musst, Opfer von körperlicher Gewalt zu werden. Übrigens hat Gewalt viele Gesichter, körperliche Gewalt ist nur eins davon. Alles, wodurch auf einen Menschen Zwang ausgeübt wird, ist per Definition Gewalt. Behördliche Sanktionen und anderer psychischer Druck durch Abwertung sind ebenfalls Gewalt, die viele Menschen jeden Tag erfahren, und die in der Öffentlichkeit unsichtbar gemacht wird.

Und: Die Menschen, die davon betroffen sind, können aus dieser Rolle, aus ihrer Haut nicht einfach aussteigen. Sie erleben verschiedene Formen der Gewalt, jeden Tag. Das macht etwas mit einem Menschen, es verändert ihn, sein Verhalten, und sein Selbstbild. Es macht den Menschen kaputt.

Die Autorin Imoan Kinshasa schreibt zur Wahrnehmung und zum Umgang mit Rassismus:

“Wir lernen früh, dass Rassismus eine Tat ist, die von einem Individuum mit böser Absicht ausgeführt wird. Rassismus ist aber nicht nur, dass Nazis einen Ausländer verdreschen oder Asylunterkünfte anzünden. Rassismus beschränkt sich nicht auf eine einzige bösartige Handlung einer Person, es ist ein System, in dem wir leben und sozialisiert werden. Rassismus sind Reaktionen und Denkweisen, die wir erlernen und nicht hinterfragen.” Hier der ganze Text, den ihr wirklich lesen solltet. Das erklärt nebenbei auch, wieso es keinen Rassismus gegen Weiße gibt: Weil es kein jahrhunderte altes, kollektives System gibt, das ihn trägt, mit all seinen Auswirkungen, wie dem Verlust bzw. Vorenthalten von Privilegien. Wenn dich jemand Alman oder Kartoffel nennt, und du dich davon beleidigt fühlst, ist das trotzdem kein Rassismus. Get over it.

Rassismus ist ein System, aus dem die Betroffenen nicht enkommen können – realisiert das!

Jetzt denk nochmal nach, was es bedeutet, wenn du so ganz easy sagst, für dich wären alle Menschen gleich. Ich weiß, klingt halt so schön gönnerhaft und geht gut über die Lippen, schafft moralische Wohlfühlatmosphäre. Aber du negierst all diese Erfahrungen und Leidensgeschichten, die Gewalt und den realen Alltag all dieser Menschen. Und du leugnest damit, Teil dieser Gesellschaft zu sein, die diese Gewalt ausübt, und durch die du überhaupt nur zu deinen Privilegien gekommen bist. Du drückst dich vor deiner Verantwortung. Sonst nichts.

Davon abgesehen ist das ohnehin Bullshit, weil WIR ALLE rassistische und sexistische Verhaltensmuster sehr tief internalisiert haben. Weil wir nämlich alle in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind, die auf diese Muster aufgebaut ist. Das trifft sogar auf Betroffene zu, die darum manchmal glauben, sie hätten es nicht anders verdient, und aus Gewohnheit und der Hoffnung auf Akzeptanz selbst über diskriminierende Witze lachen. Kommt mir also nicht mit “Ich hab nen Schwarzen Freund, der findet das N-Wort überhaupt nicht schlimm!”. Abwertende Sprache ist schlimm und verachtenswert, du verletzt damit Menschen und trägst zum Erhalt der herrschenden Strukturen bei. Vollkommen wurscht, ob du jemanden kennst, der aus internalisierter Gewohnheit gelernt hat, sich dem Ton anzupassen.

Die Gesellschaft prägt uns, davon bist du nicht ausgenommen!

Ein gutes Beispiel für internalisiertes Verhalten finden wir bei solchen Argumenten gegen Feminismus: “Aber es gibt auch Frauen, die Feminismus scheiße finden, und auch bei den Rechten gibt es Frauen! Wie passt das denn zusammen, wenn Rechte doch Frauen angeblich bekämpfen?”

Die Kontrolle, also Macht, zu haben, heißt Sicherheit zu haben, weil man selbst bestimmen kann, was geschehen soll. Wie ausgeprägt das Sicherheitsbedürfnis ist, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Eine neue Freiheit an Möglichkeiten der Lebensgestaltung kann auch verunsichern und Angst machen. Deshalb bleiben manche Frauen lieber in ihrer vorbestimmten Rolle, das gibt ihnen Orientierung und Sicherheit. Was viele Männer selbstverständlich begrüßen, weil ihre Vormachtstellung damit unangetastet bleibt, und nicht durch eine Frau die plötzlich eigene Wünsche und Bedürfnisse hat, in Frage gestellt wird. Deswegen passt das an der Stelle so gut mit rechtem Gedankengut zusammen. Der kardinale Denkfehler ist, dass “der” Feminismus diese traditionelle Rolle abschaffen will. Das ist totaler Blödsinn. Intersektionale Feminist’innen wollen erreichen, dass jeder Mensch (nicht nur Frauen) sich vollkommen frei entscheiden kann, wie er’sie leben möchte, indem alte Muster, die auf Machtgefälle, Abhängigkeiten und aggressivem Konkurrenzverhalten aufgebaut sind, aufgebrochen und überwunden werden. Bell Hooks hat das in ihrem Buch “Feminism is for Everybody” ausgeführt. Darüber hinaus spielt hier das Thema Anbiederung bei der herrschenden Klasse eine wichtige Rolle. Mit den Wölfen zu heulen, um ein kleines bisschen an der Macht teilzuhaben, und den Kopf getätschelt zu bekommen. Bloß: Ein Wolf wirst du deswegen trotzdem nie. Aber manchen reicht die Position der ewigen Steigbügelhalterin, statt mit den anderen dafür zu kämpfen, selbst aufs Pferd zu kommen. Ist halt einfacher so.

Wenn du behauptest, DU siehst die Welt aber anders, und DU hättest keine rassistischen, sexistischen oder anderen diskriminierenden Verhaltensweisen, dann nehm ich dir das allerhöchstens dann ab, wenn du allein auf dem Mond aufgewachsen bist. Du bist hier sozialisiert worden, also übernimm auch Verantwortung für dein Verhalten.

Auch gerne genommen ist sowas: “Ich bin bereit die Schwächeren zu unterstützen, aber die Person muss mich erstmal überzeugen, dass sie meine Unterstützung verdient hat, und kein trittbrettfahrender Jammerlappen ist.”

Sprich der betroffenen Person NIEMALS ihre Gefühle ab! Auch wenn du etwas, was du gesagt hast, “nicht so gemeint” hast. Dann entschuldige dich, und mach es nächstes Mal besser. Die Deutungshoheit was rassistisch, sexistisch oder sonstwie diskriminierend ist, liegt NICHT bei dir, wenn du nicht betroffen bist!

Wenn es dir wichtiger ist, zu selektieren (weil du tatsächlich meinst, das wäre notwendig, weil du der Person nicht glaubst), und deine Solidarität damit an Bedingungen (und zwar DEINE Bedingungen) zu knüpfen, bist du Teil des Problems. Dann erkennst du das Leid von Marginalisierten nur an, wenn sie in deinen Augen (und nicht in ihrem Erleben und Empfinden) ihr Leid bewiesen haben. Mehr privilegiertes Denken geht kaum noch. Kommt alle mal von eurem hohen Ross runter, ihr Arschgeigen. Wie wäre es mal mit Demut gegenüber den Betroffenen? Weil die jeden Tag Dinge ertragen, die euch ein Leben lang erspart bleiben! Und das zusätzlich zu dem individuellen, persönlichen struggle, den wir alle haben. Rassismus und Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit, Antisemitismus und Ableismus sind jeden Tag real.

Ganz weit oben mit dabei ist dann auch: “Oh Mann, heutzutage ist ja wohl ALLES rassistisch, sexistisch, oder irgendwie diskriminierend! NICHTS darf man mehr!!”

Aufgepasst: Ja, SEHR vieles, was wir sehr lange als normal und okay kennen gelernt haben, ist wirklich diskriminierende Kackscheiße. Weil, wie ja bereits erwähnt, diese Mechanismen einen unmittelbaren Zusammenhang mit den herrschenden Machtverhältnissen haben, in denen wir leben. Sie tragen maßgeblich dazu bei, diese Machtverhältnisse zu erhalten. Also ja, krass wie weit diese Dinge in unser Leben verflochten sind, oder? Und noch krasser, sich jetzt vorzustellen, wie die Betroffenen sich dabei fühlen müssen. Und so richtig krass wäre es, aufzuhören rumzuheulen, wie anstrengend es ist, dass du jetzt mal anfangen musst auf andere Rücksicht zu nehmen und über das nachzudenken, was du machst.

Fühlst du dich jetzt angegriffen? Gut, dann bist du nämlich gemeint!

Und wenn du jetzt kommst mit: “Das ist mir alles zu radikal! So können Veränderungen nicht gelingen!”

Veränderungen werden NIE von den Machthabenden angestoßen, oder von denen, die zufrieden sind, weil sie von den bestehenden Verhältnissen profitieren. Logisch, oder? Veränderungen werden von denen erkämpft, die unzufrieden, benachteiligt, oder unterdrückt sind. Mit freundlich Nachfragen wurde noch keine Sache von Machthabenden für Minderheiten erkämpft.

So, jetzt hab ich euch einen Spiegel vorgehalten, und der Blick da rein ist bisweilen ziemlich unangenehm. Aber auch wenn sich heute alle gerne mit dem Label schmücken, weils gerade total angesagt ist: Selbstreflexion bedeutet nicht, sich vor den Spiegel zu stellen und sich zu beweihräuchern, was für ein geiler Typ du bist! Selbstreflexion ist es dann, wenn es dahin geht, wo es weh tut. Hinterfrag deine Verhaltensweisen gegenüber anderen Menschen. Untersuch deine Trigger: Warum werd ich bei diesem einen Gedanken aggressiv? Hast du vielleicht das Gefühl, dir wird etwas weggenommen, weil du anderen etwas zugestehst? Warum? Was genau stört dich an bestimmten Vorstellungen, und warum? Welche Vorurteile und abwertendes Denken stecken dahinter? Geh an deine gedanklichen Grenzen, und überwinde sie. Ihr könnt an euch arbeiten und es jeden Tag ein bisschen besser machen. Das ist die Chance, euch reell weiterzuentwickeln und Gesellschaft neu zu gestalten. Es ist sehr befreiend, die Widersprüche abzulegen und sich einzugestehen, dass man sich scheiße verhalten hat, aber ab sofort einen anderen Weg geht.

Abschließend habe ich hier einen Auszug aus einem Interview mit dem Soziologen und Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer für euch, als Inspiration, wie und wo ihr in eurem Alltag anfangen könnt:

W.H.: Der Alltag ist entscheidend. Dort müssen die Auseinandersetzungen geführt werden.

Es muss gestritten werden?

W.H.: Ja, überall, um mühsam erkämpfte liberale Normen wenigstens zu verteidigen. Auf Verwandtschaftstreffen, bei Weihnachtsfeiern, im Verein, im Betrieb. Was passiert eigentlich, wenn dort jemand rechtsextreme oder autoritäre Sprüche ablässt? Bin ich in der Lage, dort zu intervenieren? Dazu bedarf es eines ganz harten Trainings, großer Disziplin. Keiner will, dass das Klima an der Arbeitsstelle vereist. Keiner will die Verwandtschaft verlieren, die Freunde. Trotzdem: Da entscheidet sich viel. Wir müssen keine Helden sein, aber im Alltag muss man schon mutig werden.

Übernehmt endlich Verantwortung. Die Zeit, in der das alles egal ist, ist vorbei.

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https://stadtkontext.de/mit-welchen-meinungen-ihr-es-euch-bequem-macht-und-euch-vor-eurer-verantwortung-drueckt/feed/ 1 2587
Nautikparty 2018: Sexismus statt MINT-Förderung für Frauen* (Update) https://stadtkontext.de/nautikparty-sexismus/ Tue, 04 Dec 2018 17:00:12 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2490 Am vergangenen Samstag fand in der Mensa der Hochschule an der Werderstraße die Nautikparty 2018 statt. Das Poster warb für Bier und Shots “ab 1€”, und mit einer Piratin mit wehenden Haaren. So weit, so nautisch, aber außer einem BH und Bändern, die ihre Brüste einschnüren, hat die Frau nicht viel an. An der Hochschule…

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Foto des Posters für die Nautikparty 2018 (Quelle: Facebook event)

Am vergangenen Samstag fand in der Mensa der Hochschule an der Werderstraße die Nautikparty 2018 statt. Das Poster warb für Bier und Shots “ab 1€”, und mit einer Piratin mit wehenden Haaren. So weit, so nautisch, aber außer einem BH und Bändern, die ihre Brüste einschnüren, hat die Frau nicht viel an.

An der Hochschule gibt es ein Mentoring-Programm für die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Denn in diesen Fächern ist der Anteil der nicht-männlichen Studierenden besonders niedrig.

Das liegt zum Teil daran, dass in den “männlich konnotierten Fächern” (aus den Erläuterungen zu “makeMINT”) die weiblichen* Identifikationsfiguren fehlen. Deswegen hat die Hochschule ein Programm, das speziell MINT-Studentinnen im ersten und zweiten Semester zur Zielgruppe hat.

Denn wo unter den Erstsemestern im Studiengang Ship Management (Nautik) noch 3 von 25 neuen Studierenden Frauen sind, sind es auf den gesamten Studiengang verteilt nur noch 10 unter 140. Das teilte uns die Pressestelle der Hochschule auf Anfrage mit.

Es fangen also 12 Prozent Frauen an, den Studiengang zu studieren. Der Gesamtanteil im Studiengang liegt dann aber nur noch bei 7 Prozent (und sogar nur 4,5 Prozent im verwandten Studiengang Shipping and Chartering).

An beiden Händen abgezählt entspräche das etwas mehr als einem halben Daumen 👎. Unter den Erstsemestern also dem Mittelfinger. (Also ich meine jetzt nur, weil der länger ist. Ich benutze auch nicht das Emoji.)

Die Fachschaft Natur und Technik konnten wir leider bis zur Veröffentlichung des Artikels noch nicht für einen Kommentar erreichen. Die Frauenbeauftragte Barbara Rinken hat unsere Anfrage an den Konrektor für Lehre weitergeleitet, weiß aber zumindest nichts von Beschwerden über die Party oder das Poster.

Allerdings sind auch das Poster des vergangenen Jahres und das Design der Facebook-Persona “Max Nautik (Nautikparty)” einschlägig.
Schade, denn dabei ging es 2016 auch noch mit einem schicken (aber vollständig bekleideten) Matrosen.

Update: am Tag nach der Veröffentlichung, Mittwoch 05. Dezember 2018, schrieb uns die Fachschaft des Bereichs 5, in dem auch der Studiengang Nautik liegt. Demzufolge hat sie die Party nicht veranstaltet und findet das Plakat „zu sexistisch … und [es] sollte nicht auf öffentlichen Flächen hängen“.

[Beitragsbild: Martijn van Exel, Sexistische Kackscheisse, Rigaer Straße, 22. Oktober 2006, CC BY-SA/2.0]


05.

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Rote Hilfe soll Verboten werden, ein weiterer Angriff auf linke Strukturen https://stadtkontext.de/rote-hilfe-soll-verboten-werden-ein-weiterer-angriff-auf-linke-strukturen/ Tue, 04 Dec 2018 13:28:58 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2479 Der Focus berichtet laut Informationen aus dem Innenministerium, dass Horst Seehofer die Rote Hilfe e.V. verbieten will. Sollte dies wirklich so eintreten, wäre es ein erneuter Angriff auf bundesweite linke antifaschistische Strukturen, nach dem Verbot der Informationsseite linksunten.indymedia.org. Diese Entwicklung, in Zeiten des erneuten Aufstiegs rechtsradikaler Organisationen innerhalb und außerhalb der Parlamente in Deutschland, ist…

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Der Focus berichtet laut Informationen aus dem Innenministerium, dass Horst Seehofer die Rote Hilfe e.V. verbieten will. Sollte dies wirklich so eintreten, wäre es ein erneuter Angriff auf bundesweite linke antifaschistische Strukturen, nach dem Verbot der Informationsseite linksunten.indymedia.org.
Diese Entwicklung, in Zeiten des erneuten Aufstiegs rechtsradikaler Organisationen innerhalb und außerhalb der Parlamente in Deutschland, ist erschreckend. Sie ist aber ebenso verfassungsrechtlich bedenklich; bei dem Indymedia-Verbot wurde unserer Meinung nach Artikel 5 Grundgesetz (Pressefreiheit) eingeschränkt, beim Versuch des Verbots der Rote Hilfe e.V. wird Artikel 9 Grundgesetz (Vereinsfreiheit) angegriffen.

Wer ist die Rote Hilfe?

Die Rote Hilfe ist ein Verein mit etwa 9000 Mitgliedern. Er wurde 1975 gegründet und setzt sich aus rund 50 Ortsgruppen zusammen. Der Verein, ist eine parteiunabhängige, strömungsübergreifende linke Schutz- und Solidaritätsorganisation, und ist ausschließlich im Bereich der Antirepressionsarbeit tätig.

Konkret heißt das, der Verein unterstützt linke Menschen, die aufgrund von politischem Aktivismus in Konflikt mit den Justizbehörden gekommen sind, mit Geld und juristischer Beratung. Ebenso unterstützen sie die Ermittlungsausschüsse (EA), die sich mit juristischer Hilfe um Menschen kümmern, die während Demonstrationen in Gewahrsam genommen worden sind. Ebenso unterstützt die Rote Hilfe in Vorbereitung von Demonstrationen mit Workshops zum Umgang mit Repression und Staatsschutz. Sehr zu empfehlen ist dabei die Broschüre “Was tun wenn es brennt?”

Vom “Verfassungsschutz” wird dieser Verein seit langem fast vollumfänglich beobachtet, außer im Saarland und in Rheinland-Pfalz. Schon damit wird der Solidaritätsverein bisher unnötig kriminalisiert. Sollte dies jetzt noch in ein Verbot münden, ist es ein unsäglicher Angriff der staatlichen Repressionsbehörden auf solidarische linke Strukturen.

Was würde ein Verbot für uns bedeuten?

Ein Verbot der Roten Hilfe würde wie schon erwähnt, einen schweren Schlag für die linken außenparteilichen Strukturen bedeuteten. Menschen die sich aktiv gegen rechte Gruppen und Demonstrationen stellen, zum Beispiel in Sitzblockaden befunden haben und danach kriminalisiert wurden, würden ihre finanzielle Unterstützung verlieren. Wichtige Informationen im Umgang mit Repression für Menschen, die neu im antifaschistischen Umfeld sind würden eine Anlaufstelle verlieren.
Das Verbot würde eine der wenigen linken Strukturen treffen, auf die sich eigentlich alle linken Gruppen bis hin zu den JuSos einigen konnten.

Es bleibt also festzuhalten, dass die Rote Hilfe fehlen würde, und wir als Antifaschist*innen darum dieses drohende Verbot anprangern, bekämpfen und die Rote Hilfe unterstützen.

Darum möchten wir euch auch hier auffordern, falls ihr die Möglichkeit habt, werdet Mitglied bei der Roten Hilfe oder spendet an sie.

Den Mitgliedsantrag findet ihr hier: Link zur Roten Hilfe

Quellen:

erwähnter Focusbeitrag zum Thema

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Hallo Berlin, wir haben ein Problem! https://stadtkontext.de/hallo-berlin-wir-haben-ein-problem/ https://stadtkontext.de/hallo-berlin-wir-haben-ein-problem/#comments Wed, 03 Oct 2018 20:02:41 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2411 Schaffen wir es nicht mehr, unsere Kieze zu verteidigen? Naziaufmärsche gehen mitten durch sie durch und es gibt nicht einmal mehr ernstzunehmende Blockaden, das kann doch nicht unser Berlin sein, oder? Am 03. Oktober ist es nach dem Hess-Marsch das zweite Mal, dass im Jahr 2018 eine Nazidemo mit mehreren hundert Teilnehmenden durch ein (ehemaliges)…

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Schaffen wir es nicht mehr, unsere Kieze zu verteidigen? Naziaufmärsche gehen mitten durch sie durch und es gibt nicht einmal mehr ernstzunehmende Blockaden, das kann doch nicht unser Berlin sein, oder?

Am 03. Oktober ist es nach dem Hess-Marsch das zweite Mal, dass im Jahr 2018 eine Nazidemo mit mehreren hundert Teilnehmenden durch ein (ehemaliges) linkes Viertel gezogen ist. Auch dieses Mal war der Widerstand erschreckend gering. Anders als beim Hess-Marsch gab es jedoch keine großen Verlegespiele unter Mithilfe der Polizei. Die Ausrede, dass wir tausend Nazis durch Friedrichshain haben laufen lassen, war damals meiner Meinung nach schon eher vorgeschoben.

Dass die »Wir für Deutschland«(WfD) Demo am 3. Oktober stattfinden würde, war ausreichend vorher bekannt, ebenso die Strecke und dass es ein lohnendes Ziel für Nazis aus ganz Deutschland sein könnte. Trotzdem hat es Berlin nicht geschafft, eine vernünftige Gegenmobilisierung auf die Beine zu stellen.
Es gab nur zwei Gruppen, die tatsächlich etwas hinbekommen haben, zum einen das bürgerliche Bündnis «Berlin gegen Nazis« (Kundgebung an der Kreuzung Ackerstr. Ecke Invalidenstr.) und die Hedonist*innen am Rosenthaler Platz. Beide Kundgebungen waren voll, laut und ein Zeichen des Widerstands gegen den rechten Dreck.

Es gab jedoch keinerlei Mobilisierung von großen radikalen linken Gruppen gegen diese Demo, weder die »Interventionistische Linke« noch »Top B3rlin« oder andere größere Antifa-Gruppen haben etwas auf die Beine gestellt. Dementsprechend gab es bis auf einen Versuch des »Roten Aufbau« einer Kundgebung in Friedrichshain am Nordbahnhof sowie einer Sitzblockade auf der Turmstraße eigentlich keinen merkbaren Widerstand gegen Rechts.
Das ist erschreckend! Während einem nationalem Rechtsruck schafft es die Berliner Linke nicht einmal mehr, sich in ihren eigenen Kiezen Nazis entgegenzustellen?

Könnte sich irgendjemand einen Naziaufmarsch vorstellen, der mit mehreren hundert bis tausend Nazis quasi widerstandslos durch die Hamburger Schanze, Leipzig Connewitz oder Münster läuft? In Hamburg waren nach den rassistischen Übergriffen 10.000 Menschen, die gegen eine »Merkel muss Weg« Demo von 150 Leuten demonstrieren. In München – nicht gerade bekannt für seine krasse linke Szene – waren am gleichen Tag zwischen 20.000 und 40.000 Menschen gegen CSU und AfD demonstrieren.
Berlin hat bisher nur andeutungsweise solche Zahlen geschafft und das ausschließlich, wenn die Clubszene probiert hat, eine Party daraus zu machen. Ist das euer Ernst?

Am 18. August war das schon eine Nummer, die ich nicht glauben konnte, die Aktion am 3. Oktober ist jetzt einfach nur noch peinlich. Hat die Berliner Linke sich aufgegeben? Größere Gruppen, die sich zu einer Kundgebung von Nazis in Buch oder auch nur Britz bewegen, gab es ja schon lange nicht mehr. Die Angriffe auf Antifaschist*innen in Neukölln zeigten auch schon, wie sicher sich Nazis in Berlin fühlen. Ich hab wirklich keine Ahnung was, aber irgendwas muss passieren. Vielleicht sollten bestimmte Kleinkriege beiseite gelegt werden und die Gruppen, die relevant sind oder waren, sich überlegen, wie es weiter gehen soll.
Das heißt nicht, dass jetzt der Jugendwiderstand irgendwo eingebunden werden soll, aber der Rest könnte sich ja mal zusammenraufen.

Die nächste Nazigroßdemo in Berlin ist bekannt: Am 9. November wird es einen »Trauermarsch« geben, der ebenfalls wieder von »Wir für Deutschland« organisiert wird. Das Datum ist dann noch etwas wichtiger und muss verteidigt werden, es wäre schön wenn »wir« das zur Abwechslung hinbekommen.Damit dieser Text aus dem Jahr 2014 wieder wahr wird und Nazis sich nicht mehr trauen, durch Berlin zu marschieren.

Bilder von der Nazidemo unter:

2018.10.03 Berlin Mitte - WfD Aufmarsch (1)

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https://stadtkontext.de/hallo-berlin-wir-haben-ein-problem/feed/ 2 2411
Das Problem AirBnB in Berlin https://stadtkontext.de/das-problem-airbnb-in-berlin/ Sun, 05 Aug 2018 09:47:11 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2368 Wie in vielen anderen Städten, gibt es in Berlin sehr viele AirBnB-Unterkünfte. Sie sind beliebt bei Tourist*innen aus der ganzen Welt. Und wer kann es ihnen verdenken? Auch ich habe während meines Urlaubs schon AirBnB benutzt. Das Gefühl sich in einer fremden Stadt wie ein*e Anwohner*in zu bewegen, kann grossartig sein. Jedoch entsteht durch dieses…

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Wie in vielen anderen Städten, gibt es in Berlin sehr viele AirBnB-Unterkünfte. Sie sind beliebt bei Tourist*innen aus der ganzen Welt. Und wer kann es ihnen verdenken? Auch ich habe während meines Urlaubs schon AirBnB benutzt. Das Gefühl sich in einer fremden Stadt wie ein*e Anwohner*in zu bewegen, kann grossartig sein.

Jedoch entsteht durch dieses Geschäftsmodell ein Problem: viele Wohnungen werden nun als AirBnBs genutzt, die dadurch auf dem hart umkämpften Wohnungsmarkt wegfallen und fehlen. Sie werfen so wesentlich mehr Profit für dir Vermietenden ab. Es wird vermutet, dass bis zu 10.000 Wohnungen in Berlin so dem Markt entzogen werden – dies trifft besonders beliebte Bezirke wie Neukölln, Kreuzberg und Mitte.
Wenn ihr mehr Informationen zur Situation in anderen Städten sucht, schaut euch diese Reportage des WDR an.

Die Rot-Rot-Grüne Regierung hat für AirBnB-Wohnungen nun eine Registrierungspflicht eingeführt. Erlaubte AirBnBs müssen eine Registrierungsnummer in ihrem Profil besitzen. Leider setzt die Stadt bislang kaum auf die Kontrolle der Pflicht.

Wenn ihr mitbekommt, dass in eurer Nachbarschaft ein AirBnb ist – Anzeichen dafür sind etwa wöchentlich wechselnde Bewohner*innen, viele Rollkoffer, etc. – meldet dies doch unter dieser Adresse.

Ihr könnt auch diese Handzettel ausdrucken und in eurem Kiez aufhängen, damit auch die Tourist*innen Bescheid wissen. Es soll nicht darum gehen sie zu verdrängen, sondern ein Berlin für alle (außer Nazis) zu schaffen.</div>

Anti-AirBnB 

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Wahlkampf mit Angst – die paradoxe Strategie der CDU fürs Viertel https://stadtkontext.de/wahlkampf-mit-angst-die-paradoxe-strategie-der-cdu-fuers-viertel/ Wed, 27 Jun 2018 17:26:20 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2334 Die Bremer CDU lud am Dienstagabend zu einer Veranstaltung namens: “Steintor und Ostertor – gefährliches Viertel?” – Das wollten wir uns mal näher ansehen… Knapp 50 Leute sind ins Lagerhaus gekommen um sich anzuhören, was die CDU und die Vertreter der Bremer Polizei zum Thema zu sagen haben. Neben Jörg Kastendiek (Wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion)…

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Die Bremer CDU lud am Dienstagabend zu einer Veranstaltung namens: “Steintor und Ostertor – gefährliches Viertel?” – Das wollten wir uns mal näher ansehen…

Knapp 50 Leute sind ins Lagerhaus gekommen um sich anzuhören, was die CDU und die Vertreter der Bremer Polizei zum Thema zu sagen haben. Neben Jörg Kastendiek (Wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion) sind auch Wilhelm Hinners (Innenpolitischer Sprecher CDU-Fraktion) und als Vertreter der Polizei Derk Dreyer (Revierleiter Mitte/Östliche Vorstadt) und ein Vertreter des Polizeireviers Steintor, sowie Norbert Caesar in seiner Rolle als 1. Vorsitzender der Interessengemeinschaft “Das Viertel e.V.” vor Ort. Es war um namentliche Anmeldung gebeten, dies wurde beim Einlass aber nicht überprüft – wir konnten also rein.

Themen sollten vor Allem Drogenkriminalität, Diebstähle und Gewalttaten sein, welche lt. Einladungstext dazu führen, dass “das Unsicherheitsgefühl der Viertelbewohner zunimmt”, und “die Sicherheitslage mit wachsener Besorgnis” beobachtet wird. Auch über die Sichtmauer an der Helenenstraße und Waffenverbotszonen soll diskutiert werden. Weiter: “Oder erfordern die Umstände andere Mittel?” Interessant.

Herr Dreyer beginnt die Veranstaltung mit der Präsentation verschiedener Statistiken, deren Beschriftungen praktisch nicht zu erkennen sind, und die er im Einzelnen nur oberflächlich erläutert. Eine ältere Dame neben mir beugt sich zu mir rüber und fragt, ob ich dem folgen könne, das ginge alles etwas schnell. Anfangs werden gesunkene Zahlen der Straftatenentwicklung präsentiert, im Viertel wären sie aber gestiegen. Dann folgen verschiedene Statistiken, die mal gestiegene, mal gesunkene Zahlen präsentieren – mal geht es um die Art des Deliktes, mal um den Stadtteil. Auch ich kann dem inhaltlich nicht mehr folgen, weil es keine schlüssige Reihenfolge zu geben scheint. Dabei lobt Herr Dreyer, dass die Polizei jetzt mehr Befugnisse hätte, die sie im Viertel entsprechend genutzt hätten. Leider fragt niemand nach, von welchen Befugnissen er hier denn spricht, da das neue Bremische Polizeigesetz ja vorerst von der Grünen-Fraktion ausgebremst wurde.

Allheilmittel mehr Polizei mit mehr Befugnissen – Ineffektivität spielt keine Rolle

Je nach Statistik erzählt er entweder, die polizeilichen Maßnahmen wären erfolgreich, oder aber es bräuche mehr Polizei, wie die gestiegenen Zahlen ja belegen würden. Besonders spannend wird es bei Thema Drogenkriminalität: Mehrfach betont Herr Dreyer, dass die erteilten Platzverweise und der hohe Aufwand, der in die Verfolgung der Dealer investiert wird, sehr erfolgreich wären. Später sagt er, wenn ein Dealer gehen muss, stehen für ihn dann zwei Neue da, wie hochprofessionell das gesamte Netzwerk organisiert sei, und dass die Polizeiarbeit hier einen enorm hohen Aufwand mit mäßigem Erfolg bedeutet. Weshalb – Achtung – man NOCH mehr für die Verfolgung bereitstellen müsse.

Ich hätte an dieser Stelle gern einen Merksatz eingestreut, den ich kürzlich im Studium gelesen habe: “Sichere Gründe fürs Scheitern einer Unternehmung: Die Umweltbedinungen ignorieren, Veränderungen ablehnen, und einfach so weitermachen wie bisher, nur noch stärker als vorher.”

Einen weiteren Moment der Ironie gab es, als zuerst eine Frau der JU fragte, wie verhindert werden könnte, dass sich die Neustadt in Bezug auf Gentrifizierungsprobleme ähnlich entwickelt wie das Viertel. Kurz danach beschwerte sich ein junger Mann im Sakko und akkurat gelegtem Haar über die Dealer, die ihn auf dem Weg zu Rewe ansprechen würden. Offenbar ist er also aus irgendwelchen Gründen ins Viertel gezogen. Lol. Die Frage blieb übrigens vom Podium unbeantwortet.

Als es dann darum ging, wie die Gewaltdelikte reduziert werden können, wurden die Podiumsmitglieder nicht müde immer wieder zu betonen, dass eine frühere Sperrstunde sich sehr positiv auf die Reduzierung von Gewaltdelikten auswirken würde. Durch die (Außen-)Gastronomien und vor Allem die Kioske wären die Menschen länger auf der Straße unterwegs, wodurch eben auch die Gewalttaten steigen würden. Und auch hier wurde es wieder paradox: Denn, wie bereits in der Begrüßung betont wurde, solle das Viertel ja in seiner Form erhalten werden, da es ja besonders viele Gäste auch aus dem Umland zum Feiern und Geld ausgeben anzieht. Mal sehen wie viele noch kommen, wenn auch am Wochenende dieselbe Sperrstunde gilt wie unter der Woche (1 Uhr), was als mögliche Maßnahme in der Diskussion angedeutet wurde. Schrödingers Viertel.

Das Viertel soll für Gäste attraktiv bleiben – bloß möglichst ohne Gäste in den Wochenendnächten

Den “Höhepunkt” erreichte die Diskussion, als Herr Dreyer sagte, die Gastronomen wären angehalten, auf die “äußere Erscheinung” ihrer Gäste zu achten. Ich dachte kurz ich hätte mich verhört, bis mir wieder einfiel auf was für einer Veranstaltung ich hier bin. Racial Profiling als Ansage an die Gastronomie. Wow.

Erst als sich der Betreiber des Heartbreak Hotels zum Schluss noch zu Wort meldete, und die Polizei deutlich dafür kritisierte, die Gastronomen für die Kriminalität verantwortlich zu machen, und schilderte, wie engagiert und bemüht die Gastronomen um ein friedliches Miteinander mit den Anwohner*innen seien, lenkte die Polizei etwas ein. Als Hauptverantwortliche wurden im Verlauf dann die Kioske ausfindig gemacht, die die Menschen auf der Straße hielten.

Zum Thema Rotlichtmillieu hieß es schlussendlich lediglich, die Sichtmauer müsse weg, es müsse alles ausgeleuchtet werden, und natürlich brauche man zwecks Kontrolle der Lage deutlich mehr Polizei. Einigen Gästen wäre es am Liebsten, die alteingesessene Helenenstraße würde ganz verschwinden. Wohin – egal. Hauptsache hier weg. Sollen sich andere damit rumschlagen. Als würde jemand fordern die Reeperbahn dicht zu machen, weil man da jetzt wohnt. Interessanter Standpunkt, der einen gewissen Rückschluss auf die Ausprägung der Kompromissbereitschaft der Gäste zulässt.

Rotlicht? Bitte nicht hier!

Was man der Veranstaltung lassen muss, ist, dass sie konsequent ein Ziel verfolgt hat: Wahlkampf. Mit einer “Nette Onkel aus der Nachbarschaft”-Mentalität wurde eine Ausweitung der Polizeibefugnisse, Racial Profiling, ein in Kauf nehmen des Kneipensterbens, und eine Drogenpolitik, die auf ganzer Linie versagt hat, beworben.

Die ältere Dame neben mir sagte übrigens zum Schluss noch zu mir, dass sie nicht verstehe, warum die selben Maßnahmen weiter geführt werden solle, wenn diese doch nichts zu nützen scheinen. Ich sagte, Legalisierung wäre hier der richtige Weg. Sie hatte zwar Bedenken, stimmte aber zu, dass man sowas ja mal ausprobieren könne, weil es ja so wie bisher nich funktioniert. Sie hat’s verstanden.

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