Stadtkontext https://stadtkontext.de Samt im Getriebe Thu, 09 Aug 2018 13:45:05 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.8 134506318 Das Problem AirBnB in Berlin https://stadtkontext.de/das-problem-airbnb-in-berlin/ https://stadtkontext.de/das-problem-airbnb-in-berlin/#respond Sun, 05 Aug 2018 09:47:11 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2368 Wie in vielen anderen Städten, gibt es in Berlin sehr viele AirBnB-Unterkünfte. Sie sind beliebt bei Touristinnen aus der ganzen Welt. Und wer kann es ihnen verdenken? Auch ich habe während meines Urlaubs schon AirBnB benutzt. Das Gefühl sich in einer fremden Stadt wie eine Anwohner*in zu bewegen, kann grossartig sein. Jedoch entsteht durch dieses…

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Wie in vielen anderen Städten, gibt es in Berlin sehr viele AirBnB-Unterkünfte. Sie sind beliebt bei Touristinnen aus der ganzen Welt. Und wer kann es ihnen verdenken? Auch ich habe während meines Urlaubs schon AirBnB benutzt. Das Gefühl sich in einer fremden Stadt wie eine Anwohner*in zu bewegen, kann grossartig sein.

Jedoch entsteht durch dieses Geschäftsmodell ein Problem: viele Wohnungen werden nun als AirBnBs genutzt, die dadurch auf dem hart umkämpften Wohnungsmarkt wegfallen und fehlen. Sie werfen so wesentlich mehr Profit für dir Vermietenden ab. Es wird vermutet, dass bis zu 10.000 Wohnungen in Berlin so dem Markt entzogen werden – dies trifft besonders beliebte Bezirke wie Neukölln, Kreuzberg und Mitte.
Wenn ihr mehr Informationen zur Situation in anderen Städten sucht, schaut euch diese Reportage des WDR an.

 

Die Rot-Rot-Grüne Regierung hat für AirBnB-Wohnungen nun eine Registrierungspflicht eingeführt. Erlaubte AirBnBs müssen eine Registrierungsnummer in ihrem Profil besitzen. Leider setzt die Stadt bislang kaum auf die Kontrolle der Pflicht.

 

Wenn ihr mitbekommt, dass in eurer Nachbarschaft ein AirBnb ist – Anzeichen dafür sind etwa wöchentlich wechselnde Bewohner*innen, viele Rollkoffer, etc. – meldet dies doch unter dieser Adresse.

 

Ihr könnt auch diese Handzettel ausdrucken und in eurem Kiez aufhängen, damit auch die Tourist*innen Bescheid wissen. Es soll nicht darum gehen sie zu verdrängen, sondern ein Berlin für alle (außer Nazis) zu schaffen.

Anti-AirBnB

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Wahlkampf mit Angst – die paradoxe Strategie der CDU fürs Viertel https://stadtkontext.de/wahlkampf-mit-angst-die-paradoxe-strategie-der-cdu-fuers-viertel/ Wed, 27 Jun 2018 17:26:20 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2334 Die Bremer CDU lud am Dienstagabend zu einer Veranstaltung namens: “Steintor und Ostertor – gefährliches Viertel?” – Das wollten wir uns mal näher ansehen… Knapp 50 Leute sind ins Lagerhaus gekommen um sich anzuhören, was die CDU und die Vertreter der Bremer Polizei zum Thema zu sagen haben. Neben Jörg Kastendiek (Wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion)…

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Die Bremer CDU lud am Dienstagabend zu einer Veranstaltung namens: “Steintor und Ostertor – gefährliches Viertel?” – Das wollten wir uns mal näher ansehen…

Knapp 50 Leute sind ins Lagerhaus gekommen um sich anzuhören, was die CDU und die Vertreter der Bremer Polizei zum Thema zu sagen haben. Neben Jörg Kastendiek (Wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion) sind auch Wilhelm Hinners (Innenpolitischer Sprecher CDU-Fraktion) und als Vertreter der Polizei Derk Dreyer (Revierleiter Mitte/Östliche Vorstadt) und ein Vertreter des Polizeireviers Steintor, sowie Norbert Caesar in seiner Rolle als 1. Vorsitzender der Interessengemeinschaft “Das Viertel e.V.” vor Ort. Es war um namentliche Anmeldung gebeten, dies wurde beim Einlass aber nicht überprüft – wir konnten also rein.

Themen sollten vor Allem Drogenkriminalität, Diebstähle und Gewalttaten sein, welche lt. Einladungstext dazu führen, dass “das Unsicherheitsgefühl der Viertelbewohner zunimmt”, und “die Sicherheitslage mit wachsener Besorgnis” beobachtet wird. Auch über die Sichtmauer an der Helenenstraße und Waffenverbotszonen soll diskutiert werden. Weiter: “Oder erfordern die Umstände andere Mittel?” Interessant.

Herr Dreyer beginnt die Veranstaltung mit der Präsentation verschiedener Statistiken, deren Beschriftungen praktisch nicht zu erkennen sind, und die er im Einzelnen nur oberflächlich erläutert. Eine ältere Dame neben mir beugt sich zu mir rüber und fragt, ob ich dem folgen könne, das ginge alles etwas schnell. Anfangs werden gesunkene Zahlen der Straftatenentwicklung präsentiert, im Viertel wären sie aber gestiegen. Dann folgen verschiedene Statistiken, die mal gestiegene, mal gesunkene Zahlen präsentieren – mal geht es um die Art des Deliktes, mal um den Stadtteil. Auch ich kann dem inhaltlich nicht mehr folgen, weil es keine schlüssige Reihenfolge zu geben scheint. Dabei lobt Herr Dreyer, dass die Polizei jetzt mehr Befugnisse hätte, die sie im Viertel entsprechend genutzt hätten. Leider fragt niemand nach, von welchen Befugnissen er hier denn spricht, da das neue Bremische Polizeigesetz ja vorerst von der Grünen-Fraktion ausgebremst wurde.

Allheilmittel mehr Polizei mit mehr Befugnissen – Ineffektivität spielt keine Rolle

Je nach Statistik erzählt er entweder, die polizeilichen Maßnahmen wären erfolgreich, oder aber es bräuche mehr Polizei, wie die gestiegenen Zahlen ja belegen würden. Besonders spannend wird es bei Thema Drogenkriminalität: Mehrfach betont Herr Dreyer, dass die erteilten Platzverweise und der hohe Aufwand, der in die Verfolgung der Dealer investiert wird, sehr erfolgreich wären. Später sagt er, wenn ein Dealer gehen muss, stehen für ihn dann zwei Neue da, wie hochprofessionell das gesamte Netzwerk organisiert sei, und dass die Polizeiarbeit hier einen enorm hohen Aufwand mit mäßigem Erfolg bedeutet. Weshalb – Achtung – man NOCH mehr für die Verfolgung bereitstellen müsse.

Ich hätte an dieser Stelle gern einen Merksatz eingestreut, den ich kürzlich im Studium gelesen habe: “Sichere Gründe fürs Scheitern einer Unternehmung: Die Umweltbedinungen ignorieren, Veränderungen ablehnen, und einfach so weitermachen wie bisher, nur noch stärker als vorher.”

Einen weiteren Moment der Ironie gab es, als zuerst eine Frau der JU fragte, wie verhindert werden könnte, dass sich die Neustadt in Bezug auf Gentrifizierungsprobleme ähnlich entwickelt wie das Viertel. Kurz danach beschwerte sich ein junger Mann im Sakko und akkurat gelegtem Haar über die Dealer, die ihn auf dem Weg zu Rewe ansprechen würden. Offenbar ist er also aus irgendwelchen Gründen ins Viertel gezogen. Lol. Die Frage blieb übrigens vom Podium unbeantwortet.

Als es dann darum ging, wie die Gewaltdelikte reduziert werden können, wurden die Podiumsmitglieder nicht müde immer wieder zu betonen, dass eine frühere Sperrstunde sich sehr positiv auf die Reduzierung von Gewaltdelikten auswirken würde. Durch die (Außen-)Gastronomien und vor Allem die Kioske wären die Menschen länger auf der Straße unterwegs, wodurch eben auch die Gewalttaten steigen würden. Und auch hier wurde es wieder paradox: Denn, wie bereits in der Begrüßung betont wurde, solle das Viertel ja in seiner Form erhalten werden, da es ja besonders viele Gäste auch aus dem Umland zum Feiern und Geld ausgeben anzieht. Mal sehen wie viele noch kommen, wenn auch am Wochenende dieselbe Sperrstunde gilt wie unter der Woche (1 Uhr), was als mögliche Maßnahme in der Diskussion angedeutet wurde. Schrödingers Viertel.

Das Viertel soll für Gäste attraktiv bleiben – bloß möglichst ohne Gäste in den Wochenendnächten

Den “Höhepunkt” erreichte die Diskussion, als Herr Dreyer sagte, die Gastronomen wären angehalten, auf die “äußere Erscheinung” ihrer Gäste zu achten. Ich dachte kurz ich hätte mich verhört, bis mir wieder einfiel auf was für einer Veranstaltung ich hier bin. Racial Profiling als Ansage an die Gastronomie. Wow.

Erst als sich der Betreiber des Heartbreak Hotels zum Schluss noch zu Wort meldete, und die Polizei deutlich dafür kritisierte, die Gastronomen für die Kriminalität verantwortlich zu machen, und schilderte, wie engagiert und bemüht die Gastronomen um ein friedliches Miteinander mit den Anwohner*innen seien, lenkte die Polizei etwas ein. Als Hauptverantwortliche wurden im Verlauf dann die Kioske ausfindig gemacht, die die Menschen auf der Straße hielten.

Zum Thema Rotlichtmillieu hieß es schlussendlich lediglich, die Sichtmauer müsse weg, es müsse alles ausgeleuchtet werden, und natürlich brauche man zwecks Kontrolle der Lage deutlich mehr Polizei. Einigen Gästen wäre es am Liebsten, die alteingesessene Helenenstraße würde ganz verschwinden. Wohin – egal. Hauptsache hier weg. Sollen sich andere damit rumschlagen. Als würde jemand fordern die Reeperbahn dicht zu machen, weil man da jetzt wohnt. Interessanter Standpunkt, der einen gewissen Rückschluss auf die Ausprägung der Kompromissbereitschaft der Gäste zulässt.

Rotlicht? Bitte nicht hier!

Was man der Veranstaltung lassen muss, ist, dass sie konsequent ein Ziel verfolgt hat: Wahlkampf. Mit einer “Nette Onkel aus der Nachbarschaft”-Mentalität wurde eine Ausweitung der Polizeibefugnisse, Racial Profiling, ein in Kauf nehmen des Kneipensterbens, und eine Drogenpolitik, die auf ganzer Linie versagt hat, beworben.

Die ältere Dame neben mir sagte übrigens zum Schluss noch zu mir, dass sie nicht verstehe, warum die selben Maßnahmen weiter geführt werden solle, wenn diese doch nichts zu nützen scheinen. Ich sagte, Legalisierung wäre hier der richtige Weg. Sie hatte zwar Bedenken, stimmte aber zu, dass man sowas ja mal ausprobieren könne, weil es ja so wie bisher nich funktioniert. Sie hat’s verstanden.

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Plädoyer für einen neuen Diskurs https://stadtkontext.de/plaedoyer-fuer-einen-neuen-diskurs/ Sun, 17 Jun 2018 12:13:55 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2308 Am 30. Januar 2017, zehn Tage nachdem Donald J. Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, habe ich über diese Zeitenwende gesprochen. Nicht nur über diese, auch über die neue Welt in den deutschen Landesparlamenten mit der AfD. Ich habe darüber geschrieben wie wir diesen rechten Kräften die Chance geben den Diskurs zu verschieben,…

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Am 30. Januar 2017, zehn Tage nachdem Donald J. Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, habe ich über diese Zeitenwende gesprochen. Nicht nur über diese, auch über die neue Welt in den deutschen Landesparlamenten mit der AfD. Ich habe darüber geschrieben wie wir diesen rechten Kräften die Chance geben den Diskurs zu verschieben, ich habe die Frage diskutiert ob wir „das“ als Demokratie eben „aushalten“ müssen. Ich kam damals zu dem Schluss, dass wir das nicht müssen. Ganz im Gegenteil, wir müssen uns aktiv wehren, wenn uns die Freiheit aller Menschen, auch abseits der Mehrheit, in irgendeiner Form wichtig ist.

Und nun knapp 18 Monate später? Wie hat sich das alles entwickelt? Hat die Demokratie sich endlich wehrhaft gemacht?

Sieht seine Aufgabe darin, Familien zu trennen weil die Bibel es so vorschreibt – General Staatsanwalt Jeff Sessions

Viel ist passiert seit dem. In den USA zumindest wenig Gutes. Die Trump „Administration“ hat begonnen mit einem radikalen Abbau des Staates und versuchte von Anfang an jegliche Sozialgesetzgebung zu torpedieren. Gekürzt wurde massiv im Außenministerium und der Diplomatie, in Wissenschaft und Forschung und in Sozialhilfen und Gesundheitsversorgung. Kinder von Einwanderern werden durch Behörden von ihren Eltern getrennt, in Käfigen gehalten und in Länder abgeschoben, die sie nicht kennen – und das zu tausenden. Gab es im Wahlkampf noch viel Streitereien zwischen den Neoliberalen, erzkonservativen Republikanern und Trump, erfüllt er ihnen nun ihre feuchten Träume. Leiden werden darunter tausende Staatsbedienstete, die Ärmsten der Armen und Nicht-Weiße Amerikaner*innen.

Das „Establishment“ hat sich nicht gewehrt. Ja einige Senatoren wie John McCain oder Jeff Flake haben ihren Rücktritt erklärt und immer mehr Abgeordnete der Republikaner werden im Herbst nicht mehr zur Wahl des Repräsentantenhauses antreten. Doch das ist mehr Feigheit als tatsächliches Zur Wehr setzen. Solange Trump ihre Richter nominiert und die Steuergeschenke für Reiche und Unternehmen unterschreibt ist ihnen im Endeffekt egal ob der Faschismus Fuß fasst – mit dem können Sie sich auch irgendwie arrangieren. Die Demokraten kämpfen tapfer, sind aber nicht in der Lage etwas zu ändern, entscheidend werden da die Wahlen im Herbst für den Senat und das Repräsentantenhaus sein.

In Deutschland ist die Lage nicht besser. Bei der Bundestagswahl im Herbst wurde die AfD in den Bundestag gewählt.

Themen in Talkshows by @Papaleaks

Und anstatt sich wehrhaft zu zeigen wählten die Abgeordneten von CDU, CSU, FDP und SPD die AfD in Ämter und Posten mit Wirkung und Macht. Es war für diese Parteien kaum eine Debatte wert, dass nun Verschwörungstheroetiker und Rechtsradikale den Ausschüssen vorsitzen. Damit hat die AfD gefährlich viel Macht bekommen. Sie bestimmt die Tagesordnung, leitet die Sitzungen und kann sich in „seriösen“ Medien wie dem Deutschlandfunk, dem Bericht aus Berlin oder der Tagesschau unhinterfragt äußern, rechtsradikale Lügen verbreiten und Stimmung gegen ohnehin verfolgte Menschen machen.

„Die Medien“ ist immer so ein schwieriger Begriff. Aber zumindest Teile des öffentlichen Rundfunkes, viele große Tageszeitungen und auch die Privaten haben es nicht kapiert. Jede Woche wird in den „Talkshows“ der ARD über die angebliche „Flüchtlingskrise“ gesprochen und eine „Gefahr der Inneren Sicherheit“ beschworen. Dabei sind das neutral betrachtet gar keine Probleme für die Gesamtgesellschaft. Wir leben in einem der sicherstem Land der Welt in dem deutlich mehr Menschen an Feinstaub oder Autounfällen sterben als an Terror. Die „Flüchtlingskrise“ ist vor allem eine Krise für Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und nun in engen Unterkünften leben und von AfD-Wählern auf der Straße bepöbelt werden.

Aber der ARD geht es ja nicht um das gesellschaftliche Klima oder gar um die wissenschaftliche untersuchbare Fakten und Tatsachen sondern um die Quote und das bespielen eines kaputten Diskurses, der begonnen wurde von Leuten wir Björn Höcke, der NPD und ausgeführt werden von Gruppen wie die „Gruppe Freital“ oder dem „NSU“. Angefacht wurde das ganze dann von Horst Seehofer oder Jens Spahn und mittlerweile reden auch Christian Lindner, Andrea Nahles oder Sahra Wagenknecht so wie in den 90er Jahren nur die NPD und Neonazis sprachen. „Das Boot ist voll“ und so weiter. Heute ist das normal aber zu Jahrtausendwende war das noch ein No-Go.

Das erste was ich bei Straftaten höre, ist mittlerweile die Herkunft (allerdings nur wenn es keine Deutsche ist). Das widerspricht dem Pressekodex – doch der ist wertlos geworden, genauso wie unsere Werte wie Menschlichkeit, Solidarität und Hilfsbereitschaft wertlos geworden sind. Gemeinschaft läuft nur noch unter „Gleichen“, Pluralität wird abgelehnt. Das ist fatal.

Da ist es auch kein Wunder, dass Anne Will, Sandra Maischberger oder Frank Plasberg es nicht lassen können und mit ihren Talkshows auch die akademische, früher mal politisch zentralistische Schicht (die sog. “akademische Mitte”) für AfD-Parolen begeistern. Das ist es auch am Ende: profitieren wird die AfD, weil wir die Demokratie ihr kampflos übergeben. Denn so wie Demokratie aus den altehrwürdigen Institutionen besteht, besteht sie vielleicht noch viel mehr aus dem öffentlichen Diskurs. (Jürgen Habermas würde mir sicher zustimmen).

 

 “So this is how liberty dies. With thunderous applause.” — Padmé Amidala (Charakter aus den Star Wars Filmen)

 

Hoffnung ist wichtig und Hoffnung ist auch realistisch. Ulrike Gerot, Autorin und Sozialwissenschaftlerin, hat in einem Gespräch mit dem Podcaster Holger Klein gesagt, dass ein Diskurs innerhalb weniger Jahre gedreht werden kann. Ich denke sie hat Recht. Der Diskurs ist ja in vielleicht 10-15 Jahren dahingedreht wo er jetzt ist. Der Diskurs muss also „reclaimt“ und gedreht werden.

Ich bin froh, dass Menschen wie Claudia Roth oder Katja Kipping immer noch in Talkshows sitzen und gegen reden, auch wenn das schwer ist bei Gästen wie Alexander Gauland oder Birgit Kelle. Wenn Claudia Roth oder Katja Kipping da nicht sitzen, sitzen neben Kelle oder Gauland bald nur noch Leute wie Alice Schwarzer oder Andrea Nahles und von denen ist keine Gegenrede gegen Rassismus zu erwarten, viel mehr rennen sie dem toxischen Diskurs hinterher.

Aber Gegenreden nutzt nichts, wenn es der gleiche vergiftete AfD-Diskurs bleibt. Das heißt es braucht mehr Gegenöffentlichkeit und Druck auf die Redaktionen um neue Themen, wichtigere Themen zu setzen und den Diskurs so neu zu setzen. Ich bin stolz auf alle die sich nicht darauf einlassen und „ihr Ding“ machen, ihre Themen setzen und sich nicht von der AfD „jagen“ lassen. Es braucht Entwicklungen in den konventionellen Medien, sich endlich wieder ihrer Aufgabe zu widmen und nicht einen vergifteten Diskurs auszuschenken, sondern echte journalistische Arbeit zu machen. Das Geld und die Zeit sind natürlich knapp, aber dafür müssen und sollten sie reichen. Es braucht dann aber auch vielleicht mehr Blogger*innen Kollektive wie unseres (ja ich weiß Selbstlob stinkt). Es gibt viele Menschen, die daran arbeiten den Diskurs wieder zur drehen.

Definitiv mehr Menschen als bei Trumps “Inauguration” – der March for Our Lives

Ich war im 21. Januar 2017 sehr beeindruckt vom US-amerikanischen Women‘s March. Diese Großdemo hat mir Hoffnung gemacht. Dort draußen sind hunderte, tausende, ja Millionen von Menschen die sich dem Faschismus, dem Sexismus in den Weg stellen. Ich hatte das Gefühl nicht alleine zu sein.

Am 24. März 2018 gab es ein ähnliches Event, dass mir Tränen vor Rührung in die Augen schießen ließ. In Erinnerung an den furchtbaren Amoklauf in einer Schule in Parkland, Florida und mit fordernden Blick Richtung Congress und Weißem Haus gingen in Washington D.C. 800.000 Menschen, vor allem Schüler*innen auf die Straße und machten klar, dass diese Welt nicht mehr die selbe ist wie 2017. Kinder und Jugendliche hatten eine der größten Demonstrationen der US Geschichte organisiert, mit einer unmissverständlichen Botschaft: „Es reicht“, keine „Thoughts and Prayers“ sondern echte Handlungen müssen folgen, um solche Ereignisse zu beenden. Das hat mir Mut gemacht. Es gibt Menschen, die sich die Entwicklung in den USA und Europa entgegenstellen. Und deswegen bin mir sicher: es gibt noch Hoffnung.

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Subkultur und Stadtpolitik, Beziehungsstatus: Es ist kompliziert https://stadtkontext.de/subkultur-und-stadtpolitik-beziehungsstatus-es-ist-kompliziert/ Wed, 13 Jun 2018 11:09:41 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2285 Gastbeitrag von Malaika M. Bremer Subkultur tanzt fürs Zucker Subkultur und Stadtpolitik, Beziehungsstatus: Es ist kompliziert Der “Zucker Club” und das “Irgendwo Kollektiv” demonstrierten am 9. Juni mit rund 2000 Menschen für mehr subkulturelle Freiräume in Bremen. Die Bremer Subkulturszene will nicht mehr nur irgendwo anderswo, außerhalb sein.  „Frei-Träume statt Investoren-Räume“  Am Samstagnachmittag gingen künstlerische…

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Gastbeitrag von Malaika M.

Bremer Subkultur tanzt fürs Zucker
Subkultur und Stadtpolitik, Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Demo auf dem Marktplatz

Der “Zucker Club” und das “Irgendwo Kollektiv” demonstrierten am 9. Juni mit rund 2000 Menschen für mehr subkulturelle Freiräume in Bremen.

Die Bremer Subkulturszene will nicht mehr nur irgendwo anderswo, außerhalb sein.

 „Frei-Träume statt Investoren-Räume“ 

Am Samstagnachmittag gingen künstlerische AktivistInnen für die kulturelle Vielfalt auf die Straße. Weiter sprach sich die Demo gegen eine neoliberale Stadtpolitik, Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie und für Feminismus aus.

Angeführt vom Netzwerk Kulturschaffender des Zucker Clubs und Irgendwo Kollektiv wurde ein Demo-Rave durch die Innenstadt veranstaltet. Den musikalischen Auftakt gab der Zucker Club mit seinen bunten Soundwagen und kreativen und politischen Plakaten auf dem Bahnhofsplatz.

Von hier aus zogen hunderte TeilnehmerInnen in den heißen Nachmittagsstunden gut gestimmt und tanzend durch die Bremer Straßen. Die Route führte über den Dobben ins Viertel, bis hin zum Marktplatz, wo die Veranstaltung gegen 20 Uhr mit Elektromusik und einer Kundgebung friedlich ausklang.

Es gab keinerlei besondere Zwischenfälle. Allerdings kam es am frühen Abend durch die Menschenmenge zu Verspätungen des Stadtverkehrs.

Das Zuckernetzwerk ist unzufrieden über seine langjährige Standortsuche für ein Kulturzentrum und will auf die breite und kreative subkulturelle Szene aufmerksam machen.

„Zucker weils schmeckt“

Das kulturelle Viertel befindet sich selbst seit Jahren im Spannungsfeld von Szeneviertel und Gentrifizierung, und sieht die kulturelle Vielfalt u.A. von nachbarschaftlichen Interessen, Lärmschutzklagen, Mietpreiserhöhungen und Privatisierung bedroht.

Das Zucker-Netzwerk solidarisiert sich mit vielen anderen subkulturellen Kollektiven, wie dem Irgendwo, Erle31, Conartism, 4 Dimension uvm.  Es wird auch von Kulturinitiativen aus anderen Städten unterstützt.

Mit dem Zuckerwerk zusammen ging auch das Aktionsbündnis „Shut down Camp Gottfried-Daimler-Straße auf die Straße um sich für menschenwürdige Orte für junge Geflüchtete in Bremen einzusetzen.

Demoschild

„Ein Club für Bremen“

Legendär frustrierend ist die nun schon 6 Jahre andauernde Suche des Zucker Clubs nach einer festen Bleibe.

Bis 2011 als Musikclub in der Bahnhofsvorstadt beheimatet, verlor der Zucker Club seine Räumlichkeit und startete sein Bremer Nomadenleben.nMal zog das Zucker als Zwischenlösung einen Sommer in den Lankenauer Höft oder brachte sich in diverse andere Freiluftveranstaltungen der letzten Jahre ein.

Über 60 Ímmobilien hat der Verein, nach eigenen Angaben, seit dem besichtigt und geprüft, aber nichts Langfristiges ergab sich.

Warum das alles so lange dauert?

Verantwortlich mach das Netzwerk auch eine neoliberale Stadtpolitik und eine unentschiedene Bremer Kulturpolitik. Trotz rot-grüner Unterstützung im Senat, fühlt sich das Bündnis vom Kulturressort allein gelassen und scheitert immer wieder an den Interessen des Wirtschafts – und Bauressorts. Zudem werden politische Beschlüsse des Senats zur zeitnahen Raumvergabe an das Zucker verschleppt.

Während der langjährigen Standortsuche fühlt sich das Zucker immer wieder blockiert von privaten und neoliberalen Interessensvertretungen. Hinzu kommt auch Skepsis vonseiten der konservativen Politik.

So enthält sich die CDU in der Bürgschaft zu Anträgen des Zucker-Vereins.

„Bunker oder ich geh nach Leipzig“

Ein Hochbunker im Stadtteil Walle würde dem Zucker ausreichend Platz für Musikveranstaltung und Ateliers bieten. Die vorläufige Finanzierung steht durch ein erfolgreiches Crowdfounding, einen Kredit und breiten Support. Das Kollektiv steckt mitten in der Bauplanung, Finanzplanung, Gesprächen mit Ämtern um ihr Vorhaben zu realisieren.

„We dont need no parkingplätze“

Doch die beim Hochbunker ansässige Straßenverkehrs-Genossenschaft Bremen eG (SVG) droht mit einer Klage, sobald das Zucker einen Bauantrag stellen sollte.

Zurzeit blockieren Uneinigkeiten über die Stellplatzverordnung am Bunker das Vorankommen des Zuckers.

Das Zucker hat, nach eigenen Angaben, Lösungskonzepte angeboten und mit einem am Bunker ansässigen Musikverein ein Parkplatzsharing-Konzept entwickelt. Zudem verweist es darauf, dass die überwiegende Zahl der Besucher mit Rad und Bahn unterwegs sind. Trotzdem konnte noch keine Einigung über die Parkplatzfrage erzielt werden.

Die SVG fühlt sich von der Stadt übergangen und bekundet ein eigenes Kaufinteresse am Hochbunker, das Zuckerprojekt bewertet sie als „unausgegoren“.

„Bitte ein Wutbürger zum mitnehmen. Gerne scharf“

Weiterer Gegenwind kommt von der AfD im Waller Beirat. Im Hochbunker in der Hans-Böckler-Straße plant das Zuckerwerk auch die Aufarbeitung und eine Dauerausstellung zur NS-Vergangenheit des Bunkers.

Die Bremer Politik scheint zu verkennen, dass ein neues Kulturzentrum im Hochbunker mit seinen künstlerischen und politischen Impulsen den rassistischen und fremdenfeindlichen Tendenzen etwas entgegen setzt.

Auch dafür müsste man nicht nach Leipzig gehen!

„Mehr Respekt für Kultur“

“Wir wollen mit euch zusammenarbeiten”, hieß es im Vorfeld in dem offiziellen Demoaufruf auf der Zucker Facebookseite in Richtung Stadtpolitik.

“Wir fordern klare Bekenntnisse zu unserer Kultur – denn wir sind Kultur und keine Wirtschaftsbetriebe ” 

Das Zucker definiert sich als unkommerzielles Kulturkollektiv. Es will als künstlerisch und kulturell anerkannt werden und nicht ständig auf seine Ökonomie und Verwertbarkeit reduziert werden.

Sie wollen „nicht weiter zuschauen bei der Verdrängung, Räumung und Verhinderung von subkulturellen Orten und unkommerziellen Freiräumen“

Und schreiben in Ihrem Demoaufruf:

„Wir wollen unsere Kultur selbst gestalten – abseits von Verwertungslogik und Leistungsdenken. Eine Stadt ohne Subkultur, ohne unkommerzielle Freiräume ist nicht lebenswert!“

Bei Buten un Binnen äußerte sich dich Staatsrätin für Kultur Carmen Emigholz von der SPD am Samstag mit zaghaften Verständnis. Sie spricht vom „beteiligunsorientierten Kulturverständnis der jungen Leute“. Und findet: „wir müssen uns daran gewöhnen als Behörde, dass eine junge Generation auch Ansprüche ans System stellt“Sie schlägt ein Komitee für subkulturelle Belange vor.

Wie viel man sich davon versprechen kann, scheint unklar. Geredet worden sei in den letzten Jahren genug, genug gewartet, so das Zucker-Kollektiv laut Buten un Binnen.

Der Sprecher der Baubehörde betonte, ebenfalls bei Buten un Binnen, das Potenzial und den Gewinn für die Stadtentwicklung durch junge Kulturschaffende.

So vermittelnd und wichtig diese Stellungnahmen auch sind, die Stadt Bremen sollte sich klar zu Ihrer Subkultur bekennen und mit dieser zusammen arbeiten.

Wir haben alles versucht, wenn ihr uns wirklich wollt, dann könnt ihr uns möglich machen.“ äußert das Netzwerk vor der Demo.

„Wir müssen irgendwo bleiben“

Wo ist die offizielle Wertschätzung für so viel Engagement?

Wo ist das aufrichtige Interesse an aktiver und gemeinschaftlicher Mitgestaltung in Bremen und überall?

Die Situation der Subkultur in Bremen ist auch ein Bild dafür, wie schwer sich die allgemeine Politik mit mehr bürgerlicher Beteiligung tut.

Demozug durch das Viertel

Mit mehr Mitgestaltung statt Verwaltung. 

Eine hohe Wahlbeteiligung bitte, aber wenn Menschen sich aktiv künstlerisch, gesellschaftlich und politische beteiligen wollen, kommt ein seltsames Unbehagen auf. Irgendwie ist Mündigkeit und kulturelle Vielfalt, jenseits vom Masseneinheitsbrei, ein Störenfried im Sicherheitsbedürfnis der Bedenkenden.

Beim Weser Kurier online kommentiert jemand:

„Seien wir doch mal ehrlich! Niemand möchte sie gerne in der Nachbarschaft haben, die so genannte Sub-Kultur. Überall, wo die sich ankündigen, sind die Nachbarn alarmiert und drohen mit Klage. Dem Vernehmen nach sind diese Leute laut, machen Dreck und fordern, ohne selber wesentliches zu leisten. Spaß haben wollen, auf Kosten anderer Menschen kommt nicht bei jedem gut an [..]“

Kulturschaffenden sind im gutbürgerlichen Bewusstsein (auch der Bildungsbürger im Viertel) noch immer chaotisch, weltfremd, radikal, unwirtschaftlich und hedonistisch.

Die städtische Schmutz -und Lärmbelastung durch wirtschaftliche Interessen, Verkehrsaufkommen, lange Öffnungszeiten, Bodenversiegelungen, Stadtraumverdichtung oder Fußballveranstaltungen wird ausgeblendet. Ein anderer Leser befürchtet, dass das Zucker die Steuergelder der arbeitenden Bevölkerung fordert, die sie um ihren Schlaf bringt.

Gerade mit den Anwohnern sollte das Zucker im Dialog bleiben und sein Bemühen um Lärmschutzgutachten deutlich machen.

Muss man wirklich Angst davor haben, dass sich junge Menschen für Kunst, Diskurse und ihre Stadt einsetzten möchten?

Die Stadt Bremen sollte eine Antwort auf die Frage finden, ob sie das Potenzial der jungen Subkultur für Stadtentwicklung, Kulturarbeit und Kunst fördern will um neue Perspektiven für Bremen zu entwickeln.

Der Abwanderung ins Umland und durch Armut bedrohte Stadtstaat kann nur profitieren von dem eigenständigen Engagement junger Kulturschaffender. So fordert die Jugendinfo Bremen im Netz Bremen zum Support ihrer Subkultur auf.

Die Freiräume und Arbeits- und Lebensbedingungen für junge Kulturschaffende und Künstler im öffentlichen Raum werden durch eine wirtschaftsorientierte Stadtplanung immer wieder beschnitten. Allgemeiner Raum wird privatisiert oder zu Investoren-Arealen.

Es muss sich niemand wundern, dass von der Subkultur, manchmal laut, Freiräume eingefordert werden und das Recht auf Mitgestaltung des Stadtraums. Die Politik ist ganz allgemein auf freiwilliges und eigenverantwortliches Engagement angewiesen. Der große, ehrenamtliche Einsatz bei der Aufnahme der Geflüchteten in den letzten Jahren, hat das wieder deutlich gemacht.

Also was soll diese Angst vor Partizipation jenseits vom Gang zur Urne und über konservative Wertmaßstäbe hinaus?

Ist es nicht wunderbar und unterstützenswert, dass es hier junge Menschen gibt, die Lust haben aktiv zu werden?

Die sich für Kunst Stadt und Umwelt engagieren. 

Und die musikalische, literarische, künstlerische und partizipatorische Veranstaltungen machen.

Die sich für Minderheiten einsetzt und neue gesellschaftliche Perspektiven entwirft.

 „#bremen du kannst so großartig sein!“

Nach der Demo bedankt sich das Zucker-Kollektiv auf Facebook für die breite Unterstützung.

„…danke für den besten Tag gestern! Wir haben mehr als deutlich gemacht, was wir wollen und wir haben gezeigt, dass wir viele sind!“

 

Ein aufsteigender Herzballon

Zier dich doch nicht so,

du wirst ja auch nicht jünger;

 

Komm schon, trau dich, sag ja.

Bremen du kannst so großartig, andersartig sein,

und ich weiß,

du hast Angst, vor so Vielem,

aber lass dich doch ein, komm schon,

versuch’s mal.

 

Die Kunst liebt dich und will mit dir tanzen.

Wir können soviel gemeinsam erleben

Vertrau dir selbst,

denn wie alle Verliebte

will ich nicht irgendwo, anderswo, außerhalb von dir sein.

 

Quellen:

zucker-club.de

https://www.facebook.com/Zucker-Club-151849535090/

https://www.facebook.com/KaiWargalla/

https://www.nordbuzz.de/ausgehen/bremen-zero-schmeckt-nicht-demo-rave-zucker-club-irgendwo-fordert-freiraeume-subkultur-9941810.html

https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-demorave-fuer-subkulturelle-partys-in-bremen-_arid,1737511.html

https://www.nordbuzz.de/ausgehen/zucker-club-irgendwo-kollektiv-genug-gewartet-breite-unterstuetzung-demo-rave-aufruf-bremen-9916596.html

https://weserreport.de/2018/06/panorama/rave-fuer-mehr-subkultur-in-bremen/

https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/demo-rave-subkultur-bremen100.html

Die Überschriften sind Sprüche die auf Plakaten der Demo standen, danke für eure Kreativität.

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Warum die Revolution nicht kommt – Eine sozialpsychologische Analyse über kollektives Wegschauen https://stadtkontext.de/warum-die-revolution-nicht-kommt-eine-sozialpsychologische-analyse-ueber-kollektives-wegschauen/ Tue, 20 Feb 2018 09:00:13 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2172 Die Tage werden dunkler. Fremdenfeindlichkeit, Menschenhass, ein Rekord an Gewalttaten gegen unerwünschte Minderheiten , allein in 2017 wurden 2500 politisch motivierte Straftaten gegen Juden und Muslime gezählt , und Mordfälle gehen auf das Konto des Rechtsrucks in Deutschland. Anfangs noch belächelt, sitzen deren Vertreter_innen mittlerweile im Bundestag. Und diejenigen, die die Bedrohung wahrnehmen, weil sie…

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Die Tage werden dunkler. Fremdenfeindlichkeit, Menschenhass, ein Rekord an Gewalttaten gegen unerwünschte Minderheiten , allein in 2017 wurden 2500 politisch motivierte Straftaten gegen Juden und Muslime gezählt , und Mordfälle gehen auf das Konto des Rechtsrucks in Deutschland. Anfangs noch belächelt, sitzen deren Vertreter_innen mittlerweile im Bundestag. Und diejenigen, die die Bedrohung wahrnehmen, weil sie diese schon ganz real am eigenen Leib spüren mussten, haben Angst. Und zwar nicht nur vor den Nazis, sondern auch, weil die Öffentlichkeit sie ohne Protest gewähren lässt.

Nur 72 Jahre nach dem Ende des dritten Reichs finden 12,6 % der Wähler_innen, dass eine Ideologie, die unsägliches Leid gebracht und unzählige Menschen das Leben gekostet hat, wieder einen Platz im Bundesparlament bekommen soll. Der grenzenlose Hass wird öffentlich ausgelebt, Schamgrenzen scheint es schon lange keine mehr zu geben.

Man braucht nur mal einen Blick in soziale Medien zu werfen, um ein unmissverständliches Bild davon zu bekommen, und zu realisieren, wie die Sympathisant_innen und Mandatsträger_innen der AfD ticken (oder guckt mal hier: https://wir-sind-afd.de/ ). Da bleibt kein Raum mehr für Relativierungen, und da bleibt auch kein Raum mehr für Diskussionen ob es sich hier um Nazis handelt, oder nicht. Öffentliche Äußerungen, intensive Beziehungen zur rechtsextremen Szene und nicht zuletzt deren Parteiprogramm lassen hieran keinen Zweifel. Dass sie sich selbst nicht so bezeichnen, und auch nicht so bezeichnet werden wollen, tut dem keinerlei Abbruch. Wer wählt denn schon ein indiskutabel negativ besetztes Label, wenn man erfolgreich sein will? Also versuchen sie sich irgendwie anders zu etikettieren, und empören sich, wenn jemand es wagt sie beim Namen zu nennen. Aber die Lage ist längst klar. Und das war sie auch schon vor der Bundestagswahl.

Wie konnte es soweit kommen? Müssten sich nicht längst massive Proteste erheben – und zwar nicht nur aus der linken Szene – die so stark und entschlossen sind, dass sie eine schleichende Ausbreitung menschenverachtender Ideologien in der Bevölkerung unmöglich machen? Wie ist es möglich, dass die breite Masse dies stattdessen achselzuckend hinnimmt? Wer sich heute klar gegen rechts positioniert und findet, dass die Grundrechte eingehalten werden müssen, gilt ja mittlerweile vielerorts schon als linksextrem.

“Ich frag mich, warum so viel Leute wegschau’n, ist es Angst, Akzeptanz oder Ignoranz?”, fragt Irie Révoltés. Und weil mich diese Frage nicht loslässt, will ich versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Als erstes steht im Raum, warum dieser menschenfeindlichen Ideologie nicht einfach mit Logik und Argumenten beizukommen ist, so dass den Populist_innen für alle ersichtlich der Wind aus den Segeln genommen wird. Wer die Berichterstattung halbwegs aufmerksam verfolgt, wird wissen, dass es solche Bemühungen immer wieder gibt und gegeben hat, und zwar auf vielen Ebenen. Das Problem ist aber, dass einer Ideologie, einem Welt- und Menschenbild, das jede Logik ablehnt, mit Logik eben nicht beizukommen ist. Wenn die Anhänger_innen rechter Weltbilder logische Zusammenhänge akzeptieren und anwenden würden, hätte sich das Problem relativ schnell von selbst gelöst. Aber das tun sie nunmal nicht. Wir müssen also tiefer graben.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Soziale Akzeptanz und Zugehörigkeit zu einer Gruppe sind elementare Grundbedürfnisse für uns, weil sie unser Überleben sichern. Die Handlungsmotivation (oder auch die Motivation nicht zu handeln), die aus diesen Sicherheitsbedürfnissen hervorgeht, ist dementsprechend stark. Die Gesellschaft um uns herum beeinflusst unser Verhalten also nicht unerheblich, da wir grundsätzlich von ihr akzeptiert werden wollen. Dafür gibt es Mechanismen, die unser Verhalten entsprechend steuern:

  • Normativer Einfluss

Damit ist im Prinzip nichts anderes gemeint, als das was wir unter Gruppenzwang verstehen. Wir passen uns dem Verhalten der Menschen um uns herum an, weil wir nicht unangenehm auffallen wollen. Wir wollen schließlich keinen Ausschluss riskieren. Wenn also alle anderen nichts sagen, sag ich lieber auch nichts. Dieses Schweigen, weil alle anderen auch schweigen, wird öffentliche Compliance genannt.

  • Informationaler Einfluss

Umso schlechter wir über ein Thema informiert sind, desto stärker orientieren wir uns an den Informationen, die uns unser Umfeld anbietet. Dieser Mechanismus spielt auch bei der Entstehung und Empfänglichkeit von Vorurteilen eine wichtige Rolle. Und: Je öfter wir etwas lesen oder hören, für desto wahrer halten wir es. Wiederholung verschafft Gewicht.

Neben unserem direkten Umfeld orientieren wir uns aber auch an Personen, die wir als Expert_innen wahrnehmen. In diesem Fall können das z.B. prominente und beliebte Politiker_innen sein. Wenn die jetzt aber überwiegend keine deutlichen Warnungen aussprechen, sondern im Gegenteil die rechtspopulistische Rhetorik und Positionen übernehmen, dann ist das doppelt fatal: Nicht nur die Wahrnehmung der Bedrohung wird unterbunden, sondern die Reproduktion der populistischen Aussagen verleiht denselben mit jedem Mal mehr Gewicht und Glaubwürdigkeit.

Allerdings können auch andere Personen als Expert_innen wahrgenommen werden, zum Beispiel Menschen im direkten Umfeld, die sich politisch engagieren. Nur leider ist deren Reichweite häufig sehr begrenzt. Aber auch die Meinung beliebter Personen des öffentlichen Lebens wird häufig als allgemein relevant wahrgenommen, da vor allem attraktive berühmte Menschen oft als insgesamt kompetent eingeschätzt werden. Diese Personen könnten also ihre Reichweite im Kampf gegen den Rechtsruck nutzen. Für eine breite Glaubwürdigkeit muss allerdings der Kontext stimmen.

Unsere Umwelt übt starken Einfluss auf unser Verhalten aus

Beide Mechanismen bringen uns dazu, uns der Mehrheit anzupassen. Sie greifen zum Beispiel auch häufig in Situationen, in denen Zivilcourage gefordert ist. Nach dem Motto: Alle anderen bewerten die Situation so, dass kein Handlungsbedarf erforderlich ist. Wenn die das alle so sehen, haben sie wohl recht.

An dieser Stelle möchte ich kurz auf das Thema Sprache eingehen. Sprache und Denken stehen miteinander in permanenter Wechselwirkung. Wie wir reden, so denken wir, und wie wir denken, so reden wir. Die Sprache, mit der über ein Thema berichtet wird, hat also Konsequenzen für unsere Wahrnehmung. Ist nun in den Medien von “Flüchtlingswellen” oder “Einwanderungsflut” die Rede, ist das eine sprachliche Entmenschlichung. Plötzlich geht es nicht mehr um Menschen mit einer Lebens- und Leidensgeschichte, sondern um Sachen, gerne auch beunruhigende Sachen wie z.B. eine Flut. Es spielt also eine nicht unerhebliche Rolle, ob von notleidenden Menschen gesprochen wird, was empathische Gefühle in uns weckt, oder von einer Flut, was ein eher bedrohliches Bild in den Köpfen erzeugt. Entmenschlichung ist ein beliebtes manipulatives Mittel bei Rechtspopulisten, um unerwünschtes Mitgefühl zu unterdrücken, und stattdessen Furcht zu sähen.

Das funktioniert natürlich auch andersrum: Ereignisse und Täter_innen werden gezielt verharmlost, wie im Beispiel Freital, wo aus rechtsextremen Terroristen einfach Lausbuben gemacht werden.

Sprache formt unser Denken – und wird von Rechten ganz strategisch genutzt

Und schließlich sei hier nochmal daran erinnert, warum sich niemand “Nazi” nennen will, sondern lieber “Patriot” oder sonstwas. Negative Bilder vermeiden, und durch (vermeintlich) positive ersetzen ist die Devise. Und auch hier gilt: Wiederholung verschafft Glaubwürdigkeit. Wenn die Nazis nur oft genug wiederholen, sie seien die bürgerliche Mitte, glauben die Leute ihnen das irgendwann. Fake it ‘till you make it. Oder auch alles andere, was sie oft genug wiederholen, und was sich mit jedem Mal tiefer ins Gedächtnis gräbt. Diese simple Tatsache, auch Wiederholungseffekt genannt, ist daher unfassbar gefährlich.

Unsere Umwelt hat also einen nicht unerheblichen Einfluss auf unseren Umgang mit Informationen und unser Verhalten. Aber wir stehen uns auch oft selbst im Weg, wenn es darum geht, Informationen zu verarbeiten und zu bewerten.

Unser Gehirn begünstigt bequemes Denken

Grundsätzlich wollen wir Informationen immer realistisch bewerten und gleichzeitig mit uns selbst zufrieden sein, sprich ein positives, konsistentes Selbst- und Weltbild und Selbstwertgefühl erzeugen. Das sind die beiden Grundmotive des menschlichen Denkens.

Kommt es zu Widersprüchen zwischen Informationen und dem eigenen Weltbild, entsteht  ein unangenehmer Widerspruch, auch bekannt als kognitive Dissonanz. Um diesen Widerspruch möglichst schnell aufzulösen, gehen wir den den Weg des geringsten Widerstands: Die Informationen, die die Unstimmigkeit mit unserem bereits bestehenden, mühsam aufgebauten Weltbild verursachen, werden ganz einfach ignoriert. Was nicht sein darf, gibt es auch nicht. Zack, Problem gelöst! Das lässt sich auch sehr gut am Beispiel Polizeigewalt beobachten. Die Rechtfertigung und der Schutz der eigenen Sicht auf die Dinge ist plötzlich sehr viel wichtiger als das Bedürfnis nach realistischer Informationsbewertung. Diese Neigung ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt. Warum fällt es manchen Menschen schwerer als anderen, das eigene Weltbild auch mal zu korrigieren oder anzupassen? Weil es etwas mit der eigenen Identität zu tun hat. Ein Weltbild basiert immer auf einem Selbstbild. Umso mehr die “unpassenden” Informationen unsere Identität angreifen, desto verlockender ist die Lösung, sie einfach zu ignorieren. Ein Überdenken der eigenen Identität erfordert schon ein bisschen Courage, und würde ja ggf. bedeuten, dass wir zu dem Schluss kommen, dass unsere frühere Sicht und unser früheres Verhalten vielleicht falsch war. Diese Erkenntnis, und der ganze Prozess der Reflexion ansich, kann also durchaus unangenehme Wahrheiten zu Tage fördern und zu Inkonsistenzen führen. Und genau deswegen vermeiden das viele Menschen.

Es gibt noch einige weitere kognitive Stolperfallen, die in dieselbe Richtung deuten:

  • “Motivated reasoning”

Das bedeutet, wir nehmen neue Informationen so auf, dass negative Gefühle möglichst abgewendet und positive maximiert werden.

  • “Backfire effect”

Gute Argumente und Überzeugungsversuche können das Gegenteil bewirken, wenn die Werte um die es geht, besonders identitätsstiftend sind. Wird etwas identitätsstiftendes angegriffen, fühle ich mich in meinem Selbstwert herabgesetzt, ich nehme das ganze also als persönliche Kränkung wahr.

  • Partisan Bias / reaktive Abwertung

Eine Wahrnehmungsverzerrung zugunsten der eigenen Bezugsgruppe. Um den Bestand der eigenen Gruppe zu schützen, werden Widersprüche beim Gegner strenger bewertet als in der eigenen Gruppe. Das kann soweit gehen, dass Informationen, die vom Gegner kommen, von vornherein gänzlich ignoriert werden.

  • Confirmation Bias

Der klassische Bestätigungsfehler. Informationen werden so selektiert und interpretiert, dass sie die eigene Meinung bestätigen. Auch hier geht es um den Schutz des Selbstbildes.

Einige dieser Wahrnehmungsverzerrungen machen es unter Umständen schwierig, argumentativ zu punkten. Das ist knifflig, und äußerst unglücklich. Man muss versuchen zu unterscheiden, ob das Thema für den_die Gesprächspartner_in besonders identitätsstiftend ist, und somit eher ein negativer Effekt zu befürchten ist. Oder, ob es sich eher um “einfache” Vorurteile handelt, die keinen engeren Identitätsbezug haben. In dem Fall ist der argumentative Ansatz nach wie vor der richtige.

Den Ausschlag, was wir wie wahrnehmen und was nicht, gibt also oft der Bezug zur eigenen Identität. Jetzt stellt sich die Frage: Wodurch wird denn Identität erzeugt? Das ist individuell natürlich sehr verschieden, weil jeder Mensch einzigartig ist. Aber hier unterhalten wir uns ja über Dinge, die für eine ganze Reihe an Menschen – nämlich für die breite schweigende Masse der deutschen Gesellschaft – einen Identifikationscharakter haben müssen, der dazu führt, dass unangenehme Wahrheiten über die Entwicklung eben dieser Gesellschaft als Angriff auf die eigene Identität und auf die eigene Gruppe empfunden werden.

Da kommen mir zum Beispiel die sogenannten Preußischen Tugenden in den Sinn, die gerade bei den älteren Generationen nach wie vor einen hohen Stellenwert haben. Fleiß, Geradlinigkeit, Pünktlichkeit, Ordnungssinn, Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewusstsein, Sauberkeit – alles wunderbar positiv besetzte Begriffe, mit denen man sich doch gerne identifiziert und sich zu Eigen macht, als Zugehörige zu einer Gesellschaft, die diese herausragenden Eigenschaften hervorgebracht hat. Das Praktische daran ist, dass es ja schon ausreicht, zufällig in diese Gesellschaft hineingeboren zu werden, um sich diese Eigenschaften direkt zuzuschreiben und das Selbstbild darauf aufzubauen. Gleichwohl sind diese Werte unter jüngeren Menschen nicht mehr so verbreitet, da ihnen heute viele Alternativen zur Verfügung stehen, die besser zum Zeitgeist passen und die versuchen, ein bisschen weniger offensichtlich daher zu kommen. Da feiert man sich zum Beispiel für die deutsche Ingenieurskunst ab, vollkommen unreflektiert woher dieser “Wert” eigentlich kommt, oder man läuft zur Höchstform auf, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren irgendwo irgendein Spiel absolviert, weil das sind ja “wir”, äh, oder so.

Kurz: alles was Menschen “stolz auf Deutschland” macht, oder gefühlt mit dem Nationalkonstrukt Deutschland verbindet, spielt hier höchstwahrscheinlich eine identitätsstiftende Rolle, die dazu führt dass Kritik an der deutschen Gesellschaft ganz easy ignoriert wird. Je häufiger dieses Motiv “deutsch” im Selbstbild einer Person auftaucht, desto schwerer wiegt es natürlich – allein Fan der deutschen Nationalelf zu sein, reicht in der Regel noch nicht aus, um sein Selbstbild auf der Zugehörigkeit zu einer nationalen Gesellschaft aufzubauen.

 

Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nix kannst

Dann sei doch einfach Stolz auf dein Land – Kraftklub

 

Glücklicherweise kann sich Selbstwert aber zu nicht unerheblichen Teilen aus anderen, und mehreren verschiedenen Dingen speisen, als aus Zugehörigkeit zu einer Nationalität. Das setzt aber voraus, dass genügend Alternativen zur Verfügung stehen. Andernfalls ist das Risiko groß, dass Menschen auf diese leicht verfügbaren Werte zurückgreifen.

Für viele Menschen ist zum Beispiel ihr Beruf eine wichtige Identifikations- und Selbstwertquelle. Schließlich nimmt der Job auch einen großen Teil unserer Lebenszeit ein. Aber was, wenn man keine Arbeit mehr hat, und man vielleicht in einer Gegend lebt, in der es kaum noch Arbeit gibt, oder man nicht arbeiten kann? Damit kann ein großes Stück an Selbstwert wegbrechen, der dann mit anderen Werten kompensiert werden muss. Dass das Selbstwertgefühl unter dem Verlust der Arbeit leidet ist ohnehin längst bekannt, und außerdem ein wichtiger, ernstzunehmender Grund für gesundheitliche Probleme.

Der Faktor Arbeit hat allerdings gerade für jüngere Menschen für die Identifikation deutlich an Bedeutung verloren. Zwar gibt es selbstverständlich nach wie vor auch junge Menschen, die tatsächlich ihren Traumberuf erreicht haben, darin aufgehen und diesen entsprechend als wichtigen Teil ihres Selbst begreifen. Auf der anderen Seite ist es natürlich schwer, sich mit seinem Job zu identifizieren, wenn man gar nicht weiß, wie lange man überhaupt noch für die Firma arbeitet… Und: bei Weitem nicht jeder Job bietet das Potential zur Selbstverwirklichung, sondern ist vielleicht einfach nur ein Job, der im besten Fall die Miete bezahlt. Arbeit als Quelle des Selbstwerts und der Identifikation trifft also auch nur bedingt zu.

Junge Menschen suchen die Selbstverwirklichung deshalb häufig eher in sinnstiftenden Tätigkeiten oder Hobbies. Vor allem die Pubertät ist eine besonders prägende Phase für die Persönlichkeitsentwicklung. Teenager*innen probieren sich aus, wollen Talente und Fähigkeiten entdecken, wollen wissen wer sie sind, und in welchem Umfeld sie sich wohlfühlen. Dafür brauchen sie Möglichkeiten und Angebote. Wenn jetzt in dem Ort aber keine Freizeitangebote, keine Sportvereine, keine Möglichkeit ein Musikinstrument zu lernen oder mit einer Band zu proben vorhanden sind, dann entsteht auch hier ein Vakuum der fehlenden Identifikationsmöglichkeiten, der Persönlichkeitsentwicklung, des Selbstbildes, welches gefüllt werden muss. Und jetzt nehmen wir mal an, es gibt immerhin (genau) einen Sportverein, dann hat dieser für viele Jugendliche im Ort eine elementare Bedeutung als Freizeitangebot, über den sie dann effektiv und gezielt angesprochen werden können. Für Rechte ist es eine Steilvorlage, diesen Verein zu vereinnahmen und für sich als direkten Kanal und Ideologiemultiplikator zu verwenden. Sie machen sich genau diese Leere zu nutze, und bieten den Jugendlichen so gleich zwei identitätsstiftende Inhalte: Sport und ein rechtsextremes Weltbild, was auf den o.g. leicht verfügbaren nationalidentitären Werten beruht. Beides, gerade in Kombination ist bestens geeignet um Zugehörigkeit, Zusammenhalt und Identität zu erzeugen. Zack: Selbstbild, Selbstwert.

Wir stellen also fest, dass fehlende Identifikationsalternativen Raum erzeugen, der sowohl direkt als auch indirekt mit leicht verfügbaren Werten gefüllt wird – Werte, die man sich auch ohne Eigenleistung einfach zuschreiben kann, wie z.B. Dinge, die auf der eigenen Herkunft basieren. Und zwar auf der möglichst nahen, der, die am direktesten erlebt wird. Ansonsten kann man sich ja die Frage stellen, warum Herkunft nicht auch mit einer internationalen kollektiven Identität wie z.B. ‘europäisch’ assoziiert wird, was ja schon mit ganz anderen Werten aufgeladen ist, als die nationale Herkunft. Aber sie ist auch abstrakter. Denn: je direkter erlebbar, desto Identität.

Diese Gesamtsituation und die kognitiven Mechanismen dahinter erklären zumindest einen Teil der wegschauenden, schweigenden Masse: Sie identifizieren sich unbewusst (oder sogar bewusst, aber dann schweigen sie oft auch nicht) mit denselben Werten, die von den Rechtsextremen genutzt und bis ins Groteske gesteigert, ausgeschmückt und verzerrt werden.

Aber trifft das wirklich auf all die Menschen zu, die jetzt schweigen? Das wäre schon sehr erschreckend, und meiner Meinung nach auch viel zu einfach, weil diese “Vakuumzustände” eben nur bestimmte Teile der Gesellschaft betreffen. Insbesondere junge Menschen, die in urbanen Räumen leben, haben eher nicht mit mangelnden Angeboten zur Persönlichkeitsentfaltung zu kämpfen.

Ich persönlich habe eine andere subjektive Beobachtung, was sie davon abhält ihre politische Stimme zu erheben: Viele junge Menschen aus meinem Umfeld sind einfach vollkommen aus- oder überlastet damit, in der Leistungsgesellschaft irgendwie den Kopf über Wasser zu halten. Studium, Praktika, und der Lebensunterhalt muss auch irgendwo herkommen – da bleibt am Ende nicht mehr viel Energie, die noch für irgendwas verwendet werden kann. Oder die Überstunden fressen den letzten Rest Privatleben auf, die man hinnimmt, weil man Angst hat, dass der Arbeitsvertrag andernfalls nicht nochmal um wenigstens ein paar Monate verlängert wird. Oder ich mache in meiner Freizeit im Namen der grenzenlosen Selbstoptimierung die nächste Weiterbildung, damit ich vielleicht Chancen habe, bei der nächsten Beförderung nicht übergangen zu werden. Oder ich hab schon eine Ausbildung abgebrochen, danach ein Studium, und verzweifle unter dem Druck irgendwas auf die Kette kriegen zu müssen. Die kapitalistische Leistungsgesellschaft fordert vielen von uns dermaßen viel ab, dass kaum Energie bleibt, um sich mit anderen Problemen zu beschäftigen.

Eine weitere Erklärung für das politische “Kopf in den Sand stecken” können aber auch Gefühle der Ohnmacht sein, also eher eine Art politische Schockstarre als ein Wegschauen. Mit Sicherheit gibt es Menschen da draußen, die die Situation sehr wohl als bedrohlich empfinden und Handlungsbedarf sehen, denen aber der konkrete Anlaufpunkt fehlt, weil sie keine Kontakte haben oder Strukturen fehlen, an die sie sich wenden können. Oder sie haben schlicht reelle Angst sich zu äußern, weil es da, wo oder wie sie leben mittlerweile angebracht ist, Angst zu haben.

Es gibt aber auch noch eine andere Erklärung fürs Nichtstun: Manche Leute sind einfach selbstgefällige, ignorante, egozentrische Arschlöcher, denen es einfach scheißegal ist, was um sie herum passiert. Die ihre kleingeistige “mein Haus, mein Auto, mein Vorgarten”-Mentalität so lange weiterleben, bis die Nazis vor ihrer Tür stehen und ihnen alles wegnehmen, oder so lange ihr Leben eben dauern mag.

So weit, so ernüchternd. All diese Eigenschaften des menschlichen Denkens erwecken den Anschein, der Mensch sei geradezu dafür geschaffen sich alles schönzureden und dann ins Verderben zu stürzen. Unser Gehirn verbraucht etwa 20% unseres täglichen Energiebedarfs. Sich entgegen dieser kognitiven Mechanismen zu verhalten kostet jedes Mal Energie, weil man jedes Mal aktiv nachdenken muss. Ihnen nachzugeben geht von ganz alleine und kostet gar nichts.

Und was jetzt? Wie gehen wir damit jetzt um? Gibt es noch Grund zur Hoffnung, oder können wir nur noch zusehen, wie alles den Bach runtergeht, wenn auch die letzten engagierten Menschen aus purer Erschöpfung und Angst den Kampf gegen rechts einstellen?

So sehr es mich schmerzt, aber ich habe darauf keine Antwort. Höchstens ein paar Ideen und Ansätze, die vielleicht helfen würden, mehr Menschen zu erreichen.

Als erstes: Struktureller Aufbau! Sowieso, aus so vielen Gründen. Menschen brauchen Angebote, sowohl beruflich als auch privat. Erst dadurch entsteht wirklicher Lebensraum. Nur so können Menschen ihr Potential entfalten, sich verwirklichen, und Glück und Zufriedenheit erreichen – die beste Prävention gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit überhaupt. Durch strukturelle, kulturelle und wirtschaftliche Armut wird der Nährboden für eine gesunde persönliche Entwicklung entzogen, und Raum für destruktives entsteht. Ganze Regionen wirtschaftlich, strukturell und kulturell erodieren zu lassen, ist eine politische Verantwortungslosigkeit sondergleichen. Das ist eine langfristige Aufgabe der Politik, die dringend in Angriff genommen werden muss, um den Ursachen für die Verbreitung rechter Ideologien das Wasser abzugraben.

Um kurzfristig mehr Menschen zu mobilisieren, könnte etwas anderes helfen: Bewegungen funktionieren, wenn sie Symbole oder Gallionsfiguren haben. Weil – Achtung: Sie haben Identifikationspotential. Wir brauchen viel mehr Personen, die in der breiten Masse Akzeptanz und hohes Ansehen genießen, die sich öffentlich äußern und Position beziehen. Mit Reichweite, Aufmerksamkeit, und Akzeptanz kann der informationale Einfluss (s.o.) zum Vorteil genutzt werden – beliebte Promis können helfen, die Wahrnehmung von Ereignissen in der Bevölkerung zu beeinflussen. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob diese Personen tatsächlich Expert_innen sind; entscheidend ist vielmehr, wie die Bevölkerung diese Personen wahrnimmt. Wer beliebt ist, dessen Meinung ist auch akzeptiert. In den USA ist es viel üblicher, dass Prominente sich politisch positionieren, als in Deutschland. Hier hält man sich aus diesen Themen lieber raus, aus Angst ein Image zu bekommen, das man nicht mehr los wird, oder es sich mit den “falschen” einflussreichen Leuten zu verscherzen. Auch schon wieder erschreckend, und ganz aktuell im Rahmen der metoo-Debatte zu beobachten. Tja, was soll ich sagen, es sieht nicht gut aus.

Und wie beantworten wir jetzt die Frage, warum so viele Leute wegschauen? Es IST Akzeptanz, es IST Ignoranz, aber es ist auch Ohnmacht, fehlende Energie und Überforderung, und Angst.

Abschließend möchte ich euch noch eine Sache ans Herz legen: Achtet darauf, was ihr verbreitet. Denkt immer daran: Wiederholung verschafft Gewicht. Es ist schwierig, abzuwägen, wann man mit der Verbreitung rechter Aktivitäten durch gesteigerte Empörung eventuelle positive Effekte erzielen kann, und wann man eigentlich nur die Reichweite derer erhöht, den Inhalt reproduziert, und ihnen voll in die Karten spielt. Das menschliche Gehirn funktioniert nunmal so, ob wir das wollen oder nicht. Und die Rechten wissen das für sich zu nutzen; ihre ganze Strategie der Provokation von Aufmerksamkeit baut genau darauf auf, und funktioniert bis jetzt leider hervorragend.

Sämtliche Aktivitäten von rechts zu ignorieren ist aber ebensowenig eine gute Idee, wie wir wissen. Der beste Weg ist wohl, Inhalte vor allem nicht unkommentiert und uneingeordnet zu verbreiten, auf die Macht der Sprache zu achten , und natürlich keine direkten Retweets oder Reposts zu machen, die den Accounts und den Personen dahinter nur helfen.

Mein hashtag dazu: #dontspreadhate !

In diesem Sinne: Haltet zusammen, gebt aufeinander acht und bleibt standhaft. <3

 

Quellenverweis: “Sozialpsychologie” Aronson, Wilson, Akert, (2014) Pearson Deutschland

 

tl, dr:

  • Informationen, die unser Selbstbild, also unsere Identität und unseren Selbstwert angreifen, blenden wir mit Vorliebe aus.
  • Selbstbilder, Identität und Selbstwert brauchen Angebote wie z.B. Arbeitsplätze und Kultur, um sich zu entwickeln. Fehlen sie, greifen Menschen oft zu leicht verfügbaren Werten – wie der nationalen Herkunft.
  • Alles, was die Identifikation mit der nationalen Herkunft unterstützt, führt dazu, dass Kritik an der deutschen Gesellschaft von diesen Menschen ignoriert wird, da sie sich und ihre Gruppe dadurch angegriffen fühlen.
  • Andere Gründe fürs Schweigen können Ohnmacht, fehlende Energie oder natürlich Angst sein.
  • Um rechte Ideologien zu bekämpfen, müssen Regionen, die wirtschaftlich und kulturell erodiert sind wieder zu richtigen Lebensräumen mit Angeboten werden, damit kein Vakuum des Selbstwertes entsteht, das dann mit leicht verfügbaren, nationalen Werten gefüllt wird.
  • Um mehr Menschen zu erreichen und zu mobilisieren, braucht es mehr beliebte, prominente Personen, die sich positionieren, und der Bevölkerung so eine Möglichkeit zur Identifikation mit einer politischen Meinung anbieten.
  • #dontspreadhate ! Denn: Wiederholung verschafft Gewicht! So funktioniert das menschliche Gehirn.

 

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Podcast, “das neue Medium”, gibt es da auch etwas von Links? https://stadtkontext.de/podcast-das-neue-medium-gibt-es-da-auch-etwas-von-links/ Thu, 11 Jan 2018 17:36:05 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2121 Ich schreibe diesen Beitrag, da zwar die dritte Welle der Podcasts angebrochen ist, mir aber persönlich eine Sammlung der Podcasts fehlt, die sich selbst politisch dezidiert links einordnen. Mit links ist hier klar links der Mitte gemeint, was Podcasts wie den aktuellen Shootingstar “Lage der Nation” ausschließt. Dieser ist zwar ein politischer Podcast, jedoch der…

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Ich schreibe diesen Beitrag, da zwar die dritte Welle der Podcasts angebrochen ist, mir aber persönlich eine Sammlung der Podcasts fehlt, die sich selbst politisch dezidiert links einordnen. Mit links ist hier klar links der Mitte gemeint, was Podcasts wie den aktuellen Shootingstar “Lage der Nation” ausschließt. Dieser ist zwar ein politischer Podcast, jedoch der gesellschaftlichen Mitte zuzuordnen. Das ist nicht unbedingt schlimm, aber soll einfach helfen, die linkeren Podcasts zu finden. Die Beschreibungen sind mit einem Augenzwinkern zu lesen, jeder nicht-rechte Podcast ist wichtig, nicht rechts ist aber ungleich links.

Ich möchte hier auch eine Kritik an die linken (etablierten) Medien in Deutschland richten, denn im Gegensatz zu Zeit, Deutschlandfunk und Spiegel Online haben sie es nicht geschafft, eigene Podcasts aufzubauen, was ich persönlich sehr schade finde.

Andererseits fände ich ein Medienkollektiv von Podcasts und anderen linken Medienvertreter*innen außerhalb der aktuellen Institutionen wirklich schön. Wir haben einen politischen Rechtsruck in Deutschland, welcher gleichzeitig mit einer immer stärkeren Repression seitens des Staates gegenüber linken Projekten einhergeht. Dies beides sollte zum einen so kritisch wie möglich begleitet wie auch mit neuen positiven Zukunftsaussichten bekämpft werden. Ich weiß: Wunschträume. Aber wir haben Anfang des Jahres, da darf sich 1 doch mal was wünschen.

Logbuch: Netzpolitik: Sicher der Klassiker in Sachen politischer Podcasts. Netzpolitik ist Innenpolitik und Kritik an dieser ist dringend notwendig. Dies ist ein linker, vielleicht sogar ein linksradikaler Podcast auch wenn manche Hörer*innen sich dem vielleicht nicht bewusst sind.

Das Freie Sender Kombinat(Fremdempfehlung): Aus Hamburg ist eher ein Klassiker, freies und nichtkommerzielles Radio für in Hamburg und um Hamburg herum. Aber auch zum später anhören gibt es einige Sendungen auf der Seite.

Lauschpod: Ein Podcast aus Hamburg – inoffiziell spätestens seit der Entscheidung, ein “Fest der Demokratie” aka eine gescheiterte Bürgerkriegsübung in Hamburg stattfinden zu lassen, der Vor- und Nachbereitungspodcast zu G20. Aber auch andere linke Themen werden behandelt, hauptsächlich mit Bezug Hamburg.

Metrolaut: Ein leider viel zu selten erscheinendes Format, welches immer mal wieder Interviews mit Aktivist*innen führt oder sich auch mal mitten ins Geschehen begibt, um zu berichten, egal ob der Ort Taksim-Platz in Istanbul oder das Wendtland heißt.

Die Anachronistin: Hier wird das Leben des Widerstandskämpfers Theo Hespers und seiner Nachfahren beschrieben. Ein historischer Podcast, welcher gut zeigt, wie sich das Leben für die geändert hat, die nicht einverstanden waren und dies auch gezeigt haben. Geschichtsunterricht, wie er sein sollte!

The Red Line: Unser Eigengewächs und mein eigener Podcast: Internationale Politik mit einem Standpunkt und trotzdem natürlich immer mit Fakten unterlegt. Hier geht es mal um die USA, aber genauso auch um Äthiopien oder Simbabwe.

Gesprächsaufklärung: Um es klar zu sagen: Der NSU waren nicht nur die drei bekannten Personen und die Geheimdienste des Bundes haben (absichtlich?) bei der Überwachung der rechtsradikalen Szene versagt. Daraufhin folgten verschiedene Untersuchungsausschüsse – und dieser Podcast ist bei jeder öffentlichen Sitzung des Brandenburger U-Ausschusses dabei. Respekt dafür!

Horst – die Podcast: Leider bisher erst 9 Folgen, darunter einige Live-Folgen vom G20, ich hoffe es geht dort weiter. Wo sie das erlebte des jeweiligen Tages verarbeitet.

kleinercast: Das Blogger*innen-netzwerk kleinerdrei macht einen feministischen Podcast – und was für einen! Hier wird von Schwangerschaft und Abtreibungen genauso reflektiert berichtet, wie von Wonder Woman oder dem “Ossi”-sein.

Neues vom Ballaballa-Balkan: Der Name ist eher seltsam, die Gegend ist es jedoch zumindest zur Zeit leider auch. Die beiden Journalistinnen berichten aus einer in Deutschland oft vernachlässigten Region. Sie beziehen dabei klare Position gegen die  Nationalistinnen in allen Ländern und machen sich damit bestimmt nicht nur Freund*innen.

Ruhig, Brauner!: Die letzte Folge ist leider aus dem Jahr 2016 und das Projekt damit wohl leider eingestellt. Trotzdem sind die Interviews alle sehr hörenswert. 17 Folgen klarer Antifaschismus.

Vox’s The Weeds: Links-liberal ist wohl die passendste Bezeichnung für diesen US-Podcast. Dennoch findet ihr hier alles über US-Politik, was ihr bestimmt immer schon wissen wolltet. Ich mein, wer interessiert sich nicht dafür, wie Obamacare aktuell und in Zukunft funktionieren wird.

Fokus Europa: Ein Podcast über Europa.Wissenschaftlich, sachlich jedoch auch klar pro-europäisch und politisch links. Interessante Interviews mit verschiedenen Wissenschaftler*innen.

Feuer und Brot: Zwei Frauen, beide vollkommen verschieden und doch beste Freundinnen. Sie reden über Feminismus und vieles mehr. Sie sprechen  Themen an, die (warum auch immer) in der Gesellschaft tabuisiert werden, wie etwa die Regelblutung, reden aber beispielsweise auch über aktuelle Ereignisse wie den Anschlag in Charlottesville.

Period (Fremdempfehlung): Emanzipiert und feministisch mit dem Hauptthema Menstruation. (englisch)

Crooked Media Podcasts: Ein Netzwerk, das seit ca. einem Jahr besteht und mehrere Podcasts produziert:

Zum einem Pod Saves America.Hier diskutieren ehemalige Mitarbeiter der Obama-Regierung mehrmals die Woche über die Lage in den USA. Dabei sind sie eindeutig parteiisch, denn allesamt sind klar progressive Demokraten.

Bei Pod Saves the World spricht der ehemaliger Sprecher des American National Security Council im Obama White House, Tommy Vietor, jede Woche mit einer interessanten Person über die amerikanische Außenpolitik aus linker Perspektive.

Der dritte Podcast im Bunde ist Pod Saves the People. DeRay Mckesson, Aktivist der Black-Lives-Matter-Bewegung, spricht über Bürgerrechte, Gerechtigkeit und Rassismus in den USA –mit interessanten Gästen, unterstützt von einem tollen Team.

Alle drei in Englisch.

Agitpod: Owen Jones, Labour-Aktivist und Journalist bei The Guardian, und Ellie Mae O’Hagan, Aktivistin bei Labour und ebenfalls Journalistin, sprechen in lockerer Atmosphäre über britische Politik aus linker Labour-Perspektive. Sie laden gerne Gäste zu sich ein, wie etwa den Drehbuchautor Armando Iannucci oder den ehemaligen Labour-Vorsitzenden Ed Milliband. Dabei sind sie meist albern und manchmal auch  etwas ernster.

Ebenfalls Englisch.

Intercepted(Fremdempfehlung): Weekly podcast with Jeremy Scahill, investigative reporter and war correspondent, co-founder of The Intercept.
Die erste Episode von Intercepted erschien Anfang 2017: «THE CLOCK STRUCK 13 on January 20, Donald Trump is the president of the United States, and episode one of Intercepted is here…»
Scahill spricht jede Woche mit unterschiedlichen Gästen über eine breite Palette von Themen, immer unter dem Motto «Exposing injustice and holding the powerful accountable».
Englischsprachig

Podcast der Mädchenmannschaft (Fremdempfehlung) „Servicewüste Feminismus

 

Ihr seid hier unter angekommen und euersuper gute, linke Podcast fehlt noch in dieser Sammlung? Schreibt ihn gerne in die Kommentare oder per Twitter an @stadtkontext.

 

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Nachberichterstattung zum Protest rund um den AfD-Parteitag https://stadtkontext.de/nachberichterstattung-zum-protest-rund-um-den-afd-parteitag/ Mon, 04 Dec 2017 16:11:22 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2082 Nachberichterstattung Protest gegen den AfD Parteitag Hier fassen wir unsere Berichterstattung zu den Protesten des AfD-Parteitages zusammen Am zweiten Dezember startete der Bundesparteitag der AfD in Hannover. Der Gegenprotest wurde von einem großen und aktivem Bündnis angemeldet. Neben den Linken Parteien, Jugendorganisationen, den Gewerkschaften auch das Bündnis “Nationalismus ist keine Alternative” und Antifa-Gruppen wie die…

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Nachberichterstattung Protest gegen den AfD Parteitag

Hier fassen wir unsere Berichterstattung zu den Protesten des AfD-Parteitages zusammen

  1. Am zweiten Dezember startete der Bundesparteitag der AfD in Hannover. Der Gegenprotest wurde von einem großen und aktivem Bündnis angemeldet. Neben den Linken Parteien, Jugendorganisationen, den Gewerkschaften auch das Bündnis “Nationalismus ist keine Alternative” und Antifa-Gruppen wie die Bremer Basisgruppe Antifaschismus.
  2. Der Plan der Aktivist*innen war den Parteitag der AfD zu blockieren oder ihnen zumindest die Anreise so schwerig wie möglich zu machen. Da der Parteitag der AfD rund eine Stunde später begonnen hat und viele Mitglieder sich bei ihrer Anreise durch Büsche und Gestrüpp schlagen musste, hat dieses Vorhaben funktioniert.
  3. Im Einsatz waren insgesamt drei Finger, ein queerfeministischer Lila-Finger, ein Oranger-Finger unter dem Motto “Refugees Welcome”, der rote Antikapitalistische-Finger und der grüne Antifaschistische-Klima-Finger. Ab hier werden diese nur noch kurz mit ihren Farben bezeichnet.
  4. Bei der Ankunft am Hauptbahnhof, kurz nach 6 Uhr, wurde schon klar, die Polizei hat ordentlich aufgefahren.
  5. 0613 also 26 Wannen vor dem hbf, darunter schwarze der bpol #h0212
  6. 6:26 #h0212 #Zooviertel hohe Polizeipräsenz, Treffpunkt im Quasikessel.
  7. Trotzdessen konnten alle Finger laufen und gegen 8 Uhr stand fest, die Blockaden stehen fest rund um das Kongresszentrum Hannover. Der Lila-Finger war sogar in Sichtweite und immer wieder mussten AfDler*innen sich neue Wege suchen.
  8. #h0212 0813 Blockade Zoo der erste Afdler muss abdrehen Blockade steht mit 300 Menschen.
  9. Der AfD Bundesparteitag beginnt mit einer light show und rund einer Stunde verspätet! #dankeantifa #0212noafd #h0212
  10. 0844 #h0212 queerfem. Finger steht in Sichtweite des Kongresszentrums https://t.co/9Ghhb25t4s

    0844 #h0212 queerfem. Finger steht in Sichtweite des Kongresszentrums pic.twitter.com/9Ghhb25t4s
  11. 0840 Blockaden aktuell: @nika_kampagne Schackstraße Ecke Gneisenau (Ost-Zufahrt zum HCC) Rot: Theodor-Heuss-Platz (Platz vorm HCC) Lila: Adenauerallee (Nordzufahrt) Orange: Clausewitzstraße / Hans-Böckler-Alle braucht Unterstützung#0212noafd #NoAfD #AfDbpt #H0212
  12. Jedoch waren die Polizist*innen und ihre Einsatzleitung nicht so glücklich darüber. So wurde einem Aktivisten, der sich angekettet hatte, beide Unterschenkel gebrochen.
  13. Inakzeptable #Polizeigewalt beim #AfDBpt einem Mann, der sich für eine Aktion angekettet hatte, wurden von der Polizei schreckliche Knochenbrüche zugefügt. #h0212 (Auszug via Patricia Hecht @taz_news vom 02.12.2017) https://t.co/nZ5SIFs656

    Inakzeptable #Polizeigewalt beim #AfDBpt einem Mann, der sich für eine Aktion angekettet hatte, wurden von der Polizei schreckliche Knochenbrüche zugefügt. #h0212 (Auszug via Patricia Hecht @taz_news vom 02.12.2017) pic.twitter.com/nZ5SIFs656
  14. Eine Blockade wurde währenddessen mit Wasserwerfer geräumt und dies bei Temperaturen um 0°C herum. Auch hier wurden die Gesundheit der Aktivist*innen, unserer Meinung nach, unberechtigter Weise gefährdet.
  15. 0934 Blockade gneisenaustr. Cops drohen Räumung mit Wasserwerfer bei Temperaturen um die 0*c Parlamentarische Beobachter vor Ort #h0212
  16. 0940 letzte Aufforderung geht auch an die Presse #h0212
  17. Die Cops greifen die Blockade an der Schackstr. an! Finger weg! #wrongsideofhistory #h0212 #0212noafd https://t.co/PxyzBNCub7

    Die Cops greifen die Blockade an der Schackstr. an! Finger weg! #wrongsideofhistory #h0212 #0212noafd pic.twitter.com/PxyzBNCub7
  18. 1000 Wanderkessel und Festnahme #h0212
  19. Die Arbeit der parlamentarischen Beobachter*innen von Die Linke und B90/die Grünen wurde durch die Polizei auch erschwert.
  20. Wurde grade mit einem Platzverweis belegt weil ich mich nach der Dienstnummer eines Beamten erkundigt habe… #noafd #H0212
  21. Ab 11.30 Uhr, begann dann die Auftaktkundgebung der Großdemo gegen die AfD. Hier blieb mir besonders die Rede von Marianne Winkler im Gedächtnis. Ihre Familie wurde zum Teil Opfer des Nationalsozialistischen Regiems.
  22. 11:40 Gerade redet auf der Auftaktveranstaltung der #noafd Demo sie kritisiert dien Verfassungsschutz und fordert Solidarität mit den Opfern des Faschismus und Geflücheten.tränen in den Augen. #h0212
  23. Ab 13 Uhr lief die Demo, mit rund 8000 Menschen, loß. Der vordere Block aufgestellt vom NIKA-Bündnis musste dabei durchgehend im Spalier laufen. An den Seiten standen immer wieder Wasserwerfer, Räumpanzer und posende Cops.
  24. 1340 Demo stoppt um gegen den Lauf im Spalier des nika-Blogs #h0212
  25. #H0212 #0212NoAfD Knapp 8.000 in #Hannover auf der Straße gegen den #AfDBpT. Mit dabei ein fetter Block der @nika_kampagne #nikapic.twitter.com/vgXyjS6YgP
  26. Wir hassen Faschismus so sehr, dass wir uns einen Samstag Morgen im Dezember mit Wasserwerfer beschiessen lassen. #h0212#0212noafd
  27. Wie gesagt, alles in allen eine erfolgreiche Aktion, danke an alle Aktivst*innen. Zur AfD bleibt zu sagen sie ist noch weiter nach Rechts gerückt, hatte unserer Meinung nach ja nie einen Platz in der demokratischen Ordnung. Grüße gegen diesen Parteitag und an die Aktivist*innen gab es auch aus dem Bremer Weserstadion.
  28. Einen weiteren Bericht von @SWeiermann findet ihr hier:

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2082
Spontandemo in Bremen am 25.09.17 https://stadtkontext.de/spontandemo-in-bremen-am-25-09-17/ Mon, 25 Sep 2017 06:58:42 +0000 http://stadtkontext.de/?p=1990 Wir wollen hiermit auf die Veranstaltung des Bündnis gegen Rassismus und Rechtspopulismus Bremen hinweisen, die relativ spontan heute Abend stattfinden wird. Das Wahlergebnis mit dem Einzug einer faschistischen Partei in den Bundestag am 24.09.17 hat uns alle ziemlich mitgenommen. Vielleicht ist diese Zusammenkunft heute Abend ein erster Anstoß zusammen zu kommen, Solidarität zu zeigen, den…

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Wir wollen hiermit auf die Veranstaltung des Bündnis gegen Rassismus und Rechtspopulismus Bremen hinweisen, die relativ spontan heute Abend stattfinden wird. Das Wahlergebnis mit dem Einzug einer faschistischen Partei in den Bundestag am 24.09.17 hat uns alle ziemlich mitgenommen. Vielleicht ist diese Zusammenkunft heute Abend ein erster Anstoß zusammen zu kommen, Solidarität zu zeigen, den Protest auf die Straße zu tragen, aber auch sich zu vernetzen und Bündnisse für die kommende Zeit zu schaffen. Sagt allen Bescheid, euren Freund*innen, Sozialen Netzwerken, eurer Familie, euren Arbeitskolleg*innen… Wir sind nicht allein.

 

Demonstration am Montag, den 25.09.17 um 18:00 auf der Kreuzung Am Brill in Bremen

 

Gegen den Rechtsruck in Deutschland! Unsere Alternative heißt Solidarität! Spontandemo in Bremen: Montag, 25.09., 18:00, Am Brill (Klick auf das Bild führt zur Facebook-Veranstaltung des Bündnisses)

 

Dieses Wahlergebnis macht Angst. So viel Zustimmung zu einer nationalistischen, rassistischen und rechtspopulistischen Partei ist ein deutliches Warnsignal: Die demagogische Hetze der AfD, die Sündenböcke für soziale Probleme verantwortlich macht, fällt auf fruchtbaren Boden. Jetzt ist die Zeit, zusammen zu halten, und sich gemeinsam gegen den Rechtsruck zu stellen.
Teilt diesen Aufruf und kommt zur Demo!

 

This election result is frightening. So much support for a nationalist, racist and populist party is a clear warning: the demagogic propaganda of the afd, which makes scapegoats for social problems, falls on fertile ground. Now is the time to hold together, and to stand together against the right. Share this call and join the demo!

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1990
AKJ Bremen löst sich auf https://stadtkontext.de/akj-bremen-loest-sich-auf/ Mon, 11 Sep 2017 17:26:12 +0000 https://akj-bremen.org/?p=830 Hiermit müssen wir leider mitteilen, dass sich der Arbeitskreis kritischer Jurist_innen Bremen aufgelöst hat. Es ist uns nicht gelungen eine Gruppe aufzubauen und zu erhalten, die in der Lage ist, kontinuierlich und verlässlich zu arbeiten. Die Arbeit als AKJ ist bisweilen äußerst zeitintensiv und weder mit Examensvorbereitung noch mit dem Referendariat oder regulärer Lohnarbeit effektiv…

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Hiermit müssen wir leider mitteilen, dass sich der Arbeitskreis kritischer Jurist_innen Bremen aufgelöst hat.
Es ist uns nicht gelungen eine Gruppe aufzubauen und zu erhalten, die in der Lage ist, kontinuierlich und verlässlich zu arbeiten.
Die Arbeit als AKJ ist bisweilen äußerst zeitintensiv und weder mit Examensvorbereitung noch mit dem Referendariat oder regulärer Lohnarbeit effektiv zu vereinbaren. Die tragenden Kräfte waren daher immer Student*innen der Rechtswissenschaft in niedrigeren Semester, die durch ältere Mitglieder unterstützt wurden. Dieses Prinzip konnten wir nicht aufrechterhalten, sodass uns die Arbeit als Gruppe nicht mehr verlässlich möglich ist.
Wir sind stolz und glücklich über das, was wir geschafft haben und über den Zuspruch, das Lob und auch über Kritik, die uns gegenüber geäußert wurde.
Das Recht und den Rechtsstaat halten für ein Werkzeug, das zum Positiven und zum Negativen genutzt werden kann, gerade deshalb halten wir die ständige Kritik und Hinterfragen der bestehenden (rechtlichen) Verhältnisse für unerlässlich.
Wir hoffen, dass sich wieder engagierte und kritische Jurastudent*innen finden werden, die diese Aufgabe übernehmen werden. Die Unterstützung der Ehemaligen dieser Gruppe ist ihnen sicher.

Wir werden dafür Sorgen, dass unsere Texte, von denen wir einige für zumindest historisch interessant halten, nicht verloren gehen. Unsere Freund*innen und Genoss*innen wissen sicher, an welche Personen sie sich bei Bedarf wenden können.

Wir danken eben jenen Freund*innen und Genoss*innen für die Hilfe, die Unterstützung, den Zuspruch, die Kritik, die Zusammenarbeit und für die gemeinsame Zeit.

Machts gut!
AKJ Bremen

ps.: Unsere Homepage wird ab Anfang Oktober abgeschaltet werden. Wenn Ihr Texte sichern möchtet, könnt Ihr diese natürlich kopieren und verbreiten, es wäre aber nett, wenn ihr den AKJ Bremen dennoch als Urheber nennt.

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Geht verdammt noch mal zur Wahl! https://stadtkontext.de/geht-verdammt-noch-mal-zur-wahl/ Fri, 08 Sep 2017 10:00:05 +0000 http://stadtkontext.de/?p=1733 Die Bundestagswahl steht vor der Tür, und viele Menschen werden das auch diesmal wieder ignorieren. Weil sie zum Beispiel der Ansicht sind, es würde ja eh nichts ändern, oder weil sie ja nicht das System unterstützen wollen, welches sie ablehnen. Oder weil sie zu faul sind. Oderoderoder. Stimmt das? Gehen wir doch mal die häufigsten…

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Die Bundestagswahl steht vor der Tür, und viele Menschen werden das auch diesmal wieder ignorieren. Weil sie zum Beispiel der Ansicht sind, es würde ja eh nichts ändern, oder weil sie ja nicht das System unterstützen wollen, welches sie ablehnen. Oder weil sie zu faul sind. Oderoderoder.

Stimmt das? Gehen wir doch mal die häufigsten Argumente durch, um zu sehen was da dran ist, und ob ihr nicht doch lieber wählen gehen solltet.

1.Meine Stimme ändert doch eh nichts!

Der Klassiker. Okay, du bist ein Mosaiksteinchen von vielen. Natürlich ändert deine einzelne Stimme für sich genommen nichts, weil du eben nicht der*die einzige Wahlberechtigte bist. Die Frage ist aber: Willst du dich beteiligen? Ein Mosaik entsteht nur dadurch, dass sich viele kleine Teile zu einem ganzen zusammensetzen.

Und noch viel wichtiger ist folgendes: Wer nicht wählt, wählt rechts.

Durch jede nicht abgegebene Stimme erhalten die verbleibenden Stimmen mehr Gewicht und somit mehr Macht. Dadurch können z.B. rechtspopulistische Randparteien plötzlich mit rein zahlenmäßig gesehen wenigen Stimmen doch Sitze erhalten, weil diese wenigen Stimmen im Verhältnis ausreichen.

 

Ein Beispiel:

100 Wahlberechtigte

75 gehen hin

3 wählen AfD

= 4% AfD

100 Wahlberechtigte

50 gehen hin

3 wählen AfD

= 6% AfD

 

Hintergrund ist, dass Anhänger*innen von rechtspopulistischen Parteien in aller Regel eine viel höhere Motivation haben zur Wahl zu gehen, da sie von bestimmten Themen getrieben werden, die ihnen besonders wichtig sind. Daher entfallen die “Nichtwählerstimmen” statistisch gesehen eher den größeren Parteien, die Populisten werden hingegen prozentual gestärkt, wie das Beispiel veranschaulicht.

Deine nicht abgegebene Stimme kann also sehr wohl etwas zum Schlimmeren verändern, und deine abgegebene Stimme helfen dies zu verhindern.

2. Ich will kein System unterstützen, was ich ablehne

Ein weit verbreitetes Argument, zu dem sich mir verschiedene Gegenfragen aufdrängen: Wie will ich ein System verändern, wenn ich mich von ihm zurück ziehe? Warten, bis jemand anders ein neues erfindet, oder hab ich selbst irgendwelche Vorschläge? Wenn ja, was tue ich dafür diese Vorschläge umzusetzen? Engagiere ich mich vielleicht in einer NGO oder ähnlichem? Und wie ablehnenswert ist die parlamentarische Demokratie denn überhaupt, und warum? Hierzu gibt es viele Ansätze und Perspektiven, daher sollen diese Fragen nur ein paar Denkanstöße sein, um diesen Standpunkt etwas besser zu reflektieren.

Sich hinsetzen und darüber beschweren, dass man das aktuelle System nicht mag, und man sich deswegen nicht beteiligt, ist weitestgehend sinnfrei. Um etwas zu verändern muss man anpacken. Das heißt also, sich vorerst mit der bestehenden Situation zu arrangieren, und daran arbeiten, Veränderungen zu entwickeln und umzusetzen. Von nix kommt nix. (Hint: Zum Beispiel die Piratenpartei hat als ganz normal wählbare Partei damals einen solchen Ansatz verfolgt, und wollte grundlegende Änderungen der gelebten Demokratie vorantreiben.)

Und wer jetzt auf die Idee kommt, eine Satire-Partei zu wählen, um seinen Missmut gegenüber dem System auszudrücken, dem sei folgendes ans Herz gelegt:

Eine Satire-Partei zu wählen muss man sich leisten können, sprich es muss einem so gut gehen, dass man keinen Bedarf an wirklichen politischen Veränderungen hat. Es ist zwar immernoch besser als gar nicht zu wählen, da man so wenigstens seine Stimme abgegeben hat und sie nicht die Falschen stärkt, aber so gehen auch Stimmen für Abgeordnete verloren, die sich für bestimmte Themen einsetzen, die für manche von uns sehr wichtig sind. Fragt doch mal die Alleinerziehenden, die Niedriglohn- und Hartz-IV-Empfänger*innen, oder die denen eine Abschiebung droht oder deren Familie im Krisengebiet festsitzt, wie sie das so finden, wenn Parlamentssitze von Satirikern besetzt werden.

3. Aber keine Partei stimmt mit mir zu 100% überein!

Das ist normal. Selbst Parteimitglieder liegen oft “nur” bei einer Übereinstimmung von rund 90%. Das liegt eben daran, dass in einer Partei natürlich ein Konsens gefunden werden muss, und individuelle Meinungen im Detail dann oft etwas abweichen. Eine 100%ige Übereinstimmung ist also sehr unrealistisch. Das ist aber auch nicht relevant. Konzentrier dich auf die Themen, die dir am Wichtigsten sind, und schaue, welche Partei dies genauso sieht, und sich für die Umsetzung ausspricht.

Deswegen gibt es so nützliche Tools wie den Wahl-O-Mat oder deinWal . Die durchzutickern dauert nur wenige Minuten, und wenn du magst, kannst du dein Ergebnis hinterher genauer betrachten und dich näher informieren über einzelne Themen oder Parteien. Auch die “Wahlprüfsteine” oder die Medienberichterstattung können dir weiterhelfen. Nimm dir einen Moment Zeit, und schon hast du eine Orientierung und einen Überblick, ohne dass du seitenlange Parteiprogramme wälzen musst.

 

Soweit, so gut. Und wer immernoch nicht überzeugt ist, seinen Hintern am 24.09. zum Wahllokal zu schwingen oder Briefwahlunterlagen anzufordern, hier noch ein paar weitere Argumente fürs Wählen:

4. Es heißt nicht ohne Grund WahlRECHT

Deine Regierung wählen zu können ist ein von unzähligen Menschen über Jahrhunderte hart erkämpftes Recht und ein Privileg. Auch aktuell riskieren Menschen in vielen Ländern ihr Leben, um dieses Recht für sich und die nachfolgenden Generationen zu erkämpfen und so die Zukunft ihres Landes zu verändern. Jeder von uns sollte daher dieses Recht schätzen und es nicht wegwerfen und mit Füßen treten. Zeigt etwas moralischen Anstand und Respekt.

5. Schaff ein Gegengewicht

Die Wählergruppe über 60 ist in Deutschland die größte und somit stärkste. Sie bestimmt also maßgeblich den Ausgang der Wahlen. Und auch das Durchschnittsalter der Politikerinnen ist ähnlich hoch. Politik wird hier also von (überwiegend männlichen weißen) Alten für Alte gemacht. Zwar ist die Auswahl an jungen Politikerinnen bei allen Parteien zugegebenermaßen überschaubar, aber ein paar gibt es doch. Du kannst also mit deiner Stimme dazu beitragen, mehr Vielfalt in den Bundestag zu bringen, damit deine Interessen dort auch Gehör finden.

So, und jetzt will ich nichts mehr hören. Geht verdammt nochmal wählen.

 

Anm. d. Red.: Dieser Artikel richtet sich an Leser*innen, die sich aus dem aktuellen politischen Diskurs weitestgehend zurück gezogen haben. Wir wollen versuchen, ihnen den Sinn des Wahlrechts wieder näher zu bringen und aufzeigen, warum politische Teilhabe so wichtig ist. Tut man dies nicht, werden bestimmte Bevölkerungsgruppen sich immer weiter aus dem Diskurs verabschieden, immer weniger gehen wählen, was zur Folge hat, dass die Interessen und Bedürfnisse dieser Gruppen auch noch weniger im Parlament gehört werden.

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