Stadtkontext https://stadtkontext.de Samt im Getriebe Fri, 29 Mar 2019 20:49:41 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.1.1 134506318 Mit welchen “Meinungen” ihr es euch bequem macht und euch vor eurer Verantwortung drückt https://stadtkontext.de/mit-welchen-meinungen-ihr-es-euch-bequem-macht-und-euch-vor-eurer-verantwortung-drueckt/ https://stadtkontext.de/mit-welchen-meinungen-ihr-es-euch-bequem-macht-und-euch-vor-eurer-verantwortung-drueckt/#comments Mon, 18 Feb 2019 09:00:38 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2587 Vor einiger Zeit war ich auf einer Veranstaltung der taz zum Thema rechte Netzwerke, von der ich sehr bedrückt nach Hause ging. Die Journalist’innen Andrea Röpke und Andreas Speit haben dort von ihren jahrelangen Recherchen berichtet, deren Ergebnisse leider noch viel erschreckender waren, als ich erwartet hatte. Sie berichten unter anderem, dass führende Figuren der…

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Vor einiger Zeit war ich auf einer Veranstaltung der taz zum Thema rechte Netzwerke, von der ich sehr bedrückt nach Hause ging. Die Journalist’innen Andrea Röpke und Andreas Speit haben dort von ihren jahrelangen Recherchen berichtet, deren Ergebnisse leider noch viel erschreckender waren, als ich erwartet hatte.

Sie berichten unter anderem, dass führende Figuren der rechtsextremen Szene mittlerweile als Mitarbeiter im Bundestag angekommen sind. Die Netzwerke konnten über viele Jahre ungehindert und unbemerkt wachsen, die verschiedenen Ableger unterstützen sich gegenseitig und sind bestens vernetzt. Was mich besonders trifft, ist diese Aussage von Speit: “Die Massivität des Kulturkampfes von rechts wird unglaublich unterschätzt. Die Tragweite mit der wir es hier zu tun haben, ist der breiten Öffentlichkeit überhaupt nicht klar. Mit 1-3% der Bevölkerung als Akteur’innen kann man gesamtgesellschaftliche Veränderungen bewirken, und das wissen die. Und dass das funktioniert sehen wir an den öffentlichen Themen.” Weiter sagt er: “Die Erfahrung aus unseren Recherchen hat auch für uns ganz klar gezeigt: Mit diesen Ideologieproduzenten ist ein Dialog auf Augenhöhe NICHT möglich! Es hat diverse Versuche gegeben, aber die wollen Recht haben! Sonst nichts!” Darauf komme ich später nochmal zurück. Am Ende des Abends sagt er noch: “Die Zeit, dass das alles egal ist, ist vorbei! Die führen einen Kampf, und das muss endlich ankommen!”

“Die Tragweite mit der wir es hier zu tun haben, ist der breiten Öffentlichkeit überhaupt nicht klar”

Eine Meinung zu allem möglichen hat ja heute praktisch jede’r. Aber wie diese Meinungen zustande kommen, unterscheidet sich doch sehr, denn die meisten hierzulande sehen die Lage weit weniger ernst, als Röpke und Speit berichten. Erst kürzlich entgegnete mir jemand in einer Diskussion über die AfD, dass die AfD in seinen Augen kein Grund zur Sorge wäre, weil die ja “nichts zu melden hat”. Meine Augen blicken derweil nach Sachsen, wo die AfD bei den Wahlen im September anstrebt, stärkste Kraft zu werden. Wie ignorant kann ein Mensch sein? Er ist weiß und cis-hetero, er gehört keiner der Gruppen an, die sich bedroht fühlen müssen. Da kann man das schonmal easy raushauen, dass die AfD kein Grund zur Sorge ist, und deren Erfolge einfach wegschmunzeln, und sich so eine Meinung, die den Fakten widerspricht, locker leisten. Solidarität mit Schwächeren ist das definitiv nicht, und Verantwortung übernehmen ebenso wenig. Das ist eine Meinung, um sich das Leben leicht zu machen. Auf Kosten der Schwächeren.

Eine Meinung ist dann eine “gute” Meinung, wenn sie fundiert ist, wenn sie auf der Grundlage von faktischem Wissen und Information gebildet wurde. Eine Meinung, die ausschließlich auf Empfindungen, Eindrücken und gefühlten Wahrheiten oder gar Fake News beruht, ist auch eine Meinung, aber sicherlich keine, die über alle anderen erhaben ist, und die einen Anspruch auf Vollständigkeit und absolute Wahrheit erheben kann.

Eine gute Meinung bzw. Meinungsbildung zeichnet sich, unabhängig von ihrem inhaltlichen Gegenstand, vor allem dadurch aus, dass sie sich durch einen Prozess über einen gewissen Zeitraum entwickelt, und auch danach immer offen bleibt für neue Informationen, und ggf. eine notwendige Anpassung. Lebenslanges Lernen und so.

Expertisen anderer ernst nehmen und lebenslanges Lernen als Basis für die eigene Meinung

Es gibt IMMER Leute, die sich mit etwas besser auskennen als ihr, und es lohnt sich, ihnen zuzuhören. Da können wir nämlich höchstwahrscheinlich was lernen! Sprecht niemandem seine’ihre Expertise ab, wenn ihr sie nicht selbst habt, oder ihr die der Person nicht mal richtig kennt! Das ist ein erster wichtiger Schritt. Protipp: Zuhören heißt nicht, sich zurückzulehnen und einzufordern. Betroffene sind oft gezwungen, sich permanent erklären zu müssen, und haben viele Diskussionen schon hunderte Male geführt. Es ist ermüdend und zermürbend, immer wieder in Frage gestellt zu werden. Wenn eine Person keine Kraft hat, etwas was du nicht verstehst, weiter auszuführen, dann recherchier auch mal etwas selbst. Das Internet bietet diverse großartige Quellen, wo Betroffene vieles bereits gut erklärt haben. Und du brauchst auch nicht so zu tun als wäre das eine unüberwindbare Herausforderung, die Pornos die du willst, findest du ja schließlich auch.

Eine Expertise kann viele Formen haben. Das kann eine berufliche Qualifikation sein, oder ein Abschluss in einem Fachgebiet, aber ebenso Fachwissen aufgrund langjähriger ehrenamtlicher Tätigkeit, wie politischem Aktivismus, und last but not least: Die Erfahrungen am eigenen Leib aufgrund von persönlicher Betroffenheit, durch Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gruppe, bezüglich des jeweiligen Themas. Ihnen ihre Expertise absprechen, sieht im Alltag häufig so aus: Eine marginalisierte Person erzählt von etwas, was ihr passiert ist, z.B. von einer diskriminierenden Situation. Die privilegierte (nicht-marginalisierte) Person zweifelt an der Glaubwürdigkeit der Erzählung, weil sie sich “das überhaupt nicht vorstellen kann”, weil sie sowas selbst schließlich noch nie erlebt hat. Und GENAU DAS ist der Punkt: Nur weil etwas in eurer Lebensrealität nicht vorkommt, heißt es NICHT, dass es nicht existiert! Im Gegenteil: Wenn etwas für euch nicht vorkommt, zeigt das umso deutlicher, wie gut es euch geht, und dass ihr über die Privilegien verfügt, dass ihr sowas nicht erleben MÜSST. Das sollte euch folglich erst recht stutzig und aufmerksam für die Lebensrealität anderer machen, die diese Privilegien nicht haben. Genau diese Tatsache, genau dieser Unterschied. Deshalb: Hört den Betroffenen zu, bevor ihr sie mit eurer Meinung beglückt.

“Aber wir haben ja Meinungsfreiheit!” hör ich jetzt schon wieder einige blöken. Die viel bemühte Meinungsfreiheit, in deren Glanz wir uns hierzulande sonnen können, bedeutet, dass jede’r seine’ihre Meinung sagen darf ohne direkt in den Knast zu wandern, aber NICHT, dass jede’r zuhören muss – um ein Missverständnis auszuräumen. Die Meinungsfreiheit endet allerdings dort, wo du mit deiner “Meinung” die Freiheit anderer Menschen einschränkst, indem du sie abwertest, ihre Existenz in Frage stellst, oder sie gar bedrohst. Rassismus ist keine Meinung, sondern Abwertung und Menschenhass, und ggf. ein Straftatbestand nach §130 StGB. Deshalb muss niemand das tolerieren, nirgendwo, nie! Und mit Meinungsfreiheit hat das wie gesagt überhaupt gar nichts mehr zu tun. Und wenn du meinst, mit Rassismus und Gewaltverherrlichung nach unten zu treten, wäre “Humor”, weil es lustig ist über Betroffene zu lachen, dann ist das auch das Ende jeder Diskussion.

Diskutieren heißt, Interesse am Gegenüber zu haben und voneinander lernen zu wollen

Überhaupt: Diskussionen. Diskutieren heißt nicht, dein Gegenüber zum Schweigen bringen zu wollen. Diskutieren bedeutet, voneinander lernen zu wollen, zuzuhören, über das Gesagte nachzudenken, darauf einzugehen, und hinterher gemeinsam zu neuen Erkenntnissen oder Einsichten gekommen zu sein, wenn auch nicht immer der gleichen Meinung zu sein. Agree to disagree, aber zumindest die andere Seite nachvollziehen können. Wer in eine Diskussion mit “Das ist meine Meinung, und die steht fest!” einsteigt, hat kein Interesse an einem Austausch, und muss sich folglich nicht wundern, wenn die Diskussion mit ihm*ihr dann konsequenterweise abgelehnt wird. Dasselbe gilt für Menschen, die in einer Diskussion in keiner Weise auf die Argumente der anderen Seite eingehen, sondern ihren Standpunkt einfach ständig wiederholen und betonen. Auch das ist keine Diskussion, weshalb dieses Gespräch dann auch direkt beendet werden kann. Ganz lustig wird es dann, wenn die abgewiesene Seite der anderen dann vorwirft, die “Diskussion” abzubrechen, weil ihr angeblich die Argumente fehlen. Aber weil diese abgewiesene Seite ja offenkundig überhaupt kein Interesse an den Argumenten der anderen hat, hat es demzufolge auch nie eine Diskussion gegeben. Aber naja, Recht haben wollen, positives Selbstbild erzeugen und so…

Und jetzt kommen wir mal direkt als erstes konkretes Beispiel zum absoluten Hottake in Sachen Meinung und Diskussionskultur, dem ich hier aufgrund seiner Relevanz etwas mehr Raum gebe:

Soll man mit Rechten reden? Nein.

Warum nicht? Enno Park, Publizist und Speaker, hat das auf Twitter kürzlich so erläutert: “Nazis grenzen aus und wenden Gewalt an. Deshalb haben Leute offenbar eine Hemmung, ihrerseits Nazis auszugrenzen oder Gewalt gegen sie anzuwenden, weil sie Angst haben, dann “Nazimethoden anzuwenden”, “selber Nazi” zu sein. Logisch ist das nicht – siehe poppersches Toleranzparadox (siehe Abbildung). Es ist ungefähr so, als habe man Angst, eine Polizei einzurichten, weil diese ja selbst “verbrecherische Methoden” verwende, wenn sie ihrerseits gegen Verbrecher vorgeht. Mit dem Gedanken “ich bin so tolerant, dass ich sogar Nazis toleriere” darf man sich “besser” fühlen. Man begibt sich in eine vermeintlich unangreifbare Superposition. Das ist sehr bequem, weil man nichts mehr gegen Nazis tun muss, weil die eigene Toleranz es verbietet.

Soviel zum Aspekt der Bequemlichkeit. Es gibt aber auch eine psychologische Erklärung, warum der Versuch keinen Sinn macht: Eine gefestigte Ideologie, die starken Identifikationscharakter hat, lässt sich NICHT durch Argumente von außen verändern. Dadurch erreicht ihr sogar das Gegenteil, weil es als Angriff auf das Selbstbild verstanden, also persönlich genommen wird.

Die einzigen, die Menschen mit gefestigter menschenfeindlicher Ideologie umstimmen können, sind sie selbst. Dazu müssen sie allerdings ihr komplettes Selbst- und Weltbild überdenken, was man nicht einfach so mal eben macht. Damit das (wenn überhaupt) in ihnen angestoßen wird, sind unmissverständlich klare Signale aus der Umwelt unbedingt erforderlich. Deswegen ist es absolut notwendig, immer und überall klare Ansagen zu machen; zu zeigen: Deine Weltsicht tolerieren wir nicht. Sie unkommentiert gewähren zu lassen führt zu Normalisierung und Akzeptanz, zu nichts anderem.

Mit Rechten reden führt zu Normalisierung und Akzeptanz – und das schon sehr erfolgreich wie wir sehen

Aber viele halten sich einfach gerne an der hippieesken Vorstellung fest, dass man nur mal mit den Rechten reden müsse, und man sich danach fröhlich und erleichtert in die Arme fällt. Weil das so schön, simpel und logisch klingt, dass man jemandem Dinge einfach nur mal erklären müsse, der’diejenige das dann versteht, und alles ist wieder gut. Man sollte auch mit Menschen reden, die sozusagen noch “unentschlossen” sind, und sich der menschenfeindlichen Ideologie noch nicht angeschlossen haben. Aber wer in Thor Steinar Klamotten rumläuft, und Kategorie C hört, der macht das nicht aus Versehen, oder zufällig. Der hat sich entschieden, der weiß ganz genau was er da tut, und vor allem warum er das gut findet. Und wenn ich mit ihm rede, als ob nichts wäre, signalisiere ich: Du bist okay, ich akzeptiere dich in meiner Gesellschaft. Eine Trennung zwischen Mensch und der Ideologie, die er vertritt, findet in unserer sozialen Informationsverarbeitung nicht statt. That’s NOT how human brains work! Auch wenn ihr das gerne hättet. Und bei einer dermaßen identitätsstiftenden Ideologie wie der von Rechten ist der Versuch einer Trennung von Gedankengut und Person absolut sinnfrei.

Und wenn ihr jetzt sagt “Aber dann werden die ja noch wütender!”: Gesteigerte Wut wegen Ausschlusses ist wenn überhaupt eine kurzfristige Folge, birgt aber für jede’n einzelne’n die Chance, diese geschlossene Reaktion der Umwelt als Signal wahrzunehmen und nachzudenken. Wenn mich von 20 Leuten in meinem Umfeld 10 ablehnen, die anderen 10 aber nicht, hab ich erstmal noch keinen Anlass die Ablehnung ernst zu nehmen, sondern fühle mich von den anderen 10 akzeptiert und bestätigt. Lehnen mich aber alle 20 meiner guten Freund*innen plötzlich ab, wird die Luft dünn, und ich bin je nach Charakterstärke irgendwann gezwungen, mal über mich und mein Auftreten nachzudenken, wenn mir diese Freund’innen am Herzen liegen. Und wenn nicht, ist die Ideologie so tief verwurzelt, dass dieser Mensch nicht mehr zu retten ist, schon gar nicht durch reden.

Rechte in Schutz nehmen als Akt der Selbstberuhigung und Schutz der eigenen rassistischen Projektionen

Enno Park findet hier noch die Ergänzung, dass sich “Bruchstücke und Einzelmotive nazistischer Ideologie bis weit in die Mitte der Gesellschaft [finden]. Fast alle hatten zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens und Persönlichkeitsentwicklung wohl schon mal irgendeinen “Nazi-Gedanken”. Hier findet eine Form der Verdrängung statt. Stur darauf zu beharren, dass Nazi nur sein kann, wer 1920-1945 ein Parteiabzeichen trug oder heute Hitler geil findet, enthebt von Selbstreflexion: Wieviel diskriminierendes, völkisches, rassistisches usw. Denken steckt in mir? Stattdessen werden Definitionskämpfe ausgefochten, was genau denn ein Nazi sei oder wohin die denn bei “Nazis raus” geschickt werden sollen. Das sind Scheinargumente, die helfen, den kleinen Nazi in einem selbst verdrängen zu können.”

An dieser Stelle möchte ich mal darauf hinweisen, dass diejenigen, die ganz eifrig nach Differenzierung rufen, weil ja nicht alle gleich Nazis seien, offenbar überhaupt kein Problem damit haben, Begriffe in ihrer alltäglichen Sprache zu verwenden, die sehr klar und eindeutig der rechten Szene zugeordnet werden können. Ihr wisst nicht, welche Begriffe das sein könnten? Abgrenzung also auch mal wieder nur dann, wenns in den Kram passt und keine Mühe macht, weil man vor der eigenen Tür kehren müsste. Und noch ein Hint: Differenzierung dient nicht der Relativierung, auch wenn ihr das gerne hättet.

Wer Differenzierung will, muss bei sich selbst anfangen!

Park weiter: “Wenn Leute emotional wesentlich mehr Anteil an Gewalt gegen AfD-Politiker nehmen als an Gewalt gegen Flüchtlinge, dann weil es sie stärker betrifft. Der AfD-Politiker ist einer von ihnen, einer von uns. Die Mitte hat Angst, mit ihm verwechselt zu werden. […] Der Faschist glaubt an das Recht des Stärkeren und verachtet und bekämpft die “Schwachen” offensiv.”

Diese ganze Anteilnahme, die Rechten nicht ausgrenzen zu wollen, hat also auch viel mit der Identifikation mit ihnen zu tun (das habe ich in diesem Artikel ausgeführt). Das kann ja mal jede’r von euch so auf sich wirken lassen, der’die sich von der Aussage, mit Rechten reden ist falsch, getriggert fühlt.

Identifikation hat auch immer was mit Abgrenzung zu tun. In Zeiten wachsender Unsicherheit ist das Bedürfnis sich nach unten abzugrenzen besonders groß. Bloß nicht zu den Schwachen gehören, nicht ins Fadenkreuz geraten! Die Schwachen im Sinne des florierenden, rechten Gedankenguts sind z.B. Linke, Frauen, People of Colour, die LGBTQIA-Community, Menschen mit Behinderung, und Obdachlose. Faschismus ist nicht nur eine Staatsform, sondern vielmehr eine Weltanschauung, die nach Kontrolle und Herrschaft über alles strebt, was lebt, wie Klaus Theweleit schreibt, und Margarete Stokowski aktuell in ihrer Kolumne aufgreift.

Abgrenzung als Selbstschutz – bloß nicht zu den Schwachen gehören

Und schließlich der wichtigste Punkt zu diesem Thema: Es geht in erster Linie um den Schutz derjenigen, die durch Nazis ganz direkt und unmittelbar realer Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt sind!! Verdammt noch mal. Wenn du Rechte verteidigst, und nicht ausgrenzen willst, sorgst du dich offenbar mehr um ihr Wohlergehen, als um das ihrer Opfer. Auch das können wir an dieser Stelle so stehen lassen.

Kommen wir zur nächsten faulen Ausrede: “Für mich sind alle Menschen gleich!” oder “Ich sehe keine Hautfarben!”

So kann nur jemand reden, der’die noch nie selbst erlebt hat, wie es ist, wenn unsere Gesellschaft dich 24/7 spüren lässt, dass du eben NICHT gleich bist, sondern dich strukturell benachteiligt und diskriminiert, du Gewalt erfährst, und du keine Privilegien genießt. Wenn die Polizei dich anlasslos wegen deiner Hautfarbe kontrolliert, wenn du in Geschäften unfreundlich behandelt wirst, weil das Personal wegen deiner Hautfarbe denkt, dass du klaust. Wenn du in einer Behörde gegängelt wirst, wenn du in der Schule von den Lehrer’innen (auch unbewusst) schlechter bewertet wirst, weil du Migrant’in bist. Und wenn du auf der Straße und im öffentlichen Raum allgemein Angst haben musst, Opfer von körperlicher Gewalt zu werden. Übrigens hat Gewalt viele Gesichter, körperliche Gewalt ist nur eins davon. Alles, wodurch auf einen Menschen Zwang ausgeübt wird, ist per Definition Gewalt. Behördliche Sanktionen und anderer psychischer Druck durch Abwertung sind ebenfalls Gewalt, die viele Menschen jeden Tag erfahren, und die in der Öffentlichkeit unsichtbar gemacht wird.

Und: Die Menschen, die davon betroffen sind, können aus dieser Rolle, aus ihrer Haut nicht einfach aussteigen. Sie erleben verschiedene Formen der Gewalt, jeden Tag. Das macht etwas mit einem Menschen, es verändert ihn, sein Verhalten, und sein Selbstbild. Es macht den Menschen kaputt.

Die Autorin Imoan Kinshasa schreibt zur Wahrnehmung und zum Umgang mit Rassismus:

“Wir lernen früh, dass Rassismus eine Tat ist, die von einem Individuum mit böser Absicht ausgeführt wird. Rassismus ist aber nicht nur, dass Nazis einen Ausländer verdreschen oder Asylunterkünfte anzünden. Rassismus beschränkt sich nicht auf eine einzige bösartige Handlung einer Person, es ist ein System, in dem wir leben und sozialisiert werden. Rassismus sind Reaktionen und Denkweisen, die wir erlernen und nicht hinterfragen.” Hier der ganze Text, den ihr wirklich lesen solltet. Das erklärt nebenbei auch, wieso es keinen Rassismus gegen Weiße gibt: Weil es kein jahrhunderte altes, kollektives System gibt, das ihn trägt, mit all seinen Auswirkungen, wie dem Verlust bzw. Vorenthalten von Privilegien. Wenn dich jemand Alman oder Kartoffel nennt, und du dich davon beleidigt fühlst, ist das trotzdem kein Rassismus. Get over it.

Rassismus ist ein System, aus dem die Betroffenen nicht enkommen können – realisiert das!

Jetzt denk nochmal nach, was es bedeutet, wenn du so ganz easy sagst, für dich wären alle Menschen gleich. Ich weiß, klingt halt so schön gönnerhaft und geht gut über die Lippen, schafft moralische Wohlfühlatmosphäre. Aber du negierst all diese Erfahrungen und Leidensgeschichten, die Gewalt und den realen Alltag all dieser Menschen. Und du leugnest damit, Teil dieser Gesellschaft zu sein, die diese Gewalt ausübt, und durch die du überhaupt nur zu deinen Privilegien gekommen bist. Du drückst dich vor deiner Verantwortung. Sonst nichts.

Davon abgesehen ist das ohnehin Bullshit, weil WIR ALLE rassistische und sexistische Verhaltensmuster sehr tief internalisiert haben. Weil wir nämlich alle in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind, die auf diese Muster aufgebaut ist. Das trifft sogar auf Betroffene zu, die darum manchmal glauben, sie hätten es nicht anders verdient, und aus Gewohnheit und der Hoffnung auf Akzeptanz selbst über diskriminierende Witze lachen. Kommt mir also nicht mit “Ich hab nen Schwarzen Freund, der findet das N-Wort überhaupt nicht schlimm!”. Abwertende Sprache ist schlimm und verachtenswert, du verletzt damit Menschen und trägst zum Erhalt der herrschenden Strukturen bei. Vollkommen wurscht, ob du jemanden kennst, der aus internalisierter Gewohnheit gelernt hat, sich dem Ton anzupassen.

Die Gesellschaft prägt uns, davon bist du nicht ausgenommen!

Ein gutes Beispiel für internalisiertes Verhalten finden wir bei solchen Argumenten gegen Feminismus: “Aber es gibt auch Frauen, die Feminismus scheiße finden, und auch bei den Rechten gibt es Frauen! Wie passt das denn zusammen, wenn Rechte doch Frauen angeblich bekämpfen?”

Die Kontrolle, also Macht, zu haben, heißt Sicherheit zu haben, weil man selbst bestimmen kann, was geschehen soll. Wie ausgeprägt das Sicherheitsbedürfnis ist, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Eine neue Freiheit an Möglichkeiten der Lebensgestaltung kann auch verunsichern und Angst machen. Deshalb bleiben manche Frauen lieber in ihrer vorbestimmten Rolle, das gibt ihnen Orientierung und Sicherheit. Was viele Männer selbstverständlich begrüßen, weil ihre Vormachtstellung damit unangetastet bleibt, und nicht durch eine Frau die plötzlich eigene Wünsche und Bedürfnisse hat, in Frage gestellt wird. Deswegen passt das an der Stelle so gut mit rechtem Gedankengut zusammen. Der kardinale Denkfehler ist, dass “der” Feminismus diese traditionelle Rolle abschaffen will. Das ist totaler Blödsinn. Intersektionale Feminist’innen wollen erreichen, dass jeder Mensch (nicht nur Frauen) sich vollkommen frei entscheiden kann, wie er’sie leben möchte, indem alte Muster, die auf Machtgefälle, Abhängigkeiten und aggressivem Konkurrenzverhalten aufgebaut sind, aufgebrochen und überwunden werden. Bell Hooks hat das in ihrem Buch “Feminism is for Everybody” ausgeführt. Darüber hinaus spielt hier das Thema Anbiederung bei der herrschenden Klasse eine wichtige Rolle. Mit den Wölfen zu heulen, um ein kleines bisschen an der Macht teilzuhaben, und den Kopf getätschelt zu bekommen. Bloß: Ein Wolf wirst du deswegen trotzdem nie. Aber manchen reicht die Position der ewigen Steigbügelhalterin, statt mit den anderen dafür zu kämpfen, selbst aufs Pferd zu kommen. Ist halt einfacher so.

Wenn du behauptest, DU siehst die Welt aber anders, und DU hättest keine rassistischen, sexistischen oder anderen diskriminierenden Verhaltensweisen, dann nehm ich dir das allerhöchstens dann ab, wenn du allein auf dem Mond aufgewachsen bist. Du bist hier sozialisiert worden, also übernimm auch Verantwortung für dein Verhalten.

Auch gerne genommen ist sowas: “Ich bin bereit die Schwächeren zu unterstützen, aber die Person muss mich erstmal überzeugen, dass sie meine Unterstützung verdient hat, und kein trittbrettfahrender Jammerlappen ist.”

Sprich der betroffenen Person NIEMALS ihre Gefühle ab! Auch wenn du etwas, was du gesagt hast, “nicht so gemeint” hast. Dann entschuldige dich, und mach es nächstes Mal besser. Die Deutungshoheit was rassistisch, sexistisch oder sonstwie diskriminierend ist, liegt NICHT bei dir, wenn du nicht betroffen bist!

Wenn es dir wichtiger ist, zu selektieren (weil du tatsächlich meinst, das wäre notwendig, weil du der Person nicht glaubst), und deine Solidarität damit an Bedingungen (und zwar DEINE Bedingungen) zu knüpfen, bist du Teil des Problems. Dann erkennst du das Leid von Marginalisierten nur an, wenn sie in deinen Augen (und nicht in ihrem Erleben und Empfinden) ihr Leid bewiesen haben. Mehr privilegiertes Denken geht kaum noch. Kommt alle mal von eurem hohen Ross runter, ihr Arschgeigen. Wie wäre es mal mit Demut gegenüber den Betroffenen? Weil die jeden Tag Dinge ertragen, die euch ein Leben lang erspart bleiben! Und das zusätzlich zu dem individuellen, persönlichen struggle, den wir alle haben. Rassismus und Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit, Antisemitismus und Ableismus sind jeden Tag real.

Ganz weit oben mit dabei ist dann auch: “Oh Mann, heutzutage ist ja wohl ALLES rassistisch, sexistisch, oder irgendwie diskriminierend! NICHTS darf man mehr!!”

Aufgepasst: Ja, SEHR vieles, was wir sehr lange als normal und okay kennen gelernt haben, ist wirklich diskriminierende Kackscheiße. Weil, wie ja bereits erwähnt, diese Mechanismen einen unmittelbaren Zusammenhang mit den herrschenden Machtverhältnissen haben, in denen wir leben. Sie tragen maßgeblich dazu bei, diese Machtverhältnisse zu erhalten. Also ja, krass wie weit diese Dinge in unser Leben verflochten sind, oder? Und noch krasser, sich jetzt vorzustellen, wie die Betroffenen sich dabei fühlen müssen. Und so richtig krass wäre es, aufzuhören rumzuheulen, wie anstrengend es ist, dass du jetzt mal anfangen musst auf andere Rücksicht zu nehmen und über das nachzudenken, was du machst.

Fühlst du dich jetzt angegriffen? Gut, dann bist du nämlich gemeint!

Und wenn du jetzt kommst mit: “Das ist mir alles zu radikal! So können Veränderungen nicht gelingen!”

Veränderungen werden NIE von den Machthabenden angestoßen, oder von denen, die zufrieden sind, weil sie von den bestehenden Verhältnissen profitieren. Logisch, oder? Veränderungen werden von denen erkämpft, die unzufrieden, benachteiligt, oder unterdrückt sind. Mit freundlich Nachfragen wurde noch keine Sache von Machthabenden für Minderheiten erkämpft.

So, jetzt hab ich euch einen Spiegel vorgehalten, und der Blick da rein ist bisweilen ziemlich unangenehm. Aber auch wenn sich heute alle gerne mit dem Label schmücken, weils gerade total angesagt ist: Selbstreflexion bedeutet nicht, sich vor den Spiegel zu stellen und sich zu beweihräuchern, was für ein geiler Typ du bist! Selbstreflexion ist es dann, wenn es dahin geht, wo es weh tut. Hinterfrag deine Verhaltensweisen gegenüber anderen Menschen. Untersuch deine Trigger: Warum werd ich bei diesem einen Gedanken aggressiv? Hast du vielleicht das Gefühl, dir wird etwas weggenommen, weil du anderen etwas zugestehst? Warum? Was genau stört dich an bestimmten Vorstellungen, und warum? Welche Vorurteile und abwertendes Denken stecken dahinter? Geh an deine gedanklichen Grenzen, und überwinde sie. Ihr könnt an euch arbeiten und es jeden Tag ein bisschen besser machen. Das ist die Chance, euch reell weiterzuentwickeln und Gesellschaft neu zu gestalten. Es ist sehr befreiend, die Widersprüche abzulegen und sich einzugestehen, dass man sich scheiße verhalten hat, aber ab sofort einen anderen Weg geht.

Abschließend habe ich hier einen Auszug aus einem Interview mit dem Soziologen und Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer für euch, als Inspiration, wie und wo ihr in eurem Alltag anfangen könnt:

W.H.: Der Alltag ist entscheidend. Dort müssen die Auseinandersetzungen geführt werden.

Es muss gestritten werden?

W.H.: Ja, überall, um mühsam erkämpfte liberale Normen wenigstens zu verteidigen. Auf Verwandtschaftstreffen, bei Weihnachtsfeiern, im Verein, im Betrieb. Was passiert eigentlich, wenn dort jemand rechtsextreme oder autoritäre Sprüche ablässt? Bin ich in der Lage, dort zu intervenieren? Dazu bedarf es eines ganz harten Trainings, großer Disziplin. Keiner will, dass das Klima an der Arbeitsstelle vereist. Keiner will die Verwandtschaft verlieren, die Freunde. Trotzdem: Da entscheidet sich viel. Wir müssen keine Helden sein, aber im Alltag muss man schon mutig werden.

Übernehmt endlich Verantwortung. Die Zeit, in der das alles egal ist, ist vorbei.

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Nautikparty 2018: Sexismus statt MINT-Förderung für Frauen* (Update) https://stadtkontext.de/nautikparty-sexismus/ Tue, 04 Dec 2018 17:00:12 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2490 Am vergangenen Samstag fand in der Mensa der Hochschule an der Werderstraße die Nautikparty 2018 statt. Das Poster warb für Bier und Shots “ab 1€”, und mit einer Piratin mit wehenden Haaren. So weit, so nautisch, aber außer einem BH und Bändern, die ihre Brüste einschnüren, hat die Frau nicht viel an. An der Hochschule…

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Foto des Posters für die Nautikparty 2018 (Quelle: Facebook event)

Am vergangenen Samstag fand in der Mensa der Hochschule an der Werderstraße die Nautikparty 2018 statt. Das Poster warb für Bier und Shots “ab 1€”, und mit einer Piratin mit wehenden Haaren. So weit, so nautisch, aber außer einem BH und Bändern, die ihre Brüste einschnüren, hat die Frau nicht viel an.

An der Hochschule gibt es ein Mentoring-Programm für die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Denn in diesen Fächern ist der Anteil der nicht-männlichen Studierenden besonders niedrig.

Das liegt zum Teil daran, dass in den “männlich konnotierten Fächern” (aus den Erläuterungen zu “makeMINT”) die weiblichen* Identifikationsfiguren fehlen. Deswegen hat die Hochschule ein Programm, das speziell MINT-Studentinnen im ersten und zweiten Semester zur Zielgruppe hat.

Denn wo unter den Erstsemestern im Studiengang Ship Management (Nautik) noch 3 von 25 neuen Studierenden Frauen sind, sind es auf den gesamten Studiengang verteilt nur noch 10 unter 140. Das teilte uns die Pressestelle der Hochschule auf Anfrage mit.

Es fangen also 12 Prozent Frauen an, den Studiengang zu studieren. Der Gesamtanteil im Studiengang liegt dann aber nur noch bei 7 Prozent (und sogar nur 4,5 Prozent im verwandten Studiengang Shipping and Chartering).

An beiden Händen abgezählt entspräche das etwas mehr als einem halben Daumen 👎. Unter den Erstsemestern also dem Mittelfinger. (Also ich meine jetzt nur, weil der länger ist. Ich benutze auch nicht das Emoji.)

Die Fachschaft Natur und Technik konnten wir leider bis zur Veröffentlichung des Artikels noch nicht für einen Kommentar erreichen. Die Frauenbeauftragte Barbara Rinken hat unsere Anfrage an den Konrektor für Lehre weitergeleitet, weiß aber zumindest nichts von Beschwerden über die Party oder das Poster.

Allerdings sind auch das Poster des vergangenen Jahres und das Design der Facebook-Persona “Max Nautik (Nautikparty)” einschlägig.
Schade, denn dabei ging es 2016 auch noch mit einem schicken (aber vollständig bekleideten) Matrosen.

Update: am Tag nach der Veröffentlichung, Mittwoch 05. Dezember 2018, schrieb uns die Fachschaft des Bereichs 5, in dem auch der Studiengang Nautik liegt. Demzufolge hat sie die Party nicht veranstaltet und findet das Plakat „zu sexistisch … und [es] sollte nicht auf öffentlichen Flächen hängen“.

[Beitragsbild: Martijn van Exel, Sexistische Kackscheisse, Rigaer Straße, 22. Oktober 2006, CC BY-SA/2.0]


05.

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Rote Hilfe soll Verboten werden, ein weiterer Angriff auf linke Strukturen https://stadtkontext.de/rote-hilfe-soll-verboten-werden-ein-weiterer-angriff-auf-linke-strukturen/ Tue, 04 Dec 2018 13:28:58 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2479 Der Focus berichtet laut Informationen aus dem Innenministerium, dass Horst Seehofer die Rote Hilfe e.V. verbieten will. Sollte dies wirklich so eintreten, wäre es ein erneuter Angriff auf bundesweite linke antifaschistische Strukturen, nach dem Verbot der Informationsseite linksunten.indymedia.org. Diese Entwicklung, in Zeiten des erneuten Aufstiegs rechtsradikaler Organisationen innerhalb und außerhalb der Parlamente in Deutschland, ist…

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Der Focus berichtet laut Informationen aus dem Innenministerium, dass Horst Seehofer die Rote Hilfe e.V. verbieten will. Sollte dies wirklich so eintreten, wäre es ein erneuter Angriff auf bundesweite linke antifaschistische Strukturen, nach dem Verbot der Informationsseite linksunten.indymedia.org.
Diese Entwicklung, in Zeiten des erneuten Aufstiegs rechtsradikaler Organisationen innerhalb und außerhalb der Parlamente in Deutschland, ist erschreckend. Sie ist aber ebenso verfassungsrechtlich bedenklich; bei dem Indymedia-Verbot wurde unserer Meinung nach Artikel 5 Grundgesetz (Pressefreiheit) eingeschränkt, beim Versuch des Verbots der Rote Hilfe e.V. wird Artikel 9 Grundgesetz (Vereinsfreiheit) angegriffen.

Wer ist die Rote Hilfe?

Die Rote Hilfe ist ein Verein mit etwa 9000 Mitgliedern. Er wurde 1975 gegründet und setzt sich aus rund 50 Ortsgruppen zusammen. Der Verein, ist eine parteiunabhängige, strömungsübergreifende linke Schutz- und Solidaritätsorganisation, und ist ausschließlich im Bereich der Antirepressionsarbeit tätig.

Konkret heißt das, der Verein unterstützt linke Menschen, die aufgrund von politischem Aktivismus in Konflikt mit den Justizbehörden gekommen sind, mit Geld und juristischer Beratung. Ebenso unterstützen sie die Ermittlungsausschüsse (EA), die sich mit juristischer Hilfe um Menschen kümmern, die während Demonstrationen in Gewahrsam genommen worden sind. Ebenso unterstützt die Rote Hilfe in Vorbereitung von Demonstrationen mit Workshops zum Umgang mit Repression und Staatsschutz. Sehr zu empfehlen ist dabei die Broschüre “Was tun wenn es brennt?”

Vom “Verfassungsschutz” wird dieser Verein seit langem fast vollumfänglich beobachtet, außer im Saarland und in Rheinland-Pfalz. Schon damit wird der Solidaritätsverein bisher unnötig kriminalisiert. Sollte dies jetzt noch in ein Verbot münden, ist es ein unsäglicher Angriff der staatlichen Repressionsbehörden auf solidarische linke Strukturen.

Was würde ein Verbot für uns bedeuten?

Ein Verbot der Roten Hilfe würde wie schon erwähnt, einen schweren Schlag für die linken außenparteilichen Strukturen bedeuteten. Menschen die sich aktiv gegen rechte Gruppen und Demonstrationen stellen, zum Beispiel in Sitzblockaden befunden haben und danach kriminalisiert wurden, würden ihre finanzielle Unterstützung verlieren. Wichtige Informationen im Umgang mit Repression für Menschen, die neu im antifaschistischen Umfeld sind würden eine Anlaufstelle verlieren.
Das Verbot würde eine der wenigen linken Strukturen treffen, auf die sich eigentlich alle linken Gruppen bis hin zu den JuSos einigen konnten.

Es bleibt also festzuhalten, dass die Rote Hilfe fehlen würde, und wir als Antifaschist*innen darum dieses drohende Verbot anprangern, bekämpfen und die Rote Hilfe unterstützen.

Darum möchten wir euch auch hier auffordern, falls ihr die Möglichkeit habt, werdet Mitglied bei der Roten Hilfe oder spendet an sie.

Den Mitgliedsantrag findet ihr hier: Link zur Roten Hilfe

Quellen:

erwähnter Focusbeitrag zum Thema

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Hallo Berlin, wir haben ein Problem! https://stadtkontext.de/hallo-berlin-wir-haben-ein-problem/ https://stadtkontext.de/hallo-berlin-wir-haben-ein-problem/#comments Wed, 03 Oct 2018 20:02:41 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2411 Schaffen wir es nicht mehr, unsere Kieze zu verteidigen? Naziaufmärsche gehen mitten durch sie durch und es gibt nicht einmal mehr ernstzunehmende Blockaden, das kann doch nicht unser Berlin sein, oder? Am 03. Oktober ist es nach dem Hess-Marsch das zweite Mal, dass im Jahr 2018 eine Nazidemo mit mehreren hundert Teilnehmenden durch ein (ehemaliges)…

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Schaffen wir es nicht mehr, unsere Kieze zu verteidigen? Naziaufmärsche gehen mitten durch sie durch und es gibt nicht einmal mehr ernstzunehmende Blockaden, das kann doch nicht unser Berlin sein, oder?

Am 03. Oktober ist es nach dem Hess-Marsch das zweite Mal, dass im Jahr 2018 eine Nazidemo mit mehreren hundert Teilnehmenden durch ein (ehemaliges) linkes Viertel gezogen ist. Auch dieses Mal war der Widerstand erschreckend gering. Anders als beim Hess-Marsch gab es jedoch keine großen Verlegespiele unter Mithilfe der Polizei. Die Ausrede, dass wir tausend Nazis durch Friedrichshain haben laufen lassen, war damals meiner Meinung nach schon eher vorgeschoben.

Dass die »Wir für Deutschland«(WfD) Demo am 3. Oktober stattfinden würde, war ausreichend vorher bekannt, ebenso die Strecke und dass es ein lohnendes Ziel für Nazis aus ganz Deutschland sein könnte. Trotzdem hat es Berlin nicht geschafft, eine vernünftige Gegenmobilisierung auf die Beine zu stellen.
Es gab nur zwei Gruppen, die tatsächlich etwas hinbekommen haben, zum einen das bürgerliche Bündnis «Berlin gegen Nazis« (Kundgebung an der Kreuzung Ackerstr. Ecke Invalidenstr.) und die Hedonist*innen am Rosenthaler Platz. Beide Kundgebungen waren voll, laut und ein Zeichen des Widerstands gegen den rechten Dreck.

Es gab jedoch keinerlei Mobilisierung von großen radikalen linken Gruppen gegen diese Demo, weder die »Interventionistische Linke« noch »Top B3rlin« oder andere größere Antifa-Gruppen haben etwas auf die Beine gestellt. Dementsprechend gab es bis auf einen Versuch des »Roten Aufbau« einer Kundgebung in Friedrichshain am Nordbahnhof sowie einer Sitzblockade auf der Turmstraße eigentlich keinen merkbaren Widerstand gegen Rechts.
Das ist erschreckend! Während einem nationalem Rechtsruck schafft es die Berliner Linke nicht einmal mehr, sich in ihren eigenen Kiezen Nazis entgegenzustellen?

Könnte sich irgendjemand einen Naziaufmarsch vorstellen, der mit mehreren hundert bis tausend Nazis quasi widerstandslos durch die Hamburger Schanze, Leipzig Connewitz oder Münster läuft? In Hamburg waren nach den rassistischen Übergriffen 10.000 Menschen, die gegen eine »Merkel muss Weg« Demo von 150 Leuten demonstrieren. In München – nicht gerade bekannt für seine krasse linke Szene – waren am gleichen Tag zwischen 20.000 und 40.000 Menschen gegen CSU und AfD demonstrieren.
Berlin hat bisher nur andeutungsweise solche Zahlen geschafft und das ausschließlich, wenn die Clubszene probiert hat, eine Party daraus zu machen. Ist das euer Ernst?

Am 18. August war das schon eine Nummer, die ich nicht glauben konnte, die Aktion am 3. Oktober ist jetzt einfach nur noch peinlich. Hat die Berliner Linke sich aufgegeben? Größere Gruppen, die sich zu einer Kundgebung von Nazis in Buch oder auch nur Britz bewegen, gab es ja schon lange nicht mehr. Die Angriffe auf Antifaschist*innen in Neukölln zeigten auch schon, wie sicher sich Nazis in Berlin fühlen. Ich hab wirklich keine Ahnung was, aber irgendwas muss passieren. Vielleicht sollten bestimmte Kleinkriege beiseite gelegt werden und die Gruppen, die relevant sind oder waren, sich überlegen, wie es weiter gehen soll.
Das heißt nicht, dass jetzt der Jugendwiderstand irgendwo eingebunden werden soll, aber der Rest könnte sich ja mal zusammenraufen.

Die nächste Nazigroßdemo in Berlin ist bekannt: Am 9. November wird es einen »Trauermarsch« geben, der ebenfalls wieder von »Wir für Deutschland« organisiert wird. Das Datum ist dann noch etwas wichtiger und muss verteidigt werden, es wäre schön wenn »wir« das zur Abwechslung hinbekommen.Damit dieser Text aus dem Jahr 2014 wieder wahr wird und Nazis sich nicht mehr trauen, durch Berlin zu marschieren.

Bilder von der Nazidemo unter:

2018.10.03 Berlin Mitte - WfD Aufmarsch (1)

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Das Problem AirBnB in Berlin https://stadtkontext.de/das-problem-airbnb-in-berlin/ Sun, 05 Aug 2018 09:47:11 +0000 https://stadtkontext.de/?p=2368 Wie in vielen anderen Städten, gibt es in Berlin sehr viele AirBnB-Unterkünfte. Sie sind beliebt bei Tourist*innen aus der ganzen Welt. Und wer kann es ihnen verdenken? Auch ich habe während meines Urlaubs schon AirBnB benutzt. Das Gefühl sich in einer fremden Stadt wie ein*e Anwohner*in zu bewegen, kann grossartig sein. Jedoch entsteht durch dieses…

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Wie in vielen anderen Städten, gibt es in Berlin sehr viele AirBnB-Unterkünfte. Sie sind beliebt bei Tourist*innen aus der ganzen Welt. Und wer kann es ihnen verdenken? Auch ich habe während meines Urlaubs schon AirBnB benutzt. Das Gefühl sich in einer fremden Stadt wie ein*e Anwohner*in zu bewegen, kann grossartig sein.

Jedoch entsteht durch dieses Geschäftsmodell ein Problem: viele Wohnungen werden nun als AirBnBs genutzt, die dadurch auf dem hart umkämpften Wohnungsmarkt wegfallen und fehlen. Sie werfen so wesentlich mehr Profit für dir Vermietenden ab. Es wird vermutet, dass bis zu 10.000 Wohnungen in Berlin so dem Markt entzogen werden – dies trifft besonders beliebte Bezirke wie Neukölln, Kreuzberg und Mitte.
Wenn ihr mehr Informationen zur Situation in anderen Städten sucht, schaut euch diese Reportage des WDR an.

Die Rot-Rot-Grüne Regierung hat für AirBnB-Wohnungen nun eine Registrierungspflicht eingeführt. Erlaubte AirBnBs müssen eine Registrierungsnummer in ihrem Profil besitzen. Leider setzt die Stadt bislang kaum auf die Kontrolle der Pflicht.

Wenn ihr mitbekommt, dass in eurer Nachbarschaft ein AirBnb ist – Anzeichen dafür sind etwa wöchentlich wechselnde Bewohner*innen, viele Rollkoffer, etc. – meldet dies doch unter dieser Adresse.

Ihr könnt auch diese Handzettel ausdrucken und in eurem Kiez aufhängen, damit auch die Tourist*innen Bescheid wissen. Es soll nicht darum gehen sie zu verdrängen, sondern ein Berlin für alle (außer Nazis) zu schaffen.</div>

Anti-AirBnB 

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Wahlkampf mit Angst – die paradoxe Strategie der CDU fürs Viertel https://stadtkontext.de/wahlkampf-mit-angst-die-paradoxe-strategie-der-cdu-fuers-viertel/ Wed, 27 Jun 2018 17:26:20 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2334 Die Bremer CDU lud am Dienstagabend zu einer Veranstaltung namens: “Steintor und Ostertor – gefährliches Viertel?” – Das wollten wir uns mal näher ansehen… Knapp 50 Leute sind ins Lagerhaus gekommen um sich anzuhören, was die CDU und die Vertreter der Bremer Polizei zum Thema zu sagen haben. Neben Jörg Kastendiek (Wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion)…

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Die Bremer CDU lud am Dienstagabend zu einer Veranstaltung namens: “Steintor und Ostertor – gefährliches Viertel?” – Das wollten wir uns mal näher ansehen…

Knapp 50 Leute sind ins Lagerhaus gekommen um sich anzuhören, was die CDU und die Vertreter der Bremer Polizei zum Thema zu sagen haben. Neben Jörg Kastendiek (Wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion) sind auch Wilhelm Hinners (Innenpolitischer Sprecher CDU-Fraktion) und als Vertreter der Polizei Derk Dreyer (Revierleiter Mitte/Östliche Vorstadt) und ein Vertreter des Polizeireviers Steintor, sowie Norbert Caesar in seiner Rolle als 1. Vorsitzender der Interessengemeinschaft “Das Viertel e.V.” vor Ort. Es war um namentliche Anmeldung gebeten, dies wurde beim Einlass aber nicht überprüft – wir konnten also rein.

Themen sollten vor Allem Drogenkriminalität, Diebstähle und Gewalttaten sein, welche lt. Einladungstext dazu führen, dass “das Unsicherheitsgefühl der Viertelbewohner zunimmt”, und “die Sicherheitslage mit wachsener Besorgnis” beobachtet wird. Auch über die Sichtmauer an der Helenenstraße und Waffenverbotszonen soll diskutiert werden. Weiter: “Oder erfordern die Umstände andere Mittel?” Interessant.

Herr Dreyer beginnt die Veranstaltung mit der Präsentation verschiedener Statistiken, deren Beschriftungen praktisch nicht zu erkennen sind, und die er im Einzelnen nur oberflächlich erläutert. Eine ältere Dame neben mir beugt sich zu mir rüber und fragt, ob ich dem folgen könne, das ginge alles etwas schnell. Anfangs werden gesunkene Zahlen der Straftatenentwicklung präsentiert, im Viertel wären sie aber gestiegen. Dann folgen verschiedene Statistiken, die mal gestiegene, mal gesunkene Zahlen präsentieren – mal geht es um die Art des Deliktes, mal um den Stadtteil. Auch ich kann dem inhaltlich nicht mehr folgen, weil es keine schlüssige Reihenfolge zu geben scheint. Dabei lobt Herr Dreyer, dass die Polizei jetzt mehr Befugnisse hätte, die sie im Viertel entsprechend genutzt hätten. Leider fragt niemand nach, von welchen Befugnissen er hier denn spricht, da das neue Bremische Polizeigesetz ja vorerst von der Grünen-Fraktion ausgebremst wurde.

Allheilmittel mehr Polizei mit mehr Befugnissen – Ineffektivität spielt keine Rolle

Je nach Statistik erzählt er entweder, die polizeilichen Maßnahmen wären erfolgreich, oder aber es bräuche mehr Polizei, wie die gestiegenen Zahlen ja belegen würden. Besonders spannend wird es bei Thema Drogenkriminalität: Mehrfach betont Herr Dreyer, dass die erteilten Platzverweise und der hohe Aufwand, der in die Verfolgung der Dealer investiert wird, sehr erfolgreich wären. Später sagt er, wenn ein Dealer gehen muss, stehen für ihn dann zwei Neue da, wie hochprofessionell das gesamte Netzwerk organisiert sei, und dass die Polizeiarbeit hier einen enorm hohen Aufwand mit mäßigem Erfolg bedeutet. Weshalb – Achtung – man NOCH mehr für die Verfolgung bereitstellen müsse.

Ich hätte an dieser Stelle gern einen Merksatz eingestreut, den ich kürzlich im Studium gelesen habe: “Sichere Gründe fürs Scheitern einer Unternehmung: Die Umweltbedinungen ignorieren, Veränderungen ablehnen, und einfach so weitermachen wie bisher, nur noch stärker als vorher.”

Einen weiteren Moment der Ironie gab es, als zuerst eine Frau der JU fragte, wie verhindert werden könnte, dass sich die Neustadt in Bezug auf Gentrifizierungsprobleme ähnlich entwickelt wie das Viertel. Kurz danach beschwerte sich ein junger Mann im Sakko und akkurat gelegtem Haar über die Dealer, die ihn auf dem Weg zu Rewe ansprechen würden. Offenbar ist er also aus irgendwelchen Gründen ins Viertel gezogen. Lol. Die Frage blieb übrigens vom Podium unbeantwortet.

Als es dann darum ging, wie die Gewaltdelikte reduziert werden können, wurden die Podiumsmitglieder nicht müde immer wieder zu betonen, dass eine frühere Sperrstunde sich sehr positiv auf die Reduzierung von Gewaltdelikten auswirken würde. Durch die (Außen-)Gastronomien und vor Allem die Kioske wären die Menschen länger auf der Straße unterwegs, wodurch eben auch die Gewalttaten steigen würden. Und auch hier wurde es wieder paradox: Denn, wie bereits in der Begrüßung betont wurde, solle das Viertel ja in seiner Form erhalten werden, da es ja besonders viele Gäste auch aus dem Umland zum Feiern und Geld ausgeben anzieht. Mal sehen wie viele noch kommen, wenn auch am Wochenende dieselbe Sperrstunde gilt wie unter der Woche (1 Uhr), was als mögliche Maßnahme in der Diskussion angedeutet wurde. Schrödingers Viertel.

Das Viertel soll für Gäste attraktiv bleiben – bloß möglichst ohne Gäste in den Wochenendnächten

Den “Höhepunkt” erreichte die Diskussion, als Herr Dreyer sagte, die Gastronomen wären angehalten, auf die “äußere Erscheinung” ihrer Gäste zu achten. Ich dachte kurz ich hätte mich verhört, bis mir wieder einfiel auf was für einer Veranstaltung ich hier bin. Racial Profiling als Ansage an die Gastronomie. Wow.

Erst als sich der Betreiber des Heartbreak Hotels zum Schluss noch zu Wort meldete, und die Polizei deutlich dafür kritisierte, die Gastronomen für die Kriminalität verantwortlich zu machen, und schilderte, wie engagiert und bemüht die Gastronomen um ein friedliches Miteinander mit den Anwohner*innen seien, lenkte die Polizei etwas ein. Als Hauptverantwortliche wurden im Verlauf dann die Kioske ausfindig gemacht, die die Menschen auf der Straße hielten.

Zum Thema Rotlichtmillieu hieß es schlussendlich lediglich, die Sichtmauer müsse weg, es müsse alles ausgeleuchtet werden, und natürlich brauche man zwecks Kontrolle der Lage deutlich mehr Polizei. Einigen Gästen wäre es am Liebsten, die alteingesessene Helenenstraße würde ganz verschwinden. Wohin – egal. Hauptsache hier weg. Sollen sich andere damit rumschlagen. Als würde jemand fordern die Reeperbahn dicht zu machen, weil man da jetzt wohnt. Interessanter Standpunkt, der einen gewissen Rückschluss auf die Ausprägung der Kompromissbereitschaft der Gäste zulässt.

Rotlicht? Bitte nicht hier!

Was man der Veranstaltung lassen muss, ist, dass sie konsequent ein Ziel verfolgt hat: Wahlkampf. Mit einer “Nette Onkel aus der Nachbarschaft”-Mentalität wurde eine Ausweitung der Polizeibefugnisse, Racial Profiling, ein in Kauf nehmen des Kneipensterbens, und eine Drogenpolitik, die auf ganzer Linie versagt hat, beworben.

Die ältere Dame neben mir sagte übrigens zum Schluss noch zu mir, dass sie nicht verstehe, warum die selben Maßnahmen weiter geführt werden solle, wenn diese doch nichts zu nützen scheinen. Ich sagte, Legalisierung wäre hier der richtige Weg. Sie hatte zwar Bedenken, stimmte aber zu, dass man sowas ja mal ausprobieren könne, weil es ja so wie bisher nich funktioniert. Sie hat’s verstanden.

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Plädoyer für einen neuen Diskurs https://stadtkontext.de/plaedoyer-fuer-einen-neuen-diskurs/ Sun, 17 Jun 2018 12:13:55 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2308 Am 30. Januar 2017, zehn Tage nachdem Donald J. Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, habe ich über diese Zeitenwende gesprochen. Nicht nur über diese, auch über die neue Welt in den deutschen Landesparlamenten mit der AfD. Ich habe darüber geschrieben wie wir diesen rechten Kräften die Chance geben den Diskurs zu verschieben,…

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Am 30. Januar 2017, zehn Tage nachdem Donald J. Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, habe ich über diese Zeitenwende gesprochen. Nicht nur über diese, auch über die neue Welt in den deutschen Landesparlamenten mit der AfD. Ich habe darüber geschrieben wie wir diesen rechten Kräften die Chance geben den Diskurs zu verschieben, ich habe die Frage diskutiert ob wir „das“ als Demokratie eben „aushalten“ müssen. Ich kam damals zu dem Schluss, dass wir das nicht müssen. Ganz im Gegenteil, wir müssen uns aktiv wehren, wenn uns die Freiheit aller Menschen, auch abseits der Mehrheit, in irgendeiner Form wichtig ist.

Und nun knapp 18 Monate später? Wie hat sich das alles entwickelt? Hat die Demokratie sich endlich wehrhaft gemacht?

Sieht seine Aufgabe darin, Familien zu trennen weil die Bibel es so vorschreibt – General Staatsanwalt Jeff Sessions

Viel ist passiert seit dem. In den USA zumindest wenig Gutes. Die Trump „Administration“ hat begonnen mit einem radikalen Abbau des Staates und versuchte von Anfang an jegliche Sozialgesetzgebung zu torpedieren. Gekürzt wurde massiv im Außenministerium und der Diplomatie, in Wissenschaft und Forschung und in Sozialhilfen und Gesundheitsversorgung. Kinder von Einwanderern werden durch Behörden von ihren Eltern getrennt, in Käfigen gehalten und in Länder abgeschoben, die sie nicht kennen – und das zu tausenden. Gab es im Wahlkampf noch viel Streitereien zwischen den Neoliberalen, erzkonservativen Republikanern und Trump, erfüllt er ihnen nun ihre feuchten Träume. Leiden werden darunter tausende Staatsbedienstete, die Ärmsten der Armen und Nicht-Weiße Amerikaner*innen.

Das „Establishment“ hat sich nicht gewehrt. Ja einige Senatoren wie John McCain oder Jeff Flake haben ihren Rücktritt erklärt und immer mehr Abgeordnete der Republikaner werden im Herbst nicht mehr zur Wahl des Repräsentantenhauses antreten. Doch das ist mehr Feigheit als tatsächliches Zur Wehr setzen. Solange Trump ihre Richter nominiert und die Steuergeschenke für Reiche und Unternehmen unterschreibt ist ihnen im Endeffekt egal ob der Faschismus Fuß fasst – mit dem können Sie sich auch irgendwie arrangieren. Die Demokraten kämpfen tapfer, sind aber nicht in der Lage etwas zu ändern, entscheidend werden da die Wahlen im Herbst für den Senat und das Repräsentantenhaus sein.

In Deutschland ist die Lage nicht besser. Bei der Bundestagswahl im Herbst wurde die AfD in den Bundestag gewählt.

Themen in Talkshows by @Papaleaks

Und anstatt sich wehrhaft zu zeigen wählten die Abgeordneten von CDU, CSU, FDP und SPD die AfD in Ämter und Posten mit Wirkung und Macht. Es war für diese Parteien kaum eine Debatte wert, dass nun Verschwörungstheroetiker und Rechtsradikale den Ausschüssen vorsitzen. Damit hat die AfD gefährlich viel Macht bekommen. Sie bestimmt die Tagesordnung, leitet die Sitzungen und kann sich in „seriösen“ Medien wie dem Deutschlandfunk, dem Bericht aus Berlin oder der Tagesschau unhinterfragt äußern, rechtsradikale Lügen verbreiten und Stimmung gegen ohnehin verfolgte Menschen machen.

„Die Medien“ ist immer so ein schwieriger Begriff. Aber zumindest Teile des öffentlichen Rundfunkes, viele große Tageszeitungen und auch die Privaten haben es nicht kapiert. Jede Woche wird in den „Talkshows“ der ARD über die angebliche „Flüchtlingskrise“ gesprochen und eine „Gefahr der Inneren Sicherheit“ beschworen. Dabei sind das neutral betrachtet gar keine Probleme für die Gesamtgesellschaft. Wir leben in einem der sicherstem Land der Welt in dem deutlich mehr Menschen an Feinstaub oder Autounfällen sterben als an Terror. Die „Flüchtlingskrise“ ist vor allem eine Krise für Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und nun in engen Unterkünften leben und von AfD-Wählern auf der Straße bepöbelt werden.

Aber der ARD geht es ja nicht um das gesellschaftliche Klima oder gar um die wissenschaftliche untersuchbare Fakten und Tatsachen sondern um die Quote und das bespielen eines kaputten Diskurses, der begonnen wurde von Leuten wir Björn Höcke, der NPD und ausgeführt werden von Gruppen wie die „Gruppe Freital“ oder dem „NSU“. Angefacht wurde das ganze dann von Horst Seehofer oder Jens Spahn und mittlerweile reden auch Christian Lindner, Andrea Nahles oder Sahra Wagenknecht so wie in den 90er Jahren nur die NPD und Neonazis sprachen. „Das Boot ist voll“ und so weiter. Heute ist das normal aber zu Jahrtausendwende war das noch ein No-Go.

Das erste was ich bei Straftaten höre, ist mittlerweile die Herkunft (allerdings nur wenn es keine Deutsche ist). Das widerspricht dem Pressekodex – doch der ist wertlos geworden, genauso wie unsere Werte wie Menschlichkeit, Solidarität und Hilfsbereitschaft wertlos geworden sind. Gemeinschaft läuft nur noch unter „Gleichen“, Pluralität wird abgelehnt. Das ist fatal.

Da ist es auch kein Wunder, dass Anne Will, Sandra Maischberger oder Frank Plasberg es nicht lassen können und mit ihren Talkshows auch die akademische, früher mal politisch zentralistische Schicht (die sog. “akademische Mitte”) für AfD-Parolen begeistern. Das ist es auch am Ende: profitieren wird die AfD, weil wir die Demokratie ihr kampflos übergeben. Denn so wie Demokratie aus den altehrwürdigen Institutionen besteht, besteht sie vielleicht noch viel mehr aus dem öffentlichen Diskurs. (Jürgen Habermas würde mir sicher zustimmen).

 

 “So this is how liberty dies. With thunderous applause.” — Padmé Amidala (Charakter aus den Star Wars Filmen)

 

Hoffnung ist wichtig und Hoffnung ist auch realistisch. Ulrike Gerot, Autorin und Sozialwissenschaftlerin, hat in einem Gespräch mit dem Podcaster Holger Klein gesagt, dass ein Diskurs innerhalb weniger Jahre gedreht werden kann. Ich denke sie hat Recht. Der Diskurs ist ja in vielleicht 10-15 Jahren dahingedreht wo er jetzt ist. Der Diskurs muss also „reclaimt“ und gedreht werden.

Ich bin froh, dass Menschen wie Claudia Roth oder Katja Kipping immer noch in Talkshows sitzen und gegen reden, auch wenn das schwer ist bei Gästen wie Alexander Gauland oder Birgit Kelle. Wenn Claudia Roth oder Katja Kipping da nicht sitzen, sitzen neben Kelle oder Gauland bald nur noch Leute wie Alice Schwarzer oder Andrea Nahles und von denen ist keine Gegenrede gegen Rassismus zu erwarten, viel mehr rennen sie dem toxischen Diskurs hinterher.

Aber Gegenreden nutzt nichts, wenn es der gleiche vergiftete AfD-Diskurs bleibt. Das heißt es braucht mehr Gegenöffentlichkeit und Druck auf die Redaktionen um neue Themen, wichtigere Themen zu setzen und den Diskurs so neu zu setzen. Ich bin stolz auf alle die sich nicht darauf einlassen und „ihr Ding“ machen, ihre Themen setzen und sich nicht von der AfD „jagen“ lassen. Es braucht Entwicklungen in den konventionellen Medien, sich endlich wieder ihrer Aufgabe zu widmen und nicht einen vergifteten Diskurs auszuschenken, sondern echte journalistische Arbeit zu machen. Das Geld und die Zeit sind natürlich knapp, aber dafür müssen und sollten sie reichen. Es braucht dann aber auch vielleicht mehr Blogger*innen Kollektive wie unseres (ja ich weiß Selbstlob stinkt). Es gibt viele Menschen, die daran arbeiten den Diskurs wieder zur drehen.

Definitiv mehr Menschen als bei Trumps “Inauguration” – der March for Our Lives

Ich war im 21. Januar 2017 sehr beeindruckt vom US-amerikanischen Women‘s March. Diese Großdemo hat mir Hoffnung gemacht. Dort draußen sind hunderte, tausende, ja Millionen von Menschen die sich dem Faschismus, dem Sexismus in den Weg stellen. Ich hatte das Gefühl nicht alleine zu sein.

Am 24. März 2018 gab es ein ähnliches Event, dass mir Tränen vor Rührung in die Augen schießen ließ. In Erinnerung an den furchtbaren Amoklauf in einer Schule in Parkland, Florida und mit fordernden Blick Richtung Congress und Weißem Haus gingen in Washington D.C. 800.000 Menschen, vor allem Schüler*innen auf die Straße und machten klar, dass diese Welt nicht mehr die selbe ist wie 2017. Kinder und Jugendliche hatten eine der größten Demonstrationen der US Geschichte organisiert, mit einer unmissverständlichen Botschaft: „Es reicht“, keine „Thoughts and Prayers“ sondern echte Handlungen müssen folgen, um solche Ereignisse zu beenden. Das hat mir Mut gemacht. Es gibt Menschen, die sich die Entwicklung in den USA und Europa entgegenstellen. Und deswegen bin mir sicher: es gibt noch Hoffnung.

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Subkultur und Stadtpolitik, Beziehungsstatus: Es ist kompliziert https://stadtkontext.de/subkultur-und-stadtpolitik-beziehungsstatus-es-ist-kompliziert/ Wed, 13 Jun 2018 11:09:41 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2285 Gastbeitrag von Malaika M. Bremer Subkultur tanzt fürs Zucker Subkultur und Stadtpolitik, Beziehungsstatus: Es ist kompliziert Der “Zucker Club” und das “Irgendwo Kollektiv” demonstrierten am 9. Juni mit rund 2000 Menschen für mehr subkulturelle Freiräume in Bremen. Die Bremer Subkulturszene will nicht mehr nur irgendwo anderswo, außerhalb sein.  „Frei-Träume statt Investoren-Räume“  Am Samstagnachmittag gingen künstlerische…

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Gastbeitrag von Malaika M.

Bremer Subkultur tanzt fürs Zucker
Subkultur und Stadtpolitik, Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Demo auf dem Marktplatz

Der “Zucker Club” und das “Irgendwo Kollektiv” demonstrierten am 9. Juni mit rund 2000 Menschen für mehr subkulturelle Freiräume in Bremen.

Die Bremer Subkulturszene will nicht mehr nur irgendwo anderswo, außerhalb sein.

 „Frei-Träume statt Investoren-Räume“ 

Am Samstagnachmittag gingen künstlerische AktivistInnen für die kulturelle Vielfalt auf die Straße. Weiter sprach sich die Demo gegen eine neoliberale Stadtpolitik, Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie und für Feminismus aus.

Angeführt vom Netzwerk Kulturschaffender des Zucker Clubs und Irgendwo Kollektiv wurde ein Demo-Rave durch die Innenstadt veranstaltet. Den musikalischen Auftakt gab der Zucker Club mit seinen bunten Soundwagen und kreativen und politischen Plakaten auf dem Bahnhofsplatz.

Von hier aus zogen hunderte TeilnehmerInnen in den heißen Nachmittagsstunden gut gestimmt und tanzend durch die Bremer Straßen. Die Route führte über den Dobben ins Viertel, bis hin zum Marktplatz, wo die Veranstaltung gegen 20 Uhr mit Elektromusik und einer Kundgebung friedlich ausklang.

Es gab keinerlei besondere Zwischenfälle. Allerdings kam es am frühen Abend durch die Menschenmenge zu Verspätungen des Stadtverkehrs.

Das Zuckernetzwerk ist unzufrieden über seine langjährige Standortsuche für ein Kulturzentrum und will auf die breite und kreative subkulturelle Szene aufmerksam machen.

„Zucker weils schmeckt“

Das kulturelle Viertel befindet sich selbst seit Jahren im Spannungsfeld von Szeneviertel und Gentrifizierung, und sieht die kulturelle Vielfalt u.A. von nachbarschaftlichen Interessen, Lärmschutzklagen, Mietpreiserhöhungen und Privatisierung bedroht.

Das Zucker-Netzwerk solidarisiert sich mit vielen anderen subkulturellen Kollektiven, wie dem Irgendwo, Erle31, Conartism, 4 Dimension uvm.  Es wird auch von Kulturinitiativen aus anderen Städten unterstützt.

Mit dem Zuckerwerk zusammen ging auch das Aktionsbündnis „Shut down Camp Gottfried-Daimler-Straße auf die Straße um sich für menschenwürdige Orte für junge Geflüchtete in Bremen einzusetzen.

Demoschild

„Ein Club für Bremen“

Legendär frustrierend ist die nun schon 6 Jahre andauernde Suche des Zucker Clubs nach einer festen Bleibe.

Bis 2011 als Musikclub in der Bahnhofsvorstadt beheimatet, verlor der Zucker Club seine Räumlichkeit und startete sein Bremer Nomadenleben.nMal zog das Zucker als Zwischenlösung einen Sommer in den Lankenauer Höft oder brachte sich in diverse andere Freiluftveranstaltungen der letzten Jahre ein.

Über 60 Ímmobilien hat der Verein, nach eigenen Angaben, seit dem besichtigt und geprüft, aber nichts Langfristiges ergab sich.

Warum das alles so lange dauert?

Verantwortlich mach das Netzwerk auch eine neoliberale Stadtpolitik und eine unentschiedene Bremer Kulturpolitik. Trotz rot-grüner Unterstützung im Senat, fühlt sich das Bündnis vom Kulturressort allein gelassen und scheitert immer wieder an den Interessen des Wirtschafts – und Bauressorts. Zudem werden politische Beschlüsse des Senats zur zeitnahen Raumvergabe an das Zucker verschleppt.

Während der langjährigen Standortsuche fühlt sich das Zucker immer wieder blockiert von privaten und neoliberalen Interessensvertretungen. Hinzu kommt auch Skepsis vonseiten der konservativen Politik.

So enthält sich die CDU in der Bürgschaft zu Anträgen des Zucker-Vereins.

„Bunker oder ich geh nach Leipzig“

Ein Hochbunker im Stadtteil Walle würde dem Zucker ausreichend Platz für Musikveranstaltung und Ateliers bieten. Die vorläufige Finanzierung steht durch ein erfolgreiches Crowdfounding, einen Kredit und breiten Support. Das Kollektiv steckt mitten in der Bauplanung, Finanzplanung, Gesprächen mit Ämtern um ihr Vorhaben zu realisieren.

„We dont need no parkingplätze“

Doch die beim Hochbunker ansässige Straßenverkehrs-Genossenschaft Bremen eG (SVG) droht mit einer Klage, sobald das Zucker einen Bauantrag stellen sollte.

Zurzeit blockieren Uneinigkeiten über die Stellplatzverordnung am Bunker das Vorankommen des Zuckers.

Das Zucker hat, nach eigenen Angaben, Lösungskonzepte angeboten und mit einem am Bunker ansässigen Musikverein ein Parkplatzsharing-Konzept entwickelt. Zudem verweist es darauf, dass die überwiegende Zahl der Besucher mit Rad und Bahn unterwegs sind. Trotzdem konnte noch keine Einigung über die Parkplatzfrage erzielt werden.

Die SVG fühlt sich von der Stadt übergangen und bekundet ein eigenes Kaufinteresse am Hochbunker, das Zuckerprojekt bewertet sie als „unausgegoren“.

„Bitte ein Wutbürger zum mitnehmen. Gerne scharf“

Weiterer Gegenwind kommt von der AfD im Waller Beirat. Im Hochbunker in der Hans-Böckler-Straße plant das Zuckerwerk auch die Aufarbeitung und eine Dauerausstellung zur NS-Vergangenheit des Bunkers.

Die Bremer Politik scheint zu verkennen, dass ein neues Kulturzentrum im Hochbunker mit seinen künstlerischen und politischen Impulsen den rassistischen und fremdenfeindlichen Tendenzen etwas entgegen setzt.

Auch dafür müsste man nicht nach Leipzig gehen!

„Mehr Respekt für Kultur“

“Wir wollen mit euch zusammenarbeiten”, hieß es im Vorfeld in dem offiziellen Demoaufruf auf der Zucker Facebookseite in Richtung Stadtpolitik.

“Wir fordern klare Bekenntnisse zu unserer Kultur – denn wir sind Kultur und keine Wirtschaftsbetriebe ” 

Das Zucker definiert sich als unkommerzielles Kulturkollektiv. Es will als künstlerisch und kulturell anerkannt werden und nicht ständig auf seine Ökonomie und Verwertbarkeit reduziert werden.

Sie wollen „nicht weiter zuschauen bei der Verdrängung, Räumung und Verhinderung von subkulturellen Orten und unkommerziellen Freiräumen“

Und schreiben in Ihrem Demoaufruf:

„Wir wollen unsere Kultur selbst gestalten – abseits von Verwertungslogik und Leistungsdenken. Eine Stadt ohne Subkultur, ohne unkommerzielle Freiräume ist nicht lebenswert!“

Bei Buten un Binnen äußerte sich dich Staatsrätin für Kultur Carmen Emigholz von der SPD am Samstag mit zaghaften Verständnis. Sie spricht vom „beteiligunsorientierten Kulturverständnis der jungen Leute“. Und findet: „wir müssen uns daran gewöhnen als Behörde, dass eine junge Generation auch Ansprüche ans System stellt“Sie schlägt ein Komitee für subkulturelle Belange vor.

Wie viel man sich davon versprechen kann, scheint unklar. Geredet worden sei in den letzten Jahren genug, genug gewartet, so das Zucker-Kollektiv laut Buten un Binnen.

Der Sprecher der Baubehörde betonte, ebenfalls bei Buten un Binnen, das Potenzial und den Gewinn für die Stadtentwicklung durch junge Kulturschaffende.

So vermittelnd und wichtig diese Stellungnahmen auch sind, die Stadt Bremen sollte sich klar zu Ihrer Subkultur bekennen und mit dieser zusammen arbeiten.

Wir haben alles versucht, wenn ihr uns wirklich wollt, dann könnt ihr uns möglich machen.“ äußert das Netzwerk vor der Demo.

„Wir müssen irgendwo bleiben“

Wo ist die offizielle Wertschätzung für so viel Engagement?

Wo ist das aufrichtige Interesse an aktiver und gemeinschaftlicher Mitgestaltung in Bremen und überall?

Die Situation der Subkultur in Bremen ist auch ein Bild dafür, wie schwer sich die allgemeine Politik mit mehr bürgerlicher Beteiligung tut.

Demozug durch das Viertel

Mit mehr Mitgestaltung statt Verwaltung. 

Eine hohe Wahlbeteiligung bitte, aber wenn Menschen sich aktiv künstlerisch, gesellschaftlich und politische beteiligen wollen, kommt ein seltsames Unbehagen auf. Irgendwie ist Mündigkeit und kulturelle Vielfalt, jenseits vom Masseneinheitsbrei, ein Störenfried im Sicherheitsbedürfnis der Bedenkenden.

Beim Weser Kurier online kommentiert jemand:

„Seien wir doch mal ehrlich! Niemand möchte sie gerne in der Nachbarschaft haben, die so genannte Sub-Kultur. Überall, wo die sich ankündigen, sind die Nachbarn alarmiert und drohen mit Klage. Dem Vernehmen nach sind diese Leute laut, machen Dreck und fordern, ohne selber wesentliches zu leisten. Spaß haben wollen, auf Kosten anderer Menschen kommt nicht bei jedem gut an [..]“

Kulturschaffenden sind im gutbürgerlichen Bewusstsein (auch der Bildungsbürger im Viertel) noch immer chaotisch, weltfremd, radikal, unwirtschaftlich und hedonistisch.

Die städtische Schmutz -und Lärmbelastung durch wirtschaftliche Interessen, Verkehrsaufkommen, lange Öffnungszeiten, Bodenversiegelungen, Stadtraumverdichtung oder Fußballveranstaltungen wird ausgeblendet. Ein anderer Leser befürchtet, dass das Zucker die Steuergelder der arbeitenden Bevölkerung fordert, die sie um ihren Schlaf bringt.

Gerade mit den Anwohnern sollte das Zucker im Dialog bleiben und sein Bemühen um Lärmschutzgutachten deutlich machen.

Muss man wirklich Angst davor haben, dass sich junge Menschen für Kunst, Diskurse und ihre Stadt einsetzten möchten?

Die Stadt Bremen sollte eine Antwort auf die Frage finden, ob sie das Potenzial der jungen Subkultur für Stadtentwicklung, Kulturarbeit und Kunst fördern will um neue Perspektiven für Bremen zu entwickeln.

Der Abwanderung ins Umland und durch Armut bedrohte Stadtstaat kann nur profitieren von dem eigenständigen Engagement junger Kulturschaffender. So fordert die Jugendinfo Bremen im Netz Bremen zum Support ihrer Subkultur auf.

Die Freiräume und Arbeits- und Lebensbedingungen für junge Kulturschaffende und Künstler im öffentlichen Raum werden durch eine wirtschaftsorientierte Stadtplanung immer wieder beschnitten. Allgemeiner Raum wird privatisiert oder zu Investoren-Arealen.

Es muss sich niemand wundern, dass von der Subkultur, manchmal laut, Freiräume eingefordert werden und das Recht auf Mitgestaltung des Stadtraums. Die Politik ist ganz allgemein auf freiwilliges und eigenverantwortliches Engagement angewiesen. Der große, ehrenamtliche Einsatz bei der Aufnahme der Geflüchteten in den letzten Jahren, hat das wieder deutlich gemacht.

Also was soll diese Angst vor Partizipation jenseits vom Gang zur Urne und über konservative Wertmaßstäbe hinaus?

Ist es nicht wunderbar und unterstützenswert, dass es hier junge Menschen gibt, die Lust haben aktiv zu werden?

Die sich für Kunst Stadt und Umwelt engagieren. 

Und die musikalische, literarische, künstlerische und partizipatorische Veranstaltungen machen.

Die sich für Minderheiten einsetzt und neue gesellschaftliche Perspektiven entwirft.

 „#bremen du kannst so großartig sein!“

Nach der Demo bedankt sich das Zucker-Kollektiv auf Facebook für die breite Unterstützung.

„…danke für den besten Tag gestern! Wir haben mehr als deutlich gemacht, was wir wollen und wir haben gezeigt, dass wir viele sind!“

 

Ein aufsteigender Herzballon

Zier dich doch nicht so,

du wirst ja auch nicht jünger;

 

Komm schon, trau dich, sag ja.

Bremen du kannst so großartig, andersartig sein,

und ich weiß,

du hast Angst, vor so Vielem,

aber lass dich doch ein, komm schon,

versuch’s mal.

 

Die Kunst liebt dich und will mit dir tanzen.

Wir können soviel gemeinsam erleben

Vertrau dir selbst,

denn wie alle Verliebte

will ich nicht irgendwo, anderswo, außerhalb von dir sein.

 

Quellen:

zucker-club.de

https://www.facebook.com/Zucker-Club-151849535090/

https://www.facebook.com/KaiWargalla/

https://www.nordbuzz.de/ausgehen/bremen-zero-schmeckt-nicht-demo-rave-zucker-club-irgendwo-fordert-freiraeume-subkultur-9941810.html

https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-demorave-fuer-subkulturelle-partys-in-bremen-_arid,1737511.html

https://www.nordbuzz.de/ausgehen/zucker-club-irgendwo-kollektiv-genug-gewartet-breite-unterstuetzung-demo-rave-aufruf-bremen-9916596.html

https://weserreport.de/2018/06/panorama/rave-fuer-mehr-subkultur-in-bremen/

https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/demo-rave-subkultur-bremen100.html

Die Überschriften sind Sprüche die auf Plakaten der Demo standen, danke für eure Kreativität.

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Warum die Revolution nicht kommt – Eine sozialpsychologische Analyse über kollektives Wegschauen https://stadtkontext.de/warum-die-revolution-nicht-kommt-eine-sozialpsychologische-analyse-ueber-kollektives-wegschauen/ Tue, 20 Feb 2018 09:00:13 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2172 Die Tage werden dunkler. Rassismus, Menschenhass, ein Rekord an Gewalttaten gegen unerwünschte Minderheiten , allein in 2017 wurden 2500 politisch motivierte Straftaten gegen Juden und Muslime gezählt , und Mordfälle gehen auf das Konto des Rechtsrucks in Deutschland. Anfangs noch belächelt, sitzen deren Vertreter_innen mittlerweile im Bundestag. Und diejenigen, die die Bedrohung wahrnehmen, weil sie…

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Die Tage werden dunkler. Rassismus, Menschenhass, ein Rekord an Gewalttaten gegen unerwünschte Minderheiten , allein in 2017 wurden 2500 politisch motivierte Straftaten gegen Juden und Muslime gezählt , und Mordfälle gehen auf das Konto des Rechtsrucks in Deutschland. Anfangs noch belächelt, sitzen deren Vertreter_innen mittlerweile im Bundestag. Und diejenigen, die die Bedrohung wahrnehmen, weil sie diese schon ganz real am eigenen Leib spüren mussten, haben Angst. Und zwar nicht nur vor den Nazis, sondern auch, weil die Öffentlichkeit sie ohne Protest gewähren lässt.

Nur 72 Jahre nach dem Ende des dritten Reichs finden 12,6 % der Wähler_innen, dass eine Ideologie, die unsägliches Leid gebracht und unzählige Menschen das Leben gekostet hat, wieder einen Platz im Bundesparlament bekommen soll. Der grenzenlose Hass wird öffentlich ausgelebt, Schamgrenzen scheint es schon lange keine mehr zu geben.

Man braucht nur mal einen Blick in soziale Medien zu werfen, um ein unmissverständliches Bild davon zu bekommen, und zu realisieren, wie die Sympathisant_innen und Mandatsträger_innen der AfD ticken (oder guckt mal hier: https://das-ist-afd.de/ ). Da bleibt kein Raum mehr für Relativierungen, und da bleibt auch kein Raum mehr für Diskussionen ob es sich hier um Nazis handelt, oder nicht. Öffentliche Äußerungen, intensive Beziehungen zur rechtsextremen Szene und nicht zuletzt deren Parteiprogramm lassen hieran keinen Zweifel. Dass sie sich selbst nicht so bezeichnen, und auch nicht so bezeichnet werden wollen, tut dem keinerlei Abbruch. Wer wählt denn schon ein indiskutabel negativ besetztes Label, wenn man erfolgreich sein will? Also versuchen sie sich irgendwie anders zu etikettieren, und empören sich, wenn jemand es wagt sie beim Namen zu nennen. Aber die Lage ist längst klar. Und das war sie auch schon vor der Bundestagswahl.

Wie konnte es soweit kommen? Müssten sich nicht längst massive Proteste erheben – und zwar nicht nur aus der linken Szene – die so stark und entschlossen sind, dass sie eine schleichende Ausbreitung menschenverachtender Ideologien in der Bevölkerung unmöglich machen? Wie ist es möglich, dass die breite Masse dies stattdessen achselzuckend hinnimmt? Wer sich heute klar gegen rechts positioniert und findet, dass die Grundrechte eingehalten werden müssen, gilt ja mittlerweile vielerorts schon als linksextrem.

“Ich frag mich, warum so viel Leute wegschau’n, ist es Angst, Akzeptanz oder Ignoranz?”, fragt Irie Révoltés. Und weil mich diese Frage nicht loslässt, will ich versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Als erstes steht im Raum, warum dieser menschenfeindlichen Ideologie nicht einfach mit Logik und Argumenten beizukommen ist, so dass den Populist_innen für alle ersichtlich der Wind aus den Segeln genommen wird. Wer die Berichterstattung halbwegs aufmerksam verfolgt, wird wissen, dass es solche Bemühungen immer wieder gibt und gegeben hat, und zwar auf vielen Ebenen. Das Problem ist aber, dass einer Ideologie, einem Welt- und Menschenbild, das jede Logik ablehnt, mit Logik eben nicht beizukommen ist. Wenn die Anhänger_innen rechter Weltbilder logische Zusammenhänge akzeptieren und anwenden würden, hätte sich das Problem relativ schnell von selbst gelöst. Aber das tun sie nunmal nicht. Wir müssen also tiefer graben.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Soziale Akzeptanz und Zugehörigkeit zu einer Gruppe sind elementare Grundbedürfnisse für uns, weil sie unser Überleben sichern. Die Handlungsmotivation (oder auch die Motivation nicht zu handeln), die aus diesen Sicherheitsbedürfnissen hervorgeht, ist dementsprechend stark. Die Gesellschaft um uns herum beeinflusst unser Verhalten also nicht unerheblich, da wir grundsätzlich von ihr akzeptiert werden wollen. Dafür gibt es Mechanismen, die unser Verhalten entsprechend steuern:

  • Normativer Einfluss

Damit ist im Prinzip nichts anderes gemeint, als das was wir unter Gruppenzwang verstehen. Wir passen uns dem Verhalten der Menschen um uns herum an, weil wir nicht unangenehm auffallen wollen. Wir wollen schließlich keinen Ausschluss riskieren. Wenn also alle anderen nichts sagen, sag ich lieber auch nichts. Dieses Schweigen, weil alle anderen auch schweigen, wird öffentliche Compliance genannt.

  • Informationaler Einfluss

Umso schlechter wir über ein Thema informiert sind, desto stärker orientieren wir uns an den Informationen, die uns unser Umfeld anbietet. Dieser Mechanismus spielt auch bei der Entstehung und Empfänglichkeit von Vorurteilen eine wichtige Rolle. Und: Je öfter wir etwas lesen oder hören, für desto wahrer halten wir es. Wiederholung verschafft Gewicht.

Neben unserem direkten Umfeld orientieren wir uns aber auch an Personen, die wir als Expert_innen wahrnehmen. In diesem Fall können das z.B. prominente und beliebte Politiker_innen sein. Wenn die jetzt aber überwiegend keine deutlichen Warnungen aussprechen, sondern im Gegenteil die rechtspopulistische Rhetorik und Positionen übernehmen, dann ist das doppelt fatal: Nicht nur die Wahrnehmung der Bedrohung wird unterbunden, sondern die Reproduktion der populistischen Aussagen verleiht denselben mit jedem Mal mehr Gewicht und Glaubwürdigkeit.

Allerdings können auch andere Personen als Expert_innen wahrgenommen werden, zum Beispiel Menschen im direkten Umfeld, die sich politisch engagieren. Nur leider ist deren Reichweite häufig sehr begrenzt. Aber auch die Meinung beliebter Personen des öffentlichen Lebens wird häufig als allgemein relevant wahrgenommen, da vor allem attraktive berühmte Menschen oft als insgesamt kompetent eingeschätzt werden. Diese Personen könnten also ihre Reichweite im Kampf gegen den Rechtsruck nutzen. Für eine breite Glaubwürdigkeit muss allerdings der Kontext stimmen.

Unsere Umwelt übt starken Einfluss auf unser Verhalten aus

Beide Mechanismen bringen uns dazu, uns der Mehrheit anzupassen. Sie greifen zum Beispiel auch häufig in Situationen, in denen Zivilcourage gefordert ist. Nach dem Motto: Alle anderen bewerten die Situation so, dass kein Handlungsbedarf erforderlich ist. Wenn die das alle so sehen, haben sie wohl recht.

An dieser Stelle möchte ich kurz auf das Thema Sprache eingehen. Sprache und Denken stehen miteinander in permanenter Wechselwirkung. Wie wir reden, so denken wir, und wie wir denken, so reden wir. Die Sprache, mit der über ein Thema berichtet wird, hat also Konsequenzen für unsere Wahrnehmung. Ist nun in den Medien von “Flüchtlingswellen” oder “Einwanderungsflut” die Rede, ist das eine sprachliche Entmenschlichung. Plötzlich geht es nicht mehr um Menschen mit einer Lebens- und Leidensgeschichte, sondern um Sachen, gerne auch beunruhigende Sachen wie z.B. eine Flut. Es spielt also eine nicht unerhebliche Rolle, ob von notleidenden Menschen gesprochen wird, was empathische Gefühle in uns weckt, oder von einer Flut, was ein eher bedrohliches Bild in den Köpfen erzeugt. Entmenschlichung ist ein beliebtes manipulatives Mittel bei Rechtspopulisten, um unerwünschtes Mitgefühl zu unterdrücken, und stattdessen Furcht zu sähen.

Das funktioniert natürlich auch andersrum: Ereignisse und Täter_innen werden gezielt verharmlost, wie im Beispiel Freital, wo aus rechtsextremen Terroristen einfach Lausbuben gemacht werden.

Sprache formt unser Denken – und wird von Rechten ganz strategisch genutzt

Und schließlich sei hier nochmal daran erinnert, warum sich niemand “Nazi” nennen will, sondern lieber “Patriot” oder sonstwas. Negative Bilder vermeiden, und durch (vermeintlich) positive ersetzen ist die Devise. Und auch hier gilt: Wiederholung verschafft Glaubwürdigkeit. Wenn die Nazis nur oft genug wiederholen, sie seien die bürgerliche Mitte, glauben die Leute ihnen das irgendwann. Fake it ‘till you make it. Oder auch alles andere, was sie oft genug wiederholen, und was sich mit jedem Mal tiefer ins Gedächtnis gräbt. Diese simple Tatsache, auch Wiederholungseffekt genannt, ist daher unfassbar gefährlich.

Unsere Umwelt hat also einen nicht unerheblichen Einfluss auf unseren Umgang mit Informationen und unser Verhalten. Aber wir stehen uns auch oft selbst im Weg, wenn es darum geht, Informationen zu verarbeiten und zu bewerten.

Unser Gehirn begünstigt bequemes Denken

Grundsätzlich wollen wir Informationen immer realistisch bewerten und gleichzeitig mit uns selbst zufrieden sein, sprich ein positives, konsistentes Selbst- und Weltbild und Selbstwertgefühl erzeugen. Das sind die beiden Grundmotive des menschlichen Denkens.

Kommt es zu Widersprüchen zwischen Informationen und dem eigenen Weltbild, entsteht  ein unangenehmer Widerspruch, auch bekannt als kognitive Dissonanz. Um diesen Widerspruch möglichst schnell aufzulösen, gehen wir den den Weg des geringsten Widerstands: Die Informationen, die die Unstimmigkeit mit unserem bereits bestehenden, mühsam aufgebauten Weltbild verursachen, werden ganz einfach ignoriert. Was nicht sein darf, gibt es auch nicht. Zack, Problem gelöst! Das lässt sich auch sehr gut am Beispiel Polizeigewalt beobachten. Die Rechtfertigung und der Schutz der eigenen Sicht auf die Dinge ist plötzlich sehr viel wichtiger als das Bedürfnis nach realistischer Informationsbewertung. Diese Neigung ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt. Warum fällt es manchen Menschen schwerer als anderen, das eigene Weltbild auch mal zu korrigieren oder anzupassen? Weil es etwas mit der eigenen Identität zu tun hat. Ein Weltbild basiert immer auf einem Selbstbild. Umso mehr die “unpassenden” Informationen unsere Identität angreifen, desto verlockender ist die Lösung, sie einfach zu ignorieren. Ein Überdenken der eigenen Identität erfordert schon ein bisschen Courage, und würde ja ggf. bedeuten, dass wir zu dem Schluss kommen, dass unsere frühere Sicht und unser früheres Verhalten vielleicht falsch war. Diese Erkenntnis, und der ganze Prozess der Reflexion ansich, kann also durchaus unangenehme Wahrheiten zu Tage fördern und zu Inkonsistenzen führen. Und genau deswegen vermeiden das viele Menschen.

Es gibt noch einige weitere kognitive Stolperfallen, die in dieselbe Richtung deuten:

  • “Motivated reasoning”

Das bedeutet, wir nehmen neue Informationen so auf, dass negative Gefühle möglichst abgewendet und positive maximiert werden.

  • “Backfire effect”

Gute Argumente und Überzeugungsversuche können das Gegenteil bewirken, wenn die Werte um die es geht, besonders identitätsstiftend sind. Wird etwas identitätsstiftendes angegriffen, fühle ich mich in meinem Selbstwert herabgesetzt, ich nehme das ganze also als persönliche Kränkung wahr.

  • Partisan Bias / reaktive Abwertung

Eine Wahrnehmungsverzerrung zugunsten der eigenen Bezugsgruppe. Um den Bestand der eigenen Gruppe zu schützen, werden Widersprüche beim Gegner strenger bewertet als in der eigenen Gruppe. Das kann soweit gehen, dass Informationen, die vom Gegner kommen, von vornherein gänzlich ignoriert werden.

  • Confirmation Bias

Der klassische Bestätigungsfehler. Informationen werden so selektiert und interpretiert, dass sie die eigene Meinung bestätigen. Auch hier geht es um den Schutz des Selbstbildes.

Einige dieser Wahrnehmungsverzerrungen machen es unter Umständen schwierig, argumentativ zu punkten. Das ist knifflig, und äußerst unglücklich. Man muss versuchen zu unterscheiden, ob das Thema für den_die Gesprächspartner_in besonders identitätsstiftend ist, und somit eher ein negativer Effekt zu befürchten ist. Oder, ob es sich eher um “einfache” Vorurteile handelt, die keinen engeren Identitätsbezug haben. In dem Fall ist der argumentative Ansatz nach wie vor der richtige.

Den Ausschlag, was wir wie wahrnehmen und was nicht, gibt also oft der Bezug zur eigenen Identität. Jetzt stellt sich die Frage: Wodurch wird denn Identität erzeugt? Das ist individuell natürlich sehr verschieden, weil jeder Mensch einzigartig ist. Aber hier unterhalten wir uns ja über Dinge, die für eine ganze Reihe an Menschen – nämlich für die breite schweigende Masse der deutschen Gesellschaft – einen Identifikationscharakter haben müssen, der dazu führt, dass unangenehme Wahrheiten über die Entwicklung eben dieser Gesellschaft als Angriff auf die eigene Identität und auf die eigene Gruppe empfunden werden.

Da kommen mir zum Beispiel die sogenannten Preußischen Tugenden in den Sinn, die gerade bei den älteren Generationen nach wie vor einen hohen Stellenwert haben. Fleiß, Geradlinigkeit, Pünktlichkeit, Ordnungssinn, Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewusstsein, Sauberkeit – alles wunderbar positiv besetzte Begriffe, mit denen man sich doch gerne identifiziert und sich zu Eigen macht, als Zugehörige zu einer Gesellschaft, die diese herausragenden Eigenschaften hervorgebracht hat. Das Praktische daran ist, dass es ja schon ausreicht, zufällig in diese Gesellschaft hineingeboren zu werden, um sich diese Eigenschaften direkt zuzuschreiben und das Selbstbild darauf aufzubauen. Gleichwohl sind diese Werte unter jüngeren Menschen nicht mehr so verbreitet, da ihnen heute viele Alternativen zur Verfügung stehen, die besser zum Zeitgeist passen und die versuchen, ein bisschen weniger offensichtlich daher zu kommen. Da feiert man sich zum Beispiel für die deutsche Ingenieurskunst ab, vollkommen unreflektiert woher dieser “Wert” eigentlich kommt, oder man läuft zur Höchstform auf, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren irgendwo irgendein Spiel absolviert, weil das sind ja “wir”, äh, oder so.

Kurz: alles was Menschen “stolz auf Deutschland” macht, oder gefühlt mit dem Nationalkonstrukt Deutschland verbindet, spielt hier höchstwahrscheinlich eine identitätsstiftende Rolle, die dazu führt dass Kritik an der deutschen Gesellschaft ganz easy ignoriert wird. Je häufiger dieses Motiv “deutsch” im Selbstbild einer Person auftaucht, desto schwerer wiegt es natürlich – allein Fan der deutschen Nationalelf zu sein, reicht in der Regel noch nicht aus, um sein Selbstbild auf der Zugehörigkeit zu einer nationalen Gesellschaft aufzubauen.

Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nix kannst

Dann sei doch einfach Stolz auf dein Land – Kraftklub

Glücklicherweise kann sich Selbstwert aber zu nicht unerheblichen Teilen aus anderen, und mehreren verschiedenen Dingen speisen, als aus Zugehörigkeit zu einer Nationalität. Das setzt aber voraus, dass genügend Alternativen zur Verfügung stehen. Andernfalls ist das Risiko groß, dass Menschen auf diese leicht verfügbaren Werte zurückgreifen.

Für viele Menschen ist zum Beispiel ihr Beruf eine wichtige Identifikations- und Selbstwertquelle. Schließlich nimmt der Job auch einen großen Teil unserer Lebenszeit ein. Aber was, wenn man keine Arbeit mehr hat, und man vielleicht in einer Gegend lebt, in der es kaum noch Arbeit gibt, oder man nicht arbeiten kann? Damit kann ein großes Stück an Selbstwert wegbrechen, der dann mit anderen Werten kompensiert werden muss. Dass das Selbstwertgefühl unter dem Verlust der Arbeit leidet ist ohnehin längst bekannt, und außerdem ein wichtiger, ernstzunehmender Grund für gesundheitliche Probleme.

Der Faktor Arbeit hat allerdings gerade für jüngere Menschen für die Identifikation deutlich an Bedeutung verloren. Zwar gibt es selbstverständlich nach wie vor auch junge Menschen, die tatsächlich ihren Traumberuf erreicht haben, darin aufgehen und diesen entsprechend als wichtigen Teil ihres Selbst begreifen. Auf der anderen Seite ist es natürlich schwer, sich mit seinem Job zu identifizieren, wenn man gar nicht weiß, wie lange man überhaupt noch für die Firma arbeitet… Und: bei Weitem nicht jeder Job bietet das Potential zur Selbstverwirklichung, sondern ist vielleicht einfach nur ein Job, der im besten Fall die Miete bezahlt. Arbeit als Quelle des Selbstwerts und der Identifikation trifft also auch nur bedingt zu.

Junge Menschen suchen die Selbstverwirklichung deshalb häufig eher in sinnstiftenden Tätigkeiten oder Hobbies. Vor allem die Pubertät ist eine besonders prägende Phase für die Persönlichkeitsentwicklung. Teenager*innen probieren sich aus, wollen Talente und Fähigkeiten entdecken, wollen wissen wer sie sind, und in welchem Umfeld sie sich wohlfühlen. Dafür brauchen sie Möglichkeiten und Angebote. Wenn jetzt in dem Ort aber keine Freizeitangebote, keine Sportvereine, keine Möglichkeit ein Musikinstrument zu lernen oder mit einer Band zu proben vorhanden sind, dann entsteht auch hier ein Vakuum der fehlenden Identifikationsmöglichkeiten, der Persönlichkeitsentwicklung, des Selbstbildes, welches gefüllt werden muss. Und jetzt nehmen wir mal an, es gibt immerhin (genau) einen Sportverein, dann hat dieser für viele Jugendliche im Ort eine elementare Bedeutung als Freizeitangebot, über den sie dann effektiv und gezielt angesprochen werden können. Für Rechte ist es eine Steilvorlage, diesen Verein zu vereinnahmen und für sich als direkten Kanal und Ideologiemultiplikator zu verwenden. Sie machen sich genau diese Leere zu nutze, und bieten den Jugendlichen so gleich zwei identitätsstiftende Inhalte: Sport und ein rechtsextremes Weltbild, was auf den o.g. leicht verfügbaren nationalidentitären Werten beruht. Beides, gerade in Kombination ist bestens geeignet um Zugehörigkeit, Zusammenhalt und Identität zu erzeugen. Zack: Selbstbild, Selbstwert.

Wir stellen also fest, dass fehlende Identifikationsalternativen Raum erzeugen, der sowohl direkt als auch indirekt mit leicht verfügbaren Werten gefüllt wird – Werte, die man sich auch ohne Eigenleistung einfach zuschreiben kann, wie z.B. Dinge, die auf der eigenen Herkunft basieren. Und zwar auf der möglichst nahen, der, die am direktesten erlebt wird. Ansonsten kann man sich ja die Frage stellen, warum Herkunft nicht auch mit einer internationalen kollektiven Identität wie z.B. ‘europäisch’ assoziiert wird, was ja schon mit ganz anderen Werten aufgeladen ist, als die nationale Herkunft. Aber sie ist auch abstrakter. Denn: je direkter erlebbar, desto Identität.

Diese Gesamtsituation und die kognitiven Mechanismen dahinter erklären zumindest einen Teil der wegschauenden, schweigenden Masse: Sie identifizieren sich unbewusst (oder sogar bewusst, aber dann schweigen sie oft auch nicht) mit denselben Werten, die von den Rechtsextremen genutzt und bis ins Groteske gesteigert, ausgeschmückt und verzerrt werden.

Aber trifft das wirklich auf all die Menschen zu, die jetzt schweigen? Das wäre schon sehr erschreckend, und meiner Meinung nach auch viel zu einfach, weil diese “Vakuumzustände” eben nur bestimmte Teile der Gesellschaft betreffen. Insbesondere junge Menschen, die in urbanen Räumen leben, haben eher nicht mit mangelnden Angeboten zur Persönlichkeitsentfaltung zu kämpfen.

Ich persönlich habe eine andere subjektive Beobachtung, was sie davon abhält ihre politische Stimme zu erheben: Viele junge Menschen aus meinem Umfeld sind einfach vollkommen aus- oder überlastet damit, in der Leistungsgesellschaft irgendwie den Kopf über Wasser zu halten. Studium, Praktika, und der Lebensunterhalt muss auch irgendwo herkommen – da bleibt am Ende nicht mehr viel Energie, die noch für irgendwas verwendet werden kann. Oder die Überstunden fressen den letzten Rest Privatleben auf, die man hinnimmt, weil man Angst hat, dass der Arbeitsvertrag andernfalls nicht nochmal um wenigstens ein paar Monate verlängert wird. Oder ich mache in meiner Freizeit im Namen der grenzenlosen Selbstoptimierung die nächste Weiterbildung, damit ich vielleicht Chancen habe, bei der nächsten Beförderung nicht übergangen zu werden. Oder ich hab schon eine Ausbildung abgebrochen, danach ein Studium, und verzweifle unter dem Druck irgendwas auf die Kette kriegen zu müssen. Die kapitalistische Leistungsgesellschaft fordert vielen von uns dermaßen viel ab, dass kaum Energie bleibt, um sich mit anderen Problemen zu beschäftigen.

Eine weitere Erklärung für das politische “Kopf in den Sand stecken” können aber auch Gefühle der Ohnmacht sein, also eher eine Art politische Schockstarre als ein Wegschauen. Mit Sicherheit gibt es Menschen da draußen, die die Situation sehr wohl als bedrohlich empfinden und Handlungsbedarf sehen, denen aber der konkrete Anlaufpunkt fehlt, weil sie keine Kontakte haben oder Strukturen fehlen, an die sie sich wenden können. Oder sie haben schlicht reelle Angst sich zu äußern, weil es da, wo oder wie sie leben mittlerweile angebracht ist, Angst zu haben.

Es gibt aber auch noch eine andere Erklärung fürs Nichtstun: Manche Leute sind einfach selbstgefällige, ignorante, egozentrische Arschlöcher, denen es einfach scheißegal ist, was um sie herum passiert. Die ihre kleingeistige “mein Haus, mein Auto, mein Vorgarten”-Mentalität so lange weiterleben, bis die Nazis vor ihrer Tür stehen und ihnen alles wegnehmen, oder so lange ihr Leben eben dauern mag.

So weit, so ernüchternd. All diese Eigenschaften des menschlichen Denkens erwecken den Anschein, der Mensch sei geradezu dafür geschaffen sich alles schönzureden und dann ins Verderben zu stürzen. Unser Gehirn verbraucht etwa 20% unseres täglichen Energiebedarfs. Sich entgegen dieser kognitiven Mechanismen zu verhalten kostet jedes Mal Energie, weil man jedes Mal aktiv nachdenken muss. Ihnen nachzugeben geht von ganz alleine und kostet gar nichts.

Und was jetzt? Wie gehen wir damit jetzt um? Gibt es noch Grund zur Hoffnung, oder können wir nur noch zusehen, wie alles den Bach runtergeht, wenn auch die letzten engagierten Menschen aus purer Erschöpfung und Angst den Kampf gegen rechts einstellen?

So sehr es mich schmerzt, aber ich habe darauf keine Antwort. Höchstens ein paar Ideen und Ansätze, die vielleicht helfen würden, mehr Menschen zu erreichen.

Als erstes: Struktureller Aufbau! Sowieso, aus so vielen Gründen. Menschen brauchen Angebote, sowohl beruflich als auch privat. Erst dadurch entsteht wirklicher Lebensraum. Nur so können Menschen ihr Potential entfalten, sich verwirklichen, und Glück und Zufriedenheit erreichen – die beste Prävention gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit überhaupt. Durch strukturelle, kulturelle und wirtschaftliche Armut wird der Nährboden für eine gesunde persönliche Entwicklung entzogen, und Raum für destruktives entsteht. Ganze Regionen wirtschaftlich, strukturell und kulturell erodieren zu lassen, ist eine politische Verantwortungslosigkeit sondergleichen. Das ist eine langfristige Aufgabe der Politik, die dringend in Angriff genommen werden muss, um den Ursachen für die Verbreitung rechter Ideologien das Wasser abzugraben.

Um kurzfristig mehr Menschen zu mobilisieren, könnte etwas anderes helfen: Bewegungen funktionieren, wenn sie Symbole oder Gallionsfiguren haben. Weil – Achtung: Sie haben Identifikationspotential. Wir brauchen viel mehr Personen, die in der breiten Masse Akzeptanz und hohes Ansehen genießen, die sich öffentlich äußern und Position beziehen. Mit Reichweite, Aufmerksamkeit, und Akzeptanz kann der informationale Einfluss (s.o.) zum Vorteil genutzt werden – beliebte Promis können helfen, die Wahrnehmung von Ereignissen in der Bevölkerung zu beeinflussen. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob diese Personen tatsächlich Expert_innen sind; entscheidend ist vielmehr, wie die Bevölkerung diese Personen wahrnimmt. Wer beliebt ist, dessen Meinung ist auch akzeptiert. In den USA ist es viel üblicher, dass Prominente sich politisch positionieren, als in Deutschland. Hier hält man sich aus diesen Themen lieber raus, aus Angst ein Image zu bekommen, das man nicht mehr los wird, oder es sich mit den “falschen” einflussreichen Leuten zu verscherzen. Auch schon wieder erschreckend, und ganz aktuell im Rahmen der metoo-Debatte zu beobachten. Tja, was soll ich sagen, es sieht nicht gut aus.

Und wie beantworten wir jetzt die Frage, warum so viele Leute wegschauen? Es IST Akzeptanz, es IST Ignoranz, aber es ist auch Ohnmacht, fehlende Energie und Überforderung, und Angst.

Abschließend möchte ich euch noch eine Sache ans Herz legen: Achtet darauf, was ihr verbreitet. Denkt immer daran: Wiederholung verschafft Gewicht. Es ist schwierig, abzuwägen, wann man mit der Verbreitung rechter Aktivitäten durch gesteigerte Empörung eventuelle positive Effekte erzielen kann, und wann man eigentlich nur die Reichweite derer erhöht, den Inhalt reproduziert, und ihnen voll in die Karten spielt. Das menschliche Gehirn funktioniert nunmal so, ob wir das wollen oder nicht. Und die Rechten wissen das für sich zu nutzen; ihre ganze Strategie der Provokation von Aufmerksamkeit baut genau darauf auf, und funktioniert bis jetzt leider hervorragend.

Sämtliche Aktivitäten von rechts zu ignorieren ist aber ebensowenig eine gute Idee, wie wir wissen. Der beste Weg ist wohl, Inhalte vor allem nicht unkommentiert und uneingeordnet zu verbreiten, auf die Macht der Sprache zu achten , und natürlich keine direkten Retweets oder Reposts zu machen, die den Accounts und den Personen dahinter nur helfen.

Mein hashtag dazu: #dontspreadhate !

In diesem Sinne: Haltet zusammen, gebt aufeinander acht und bleibt standhaft. <3

Quellenverweis: “Sozialpsychologie” Aronson, Wilson, Akert, (2014) Pearson Deutschland

tl, dr:

  • Informationen, die unser Selbstbild, also unsere Identität und unseren Selbstwert angreifen, blenden wir mit Vorliebe aus.
  • Selbstbilder, Identität und Selbstwert brauchen Angebote wie z.B. Arbeitsplätze und Kultur, um sich zu entwickeln. Fehlen sie, greifen Menschen oft zu leicht verfügbaren Werten – wie der nationalen Herkunft.
  • Alles, was die Identifikation mit der nationalen Herkunft unterstützt, führt dazu, dass Kritik an der deutschen Gesellschaft von diesen Menschen ignoriert wird, da sie sich und ihre Gruppe dadurch angegriffen fühlen.
  • Andere Gründe fürs Schweigen können Ohnmacht, fehlende Energie oder natürlich Angst sein.
  • Um rechte Ideologien zu bekämpfen, müssen Regionen, die wirtschaftlich und kulturell erodiert sind wieder zu richtigen Lebensräumen mit Angeboten werden, damit kein Vakuum des Selbstwertes entsteht, das dann mit leicht verfügbaren, nationalen Werten gefüllt wird.
  • Um mehr Menschen zu erreichen und zu mobilisieren, braucht es mehr beliebte, prominente Personen, die sich positionieren, und der Bevölkerung so eine Möglichkeit zur Identifikation mit einer politischen Meinung anbieten.
  • #dontspreadhate ! Denn: Wiederholung verschafft Gewicht! So funktioniert das menschliche Gehirn.

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Podcast, “das neue Medium”, gibt es da auch etwas von Links? https://stadtkontext.de/podcast-das-neue-medium-gibt-es-da-auch-etwas-von-links/ Thu, 11 Jan 2018 17:36:05 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2121 Ich schreibe diesen Beitrag, da zwar die dritte Welle der Podcasts angebrochen ist, mir aber persönlich eine Sammlung der Podcasts fehlt, die sich selbst politisch dezidiert links einordnen. Mit links ist hier klar links der Mitte gemeint, was Podcasts wie den aktuellen Shootingstar “Lage der Nation” ausschließt. Dieser ist zwar ein politischer Podcast, jedoch der…

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Ich schreibe diesen Beitrag, da zwar die dritte Welle der Podcasts angebrochen ist, mir aber persönlich eine Sammlung der Podcasts fehlt, die sich selbst politisch dezidiert links einordnen. Mit links ist hier klar links der Mitte gemeint, was Podcasts wie den aktuellen Shootingstar “Lage der Nation” ausschließt. Dieser ist zwar ein politischer Podcast, jedoch der gesellschaftlichen Mitte zuzuordnen. Das ist nicht unbedingt schlimm, aber soll einfach helfen, die linkeren Podcasts zu finden. Die Beschreibungen sind mit einem Augenzwinkern zu lesen, jeder nicht-rechte Podcast ist wichtig, nicht rechts ist aber ungleich links.

Ich möchte hier auch eine Kritik an die linken (etablierten) Medien in Deutschland richten, denn im Gegensatz zu Zeit, Deutschlandfunk und Spiegel Online haben sie es nicht geschafft, eigene Podcasts aufzubauen, was ich persönlich sehr schade finde.

Andererseits fände ich ein Medienkollektiv von Podcasts und anderen linken Medienvertreter*innen außerhalb der aktuellen Institutionen wirklich schön. Wir haben einen politischen Rechtsruck in Deutschland, welcher gleichzeitig mit einer immer stärkeren Repression seitens des Staates gegenüber linken Projekten einhergeht. Dies beides sollte zum einen so kritisch wie möglich begleitet wie auch mit neuen positiven Zukunftsaussichten bekämpft werden. Ich weiß: Wunschträume. Aber wir haben Anfang des Jahres, da darf sich 1 doch mal was wünschen.

Logbuch: Netzpolitik: Sicher der Klassiker in Sachen politischer Podcasts. Netzpolitik ist Innenpolitik und Kritik an dieser ist dringend notwendig. Dies ist ein linker, vielleicht sogar ein linksradikaler Podcast auch wenn manche Hörer*innen sich dem vielleicht nicht bewusst sind.

Das Freie Sender Kombinat(Fremdempfehlung): Aus Hamburg ist eher ein Klassiker, freies und nichtkommerzielles Radio für in Hamburg und um Hamburg herum. Aber auch zum später anhören gibt es einige Sendungen auf der Seite.

Lauschpod: Ein Podcast aus Hamburg – inoffiziell spätestens seit der Entscheidung, ein “Fest der Demokratie” aka eine gescheiterte Bürgerkriegsübung in Hamburg stattfinden zu lassen, der Vor- und Nachbereitungspodcast zu G20. Aber auch andere linke Themen werden behandelt, hauptsächlich mit Bezug Hamburg.

Metrolaut: Ein leider viel zu selten erscheinendes Format, welches immer mal wieder Interviews mit Aktivist*innen führt oder sich auch mal mitten ins Geschehen begibt, um zu berichten, egal ob der Ort Taksim-Platz in Istanbul oder das Wendtland heißt.

Die Anachronistin: Hier wird das Leben des Widerstandskämpfers Theo Hespers und seiner Nachfahren beschrieben. Ein historischer Podcast, welcher gut zeigt, wie sich das Leben für die geändert hat, die nicht einverstanden waren und dies auch gezeigt haben. Geschichtsunterricht, wie er sein sollte!

The Red Line: Unser Eigengewächs und mein eigener Podcast: Internationale Politik mit einem Standpunkt und trotzdem natürlich immer mit Fakten unterlegt. Hier geht es mal um die USA, aber genauso auch um Äthiopien oder Simbabwe.

Gesprächsaufklärung: Um es klar zu sagen: Der NSU waren nicht nur die drei bekannten Personen und die Geheimdienste des Bundes haben (absichtlich?) bei der Überwachung der rechtsradikalen Szene versagt. Daraufhin folgten verschiedene Untersuchungsausschüsse – und dieser Podcast ist bei jeder öffentlichen Sitzung des Brandenburger U-Ausschusses dabei. Respekt dafür!

Horst – die Podcast: Leider bisher erst 9 Folgen, darunter einige Live-Folgen vom G20, ich hoffe es geht dort weiter. Wo sie das erlebte des jeweiligen Tages verarbeitet.

kleinercast: Das Blogger*innen-netzwerk kleinerdrei macht einen feministischen Podcast – und was für einen! Hier wird von Schwangerschaft und Abtreibungen genauso reflektiert berichtet, wie von Wonder Woman oder dem “Ossi”-sein.

Neues vom Ballaballa-Balkan: Der Name ist eher seltsam, die Gegend ist es jedoch zumindest zur Zeit leider auch. Die beiden Journalist*innen berichten aus einer in Deutschland oft vernachlässigten Region. Sie beziehen dabei klare Position gegen die  Nationalist*innen in allen Ländern und machen sich damit bestimmt nicht nur Freund*innen.

Ruhig, Brauner!: Die letzte Folge ist leider aus dem Jahr 2016 und das Projekt damit wohl leider eingestellt. Trotzdem sind die Interviews alle sehr hörenswert. 17 Folgen klarer Antifaschismus.

Vox’s The Weeds: Links-liberal ist wohl die passendste Bezeichnung für diesen US-Podcast. Dennoch findet ihr hier alles über US-Politik, was ihr bestimmt immer schon wissen wolltet. Ich mein, wer interessiert sich nicht dafür, wie Obamacare aktuell und in Zukunft funktionieren wird.

Fokus Europa: Ein Podcast über Europa.Wissenschaftlich, sachlich jedoch auch klar pro-europäisch und politisch links. Interessante Interviews mit verschiedenen Wissenschaftler*innen.

Feuer und Brot: Zwei Frauen, beide vollkommen verschieden und doch beste Freundinnen. Sie reden über Feminismus und vieles mehr. Sie sprechen  Themen an, die (warum auch immer) in der Gesellschaft tabuisiert werden, wie etwa die Regelblutung, reden aber beispielsweise auch über aktuelle Ereignisse wie den Anschlag in Charlottesville.

Period (Fremdempfehlung): Emanzipiert und feministisch mit dem Hauptthema Menstruation. (englisch)

Crooked Media Podcasts: Ein Netzwerk, das seit ca. einem Jahr besteht und mehrere Podcasts produziert:

Zum einem Pod Saves America.Hier diskutieren ehemalige Mitarbeiter der Obama-Regierung mehrmals die Woche über die Lage in den USA. Dabei sind sie eindeutig parteiisch, denn allesamt sind klar progressive Demokraten.

Bei Pod Saves the World spricht der ehemaliger Sprecher des American National Security Council im Obama White House, Tommy Vietor, jede Woche mit einer interessanten Person über die amerikanische Außenpolitik aus linker Perspektive.

Der dritte Podcast im Bunde ist Pod Saves the People. DeRay Mckesson, Aktivist der Black-Lives-Matter-Bewegung, spricht über Bürgerrechte, Gerechtigkeit und Rassismus in den USA –mit interessanten Gästen, unterstützt von einem tollen Team.

Alle drei in Englisch.

Agitpod: Owen Jones, Labour-Aktivist und Journalist bei The Guardian, und Ellie Mae O’Hagan, Aktivistin bei Labour und ebenfalls Journalistin, sprechen in lockerer Atmosphäre über britische Politik aus linker Labour-Perspektive. Sie laden gerne Gäste zu sich ein, wie etwa den Drehbuchautor Armando Iannucci oder den ehemaligen Labour-Vorsitzenden Ed Milliband. Dabei sind sie meist albern und manchmal auch  etwas ernster.

Ebenfalls Englisch.

Intercepted(Fremdempfehlung): Weekly podcast with Jeremy Scahill, investigative reporter and war correspondent, co-founder of The Intercept.
Die erste Episode von Intercepted erschien Anfang 2017: «THE CLOCK STRUCK 13 on January 20, Donald Trump is the president of the United States, and episode one of Intercepted is here…»
Scahill spricht jede Woche mit unterschiedlichen Gästen über eine breite Palette von Themen, immer unter dem Motto «Exposing injustice and holding the powerful accountable».
Englischsprachig

Podcast der Mädchenmannschaft (Fremdempfehlung) „Servicewüste Feminismus

 

Ihr seid hier unter angekommen und euersuper gute, linke Podcast fehlt noch in dieser Sammlung? Schreibt ihn gerne in die Kommentare oder per Twitter an @stadtkontext.

 

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