Stadtkontext https://stadtkontext.de Samt im Getriebe Mon, 09 Apr 2018 12:11:21 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.5 134506318 Warum die Revolution nicht kommt – Eine sozialpsychologische Analyse über kollektives Wegschauen https://stadtkontext.de/warum-die-revolution-nicht-kommt-eine-sozialpsychologische-analyse-ueber-kollektives-wegschauen/ Tue, 20 Feb 2018 09:00:13 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2172 Die Tage werden dunkler. Fremdenfeindlichkeit, Menschenhass, ein Rekord an Gewalttaten gegen unerwünschte Minderheiten , allein in 2017 wurden 2500 politisch motivierte Straftaten gegen Juden und Muslime gezählt , und Mordfälle gehen auf das Konto des Rechtsrucks in Deutschland. Anfangs noch belächelt, sitzen deren Vertreter_innen mittlerweile im Bundestag. Und diejenigen, die die Bedrohung wahrnehmen, weil sie…

]]>
Die Tage werden dunkler. Fremdenfeindlichkeit, Menschenhass, ein Rekord an Gewalttaten gegen unerwünschte Minderheiten , allein in 2017 wurden 2500 politisch motivierte Straftaten gegen Juden und Muslime gezählt , und Mordfälle gehen auf das Konto des Rechtsrucks in Deutschland. Anfangs noch belächelt, sitzen deren Vertreter_innen mittlerweile im Bundestag. Und diejenigen, die die Bedrohung wahrnehmen, weil sie diese schon ganz real am eigenen Leib spüren mussten, haben Angst. Und zwar nicht nur vor den Nazis, sondern auch, weil die Öffentlichkeit sie ohne Protest gewähren lässt.

Nur 72 Jahre nach dem Ende des dritten Reichs finden 12,6 % der Wähler_innen, dass eine Ideologie, die unsägliches Leid gebracht und unzählige Menschen das Leben gekostet hat, wieder einen Platz im Bundesparlament bekommen soll. Der grenzenlose Hass wird öffentlich ausgelebt, Schamgrenzen scheint es schon lange keine mehr zu geben.

Man braucht nur mal einen Blick in soziale Medien zu werfen, um ein unmissverständliches Bild davon zu bekommen, und zu realisieren, wie die Sympathisant_innen und Mandatsträger_innen der AfD ticken (oder guckt mal hier: https://wir-sind-afd.de/ ). Da bleibt kein Raum mehr für Relativierungen, und da bleibt auch kein Raum mehr für Diskussionen ob es sich hier um Nazis handelt, oder nicht. Öffentliche Äußerungen, intensive Beziehungen zur rechtsextremen Szene und nicht zuletzt deren Parteiprogramm lassen hieran keinen Zweifel. Dass sie sich selbst nicht so bezeichnen, und auch nicht so bezeichnet werden wollen, tut dem keinerlei Abbruch. Wer wählt denn schon ein indiskutabel negativ besetztes Label, wenn man erfolgreich sein will? Also versuchen sie sich irgendwie anders zu etikettieren, und empören sich, wenn jemand es wagt sie beim Namen zu nennen. Aber die Lage ist längst klar. Und das war sie auch schon vor der Bundestagswahl.

Wie konnte es soweit kommen? Müssten sich nicht längst massive Proteste erheben – und zwar nicht nur aus der linken Szene – die so stark und entschlossen sind, dass sie eine schleichende Ausbreitung menschenverachtender Ideologien in der Bevölkerung unmöglich machen? Wie ist es möglich, dass die breite Masse dies stattdessen achselzuckend hinnimmt? Wer sich heute klar gegen rechts positioniert und findet, dass die Grundrechte eingehalten werden müssen, gilt ja mittlerweile vielerorts schon als linksextrem.

“Ich frag mich, warum so viel Leute wegschau’n, ist es Angst, Akzeptanz oder Ignoranz?”, fragt Irie Révoltés. Und weil mich diese Frage nicht loslässt, will ich versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Als erstes steht im Raum, warum dieser menschenfeindlichen Ideologie nicht einfach mit Logik und Argumenten beizukommen ist, so dass den Populist_innen für alle ersichtlich der Wind aus den Segeln genommen wird. Wer die Berichterstattung halbwegs aufmerksam verfolgt, wird wissen, dass es solche Bemühungen immer wieder gibt und gegeben hat, und zwar auf vielen Ebenen. Das Problem ist aber, dass einer Ideologie, einem Welt- und Menschenbild, das jede Logik ablehnt, mit Logik eben nicht beizukommen ist. Wenn die Anhänger_innen rechter Weltbilder logische Zusammenhänge akzeptieren und anwenden würden, hätte sich das Problem relativ schnell von selbst gelöst. Aber das tun sie nunmal nicht. Wir müssen also tiefer graben.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Soziale Akzeptanz und Zugehörigkeit zu einer Gruppe sind elementare Grundbedürfnisse für uns, weil sie unser Überleben sichern. Die Handlungsmotivation (oder auch die Motivation nicht zu handeln), die aus diesen Sicherheitsbedürfnissen hervorgeht, ist dementsprechend stark. Die Gesellschaft um uns herum beeinflusst unser Verhalten also nicht unerheblich, da wir grundsätzlich von ihr akzeptiert werden wollen. Dafür gibt es Mechanismen, die unser Verhalten entsprechend steuern:

  • Normativer Einfluss

Damit ist im Prinzip nichts anderes gemeint, als das was wir unter Gruppenzwang verstehen. Wir passen uns dem Verhalten der Menschen um uns herum an, weil wir nicht unangenehm auffallen wollen. Wir wollen schließlich keinen Ausschluss riskieren. Wenn also alle anderen nichts sagen, sag ich lieber auch nichts. Dieses Schweigen, weil alle anderen auch schweigen, wird öffentliche Compliance genannt.

  • Informationaler Einfluss

Umso schlechter wir über ein Thema informiert sind, desto stärker orientieren wir uns an den Informationen, die uns unser Umfeld anbietet. Dieser Mechanismus spielt auch bei der Entstehung und Empfänglichkeit von Vorurteilen eine wichtige Rolle. Und: Je öfter wir etwas lesen oder hören, für desto wahrer halten wir es. Wiederholung verschafft Gewicht.

Neben unserem direkten Umfeld orientieren wir uns aber auch an Personen, die wir als Expert_innen wahrnehmen. In diesem Fall können das z.B. prominente und beliebte Politiker_innen sein. Wenn die jetzt aber überwiegend keine deutlichen Warnungen aussprechen, sondern im Gegenteil die rechtspopulistische Rhetorik und Positionen übernehmen, dann ist das doppelt fatal: Nicht nur die Wahrnehmung der Bedrohung wird unterbunden, sondern die Reproduktion der populistischen Aussagen verleiht denselben mit jedem Mal mehr Gewicht und Glaubwürdigkeit.

Allerdings können auch andere Personen als Expert_innen wahrgenommen werden, zum Beispiel Menschen im direkten Umfeld, die sich politisch engagieren. Nur leider ist deren Reichweite häufig sehr begrenzt. Aber auch die Meinung beliebter Personen des öffentlichen Lebens wird häufig als allgemein relevant wahrgenommen, da vor allem attraktive berühmte Menschen oft als insgesamt kompetent eingeschätzt werden. Diese Personen könnten also ihre Reichweite im Kampf gegen den Rechtsruck nutzen. Für eine breite Glaubwürdigkeit muss allerdings der Kontext stimmen.

Unsere Umwelt übt starken Einfluss auf unser Verhalten aus

Beide Mechanismen bringen uns dazu, uns der Mehrheit anzupassen. Sie greifen zum Beispiel auch häufig in Situationen, in denen Zivilcourage gefordert ist. Nach dem Motto: Alle anderen bewerten die Situation so, dass kein Handlungsbedarf erforderlich ist. Wenn die das alle so sehen, haben sie wohl recht.

An dieser Stelle möchte ich kurz auf das Thema Sprache eingehen. Sprache und Denken stehen miteinander in permanenter Wechselwirkung. Wie wir reden, so denken wir, und wie wir denken, so reden wir. Die Sprache, mit der über ein Thema berichtet wird, hat also Konsequenzen für unsere Wahrnehmung. Ist nun in den Medien von “Flüchtlingswellen” oder “Einwanderungsflut” die Rede, ist das eine sprachliche Entmenschlichung. Plötzlich geht es nicht mehr um Menschen mit einer Lebens- und Leidensgeschichte, sondern um Sachen, gerne auch beunruhigende Sachen wie z.B. eine Flut. Es spielt also eine nicht unerhebliche Rolle, ob von notleidenden Menschen gesprochen wird, was empathische Gefühle in uns weckt, oder von einer Flut, was ein eher bedrohliches Bild in den Köpfen erzeugt. Entmenschlichung ist ein beliebtes manipulatives Mittel bei Rechtspopulisten, um unerwünschtes Mitgefühl zu unterdrücken, und stattdessen Furcht zu sähen.

Das funktioniert natürlich auch andersrum: Ereignisse und Täter_innen werden gezielt verharmlost, wie im Beispiel Freital, wo aus rechtsextremen Terroristen einfach Lausbuben gemacht werden.

Sprache formt unser Denken – und wird von Rechten ganz strategisch genutzt

Und schließlich sei hier nochmal daran erinnert, warum sich niemand “Nazi” nennen will, sondern lieber “Patriot” oder sonstwas. Negative Bilder vermeiden, und durch (vermeintlich) positive ersetzen ist die Devise. Und auch hier gilt: Wiederholung verschafft Glaubwürdigkeit. Wenn die Nazis nur oft genug wiederholen, sie seien die bürgerliche Mitte, glauben die Leute ihnen das irgendwann. Fake it ‘till you make it. Oder auch alles andere, was sie oft genug wiederholen, und was sich mit jedem Mal tiefer ins Gedächtnis gräbt. Diese simple Tatsache, auch Wiederholungseffekt genannt, ist daher unfassbar gefährlich.

Unsere Umwelt hat also einen nicht unerheblichen Einfluss auf unseren Umgang mit Informationen und unser Verhalten. Aber wir stehen uns auch oft selbst im Weg, wenn es darum geht, Informationen zu verarbeiten und zu bewerten.

Unser Gehirn begünstigt bequemes Denken

Grundsätzlich wollen wir Informationen immer realistisch bewerten und gleichzeitig mit uns selbst zufrieden sein, sprich ein positives, konsistentes Selbst- und Weltbild und Selbstwertgefühl erzeugen. Das sind die beiden Grundmotive des menschlichen Denkens.

Kommt es zu Widersprüchen zwischen Informationen und dem eigenen Weltbild, entsteht  ein unangenehmer Widerspruch, auch bekannt als kognitive Dissonanz. Um diesen Widerspruch möglichst schnell aufzulösen, gehen wir den den Weg des geringsten Widerstands: Die Informationen, die die Unstimmigkeit mit unserem bereits bestehenden, mühsam aufgebauten Weltbild verursachen, werden ganz einfach ignoriert. Was nicht sein darf, gibt es auch nicht. Zack, Problem gelöst! Das lässt sich auch sehr gut am Beispiel Polizeigewalt beobachten. Die Rechtfertigung und der Schutz der eigenen Sicht auf die Dinge ist plötzlich sehr viel wichtiger als das Bedürfnis nach realistischer Informationsbewertung. Diese Neigung ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt. Warum fällt es manchen Menschen schwerer als anderen, das eigene Weltbild auch mal zu korrigieren oder anzupassen? Weil es etwas mit der eigenen Identität zu tun hat. Ein Weltbild basiert immer auf einem Selbstbild. Umso mehr die “unpassenden” Informationen unsere Identität angreifen, desto verlockender ist die Lösung, sie einfach zu ignorieren. Ein Überdenken der eigenen Identität erfordert schon ein bisschen Courage, und würde ja ggf. bedeuten, dass wir zu dem Schluss kommen, dass unsere frühere Sicht und unser früheres Verhalten vielleicht falsch war. Diese Erkenntnis, und der ganze Prozess der Reflexion ansich, kann also durchaus unangenehme Wahrheiten zu Tage fördern und zu Inkonsistenzen führen. Und genau deswegen vermeiden das viele Menschen.

Es gibt noch einige weitere kognitive Stolperfallen, die in dieselbe Richtung deuten:

  • “Motivated reasoning”

Das bedeutet, wir nehmen neue Informationen so auf, dass negative Gefühle möglichst abgewendet und positive maximiert werden.

  • “Backfire effect”

Gute Argumente und Überzeugungsversuche können das Gegenteil bewirken, wenn die Werte um die es geht, besonders identitätsstiftend sind. Wird etwas identitätsstiftendes angegriffen, fühle ich mich in meinem Selbstwert herabgesetzt, ich nehme das ganze also als persönliche Kränkung wahr.

  • Partisan Bias / reaktive Abwertung

Eine Wahrnehmungsverzerrung zugunsten der eigenen Bezugsgruppe. Um den Bestand der eigenen Gruppe zu schützen, werden Widersprüche beim Gegner strenger bewertet als in der eigenen Gruppe. Das kann soweit gehen, dass Informationen, die vom Gegner kommen, von vornherein gänzlich ignoriert werden.

  • Confirmation Bias

Der klassische Bestätigungsfehler. Informationen werden so selektiert und interpretiert, dass sie die eigene Meinung bestätigen. Auch hier geht es um den Schutz des Selbstbildes.

Einige dieser Wahrnehmungsverzerrungen machen es unter Umständen schwierig, argumentativ zu punkten. Das ist knifflig, und äußerst unglücklich. Man muss versuchen zu unterscheiden, ob das Thema für den_die Gesprächspartner_in besonders identitätsstiftend ist, und somit eher ein negativer Effekt zu befürchten ist. Oder, ob es sich eher um “einfache” Vorurteile handelt, die keinen engeren Identitätsbezug haben. In dem Fall ist der argumentative Ansatz nach wie vor der richtige.

Den Ausschlag, was wir wie wahrnehmen und was nicht, gibt also oft der Bezug zur eigenen Identität. Jetzt stellt sich die Frage: Wodurch wird denn Identität erzeugt? Das ist individuell natürlich sehr verschieden, weil jeder Mensch einzigartig ist. Aber hier unterhalten wir uns ja über Dinge, die für eine ganze Reihe an Menschen – nämlich für die breite schweigende Masse der deutschen Gesellschaft – einen Identifikationscharakter haben müssen, der dazu führt, dass unangenehme Wahrheiten über die Entwicklung eben dieser Gesellschaft als Angriff auf die eigene Identität und auf die eigene Gruppe empfunden werden.

Da kommen mir zum Beispiel die sogenannten Preußischen Tugenden in den Sinn, die gerade bei den älteren Generationen nach wie vor einen hohen Stellenwert haben. Fleiß, Geradlinigkeit, Pünktlichkeit, Ordnungssinn, Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewusstsein, Sauberkeit – alles wunderbar positiv besetzte Begriffe, mit denen man sich doch gerne identifiziert und sich zu Eigen macht, als Zugehörige zu einer Gesellschaft, die diese herausragenden Eigenschaften hervorgebracht hat. Das Praktische daran ist, dass es ja schon ausreicht, zufällig in diese Gesellschaft hineingeboren zu werden, um sich diese Eigenschaften direkt zuzuschreiben und das Selbstbild darauf aufzubauen. Gleichwohl sind diese Werte unter jüngeren Menschen nicht mehr so verbreitet, da ihnen heute viele Alternativen zur Verfügung stehen, die besser zum Zeitgeist passen und die versuchen, ein bisschen weniger offensichtlich daher zu kommen. Da feiert man sich zum Beispiel für die deutsche Ingenieurskunst ab, vollkommen unreflektiert woher dieser “Wert” eigentlich kommt, oder man läuft zur Höchstform auf, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren irgendwo irgendein Spiel absolviert, weil das sind ja “wir”, äh, oder so.

Kurz: alles was Menschen “stolz auf Deutschland” macht, oder gefühlt mit dem Nationalkonstrukt Deutschland verbindet, spielt hier höchstwahrscheinlich eine identitätsstiftende Rolle, die dazu führt dass Kritik an der deutschen Gesellschaft ganz easy ignoriert wird. Je häufiger dieses Motiv “deutsch” im Selbstbild einer Person auftaucht, desto schwerer wiegt es natürlich – allein Fan der deutschen Nationalelf zu sein, reicht in der Regel noch nicht aus, um sein Selbstbild auf der Zugehörigkeit zu einer nationalen Gesellschaft aufzubauen.

 

Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nix kannst

Dann sei doch einfach Stolz auf dein Land – Kraftklub

 

Glücklicherweise kann sich Selbstwert aber zu nicht unerheblichen Teilen aus anderen, und mehreren verschiedenen Dingen speisen, als aus Zugehörigkeit zu einer Nationalität. Das setzt aber voraus, dass genügend Alternativen zur Verfügung stehen. Andernfalls ist das Risiko groß, dass Menschen auf diese leicht verfügbaren Werte zurückgreifen.

Für viele Menschen ist zum Beispiel ihr Beruf eine wichtige Identifikations- und Selbstwertquelle. Schließlich nimmt der Job auch einen großen Teil unserer Lebenszeit ein. Aber was, wenn man keine Arbeit mehr hat, und man vielleicht in einer Gegend lebt, in der es kaum noch Arbeit gibt, oder man nicht arbeiten kann? Damit kann ein großes Stück an Selbstwert wegbrechen, der dann mit anderen Werten kompensiert werden muss. Dass das Selbstwertgefühl unter dem Verlust der Arbeit leidet ist ohnehin längst bekannt, und außerdem ein wichtiger, ernstzunehmender Grund für gesundheitliche Probleme.

Der Faktor Arbeit hat allerdings gerade für jüngere Menschen für die Identifikation deutlich an Bedeutung verloren. Zwar gibt es selbstverständlich nach wie vor auch junge Menschen, die tatsächlich ihren Traumberuf erreicht haben, darin aufgehen und diesen entsprechend als wichtigen Teil ihres Selbst begreifen. Auf der anderen Seite ist es natürlich schwer, sich mit seinem Job zu identifizieren, wenn man gar nicht weiß, wie lange man überhaupt noch für die Firma arbeitet… Und: bei Weitem nicht jeder Job bietet das Potential zur Selbstverwirklichung, sondern ist vielleicht einfach nur ein Job, der im besten Fall die Miete bezahlt. Arbeit als Quelle des Selbstwerts und der Identifikation trifft also auch nur bedingt zu.

Junge Menschen suchen die Selbstverwirklichung deshalb häufig eher in sinnstiftenden Tätigkeiten oder Hobbies. Vor allem die Pubertät ist eine besonders prägende Phase für die Persönlichkeitsentwicklung. Teenager*innen probieren sich aus, wollen Talente und Fähigkeiten entdecken, wollen wissen wer sie sind, und in welchem Umfeld sie sich wohlfühlen. Dafür brauchen sie Möglichkeiten und Angebote. Wenn jetzt in dem Ort aber keine Freizeitangebote, keine Sportvereine, keine Möglichkeit ein Musikinstrument zu lernen oder mit einer Band zu proben vorhanden sind, dann entsteht auch hier ein Vakuum der fehlenden Identifikationsmöglichkeiten, der Persönlichkeitsentwicklung, des Selbstbildes, welches gefüllt werden muss. Und jetzt nehmen wir mal an, es gibt immerhin (genau) einen Sportverein, dann hat dieser für viele Jugendliche im Ort eine elementare Bedeutung als Freizeitangebot, über den sie dann effektiv und gezielt angesprochen werden können. Für Rechte ist es eine Steilvorlage, diesen Verein zu vereinnahmen und für sich als direkten Kanal und Ideologiemultiplikator zu verwenden. Sie machen sich genau diese Leere zu nutze, und bieten den Jugendlichen so gleich zwei identitätsstiftende Inhalte: Sport und ein rechtsextremes Weltbild, was auf den o.g. leicht verfügbaren nationalidentitären Werten beruht. Beides, gerade in Kombination ist bestens geeignet um Zugehörigkeit, Zusammenhalt und Identität zu erzeugen. Zack: Selbstbild, Selbstwert.

Wir stellen also fest, dass fehlende Identifikationsalternativen Raum erzeugen, der sowohl direkt als auch indirekt mit leicht verfügbaren Werten gefüllt wird – Werte, die man sich auch ohne Eigenleistung einfach zuschreiben kann, wie z.B. Dinge, die auf der eigenen Herkunft basieren. Und zwar auf der möglichst nahen, der, die am direktesten erlebt wird. Ansonsten kann man sich ja die Frage stellen, warum Herkunft nicht auch mit einer internationalen kollektiven Identität wie z.B. ‘europäisch’ assoziiert wird, was ja schon mit ganz anderen Werten aufgeladen ist, als die nationale Herkunft. Aber sie ist auch abstrakter. Denn: je direkter erlebbar, desto Identität.

Diese Gesamtsituation und die kognitiven Mechanismen dahinter erklären zumindest einen Teil der wegschauenden, schweigenden Masse: Sie identifizieren sich unbewusst (oder sogar bewusst, aber dann schweigen sie oft auch nicht) mit denselben Werten, die von den Rechtsextremen genutzt und bis ins Groteske gesteigert, ausgeschmückt und verzerrt werden.

Aber trifft das wirklich auf all die Menschen zu, die jetzt schweigen? Das wäre schon sehr erschreckend, und meiner Meinung nach auch viel zu einfach, weil diese “Vakuumzustände” eben nur bestimmte Teile der Gesellschaft betreffen. Insbesondere junge Menschen, die in urbanen Räumen leben, haben eher nicht mit mangelnden Angeboten zur Persönlichkeitsentfaltung zu kämpfen.

Ich persönlich habe eine andere subjektive Beobachtung, was sie davon abhält ihre politische Stimme zu erheben: Viele junge Menschen aus meinem Umfeld sind einfach vollkommen aus- oder überlastet damit, in der Leistungsgesellschaft irgendwie den Kopf über Wasser zu halten. Studium, Praktika, und der Lebensunterhalt muss auch irgendwo herkommen – da bleibt am Ende nicht mehr viel Energie, die noch für irgendwas verwendet werden kann. Oder die Überstunden fressen den letzten Rest Privatleben auf, die man hinnimmt, weil man Angst hat, dass der Arbeitsvertrag andernfalls nicht nochmal um wenigstens ein paar Monate verlängert wird. Oder ich mache in meiner Freizeit im Namen der grenzenlosen Selbstoptimierung die nächste Weiterbildung, damit ich vielleicht Chancen habe, bei der nächsten Beförderung nicht übergangen zu werden. Oder ich hab schon eine Ausbildung abgebrochen, danach ein Studium, und verzweifle unter dem Druck irgendwas auf die Kette kriegen zu müssen. Die kapitalistische Leistungsgesellschaft fordert vielen von uns dermaßen viel ab, dass kaum Energie bleibt, um sich mit anderen Problemen zu beschäftigen.

Eine weitere Erklärung für das politische “Kopf in den Sand stecken” können aber auch Gefühle der Ohnmacht sein, also eher eine Art politische Schockstarre als ein Wegschauen. Mit Sicherheit gibt es Menschen da draußen, die die Situation sehr wohl als bedrohlich empfinden und Handlungsbedarf sehen, denen aber der konkrete Anlaufpunkt fehlt, weil sie keine Kontakte haben oder Strukturen fehlen, an die sie sich wenden können. Oder sie haben schlicht reelle Angst sich zu äußern, weil es da, wo oder wie sie leben mittlerweile angebracht ist, Angst zu haben.

Es gibt aber auch noch eine andere Erklärung fürs Nichtstun: Manche Leute sind einfach selbstgefällige, ignorante, egozentrische Arschlöcher, denen es einfach scheißegal ist, was um sie herum passiert. Die ihre kleingeistige “mein Haus, mein Auto, mein Vorgarten”-Mentalität so lange weiterleben, bis die Nazis vor ihrer Tür stehen und ihnen alles wegnehmen, oder so lange ihr Leben eben dauern mag.

So weit, so ernüchternd. All diese Eigenschaften des menschlichen Denkens erwecken den Anschein, der Mensch sei geradezu dafür geschaffen sich alles schönzureden und dann ins Verderben zu stürzen. Unser Gehirn verbraucht etwa 20% unseres täglichen Energiebedarfs. Sich entgegen dieser kognitiven Mechanismen zu verhalten kostet jedes Mal Energie, weil man jedes Mal aktiv nachdenken muss. Ihnen nachzugeben geht von ganz alleine und kostet gar nichts.

Und was jetzt? Wie gehen wir damit jetzt um? Gibt es noch Grund zur Hoffnung, oder können wir nur noch zusehen, wie alles den Bach runtergeht, wenn auch die letzten engagierten Menschen aus purer Erschöpfung und Angst den Kampf gegen rechts einstellen?

So sehr es mich schmerzt, aber ich habe darauf keine Antwort. Höchstens ein paar Ideen und Ansätze, die vielleicht helfen würden, mehr Menschen zu erreichen.

Als erstes: Struktureller Aufbau! Sowieso, aus so vielen Gründen. Menschen brauchen Angebote, sowohl beruflich als auch privat. Erst dadurch entsteht wirklicher Lebensraum. Nur so können Menschen ihr Potential entfalten, sich verwirklichen, und Glück und Zufriedenheit erreichen – die beste Prävention gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit überhaupt. Durch strukturelle, kulturelle und wirtschaftliche Armut wird der Nährboden für eine gesunde persönliche Entwicklung entzogen, und Raum für destruktives entsteht. Ganze Regionen wirtschaftlich, strukturell und kulturell erodieren zu lassen, ist eine politische Verantwortungslosigkeit sondergleichen. Das ist eine langfristige Aufgabe der Politik, die dringend in Angriff genommen werden muss, um den Ursachen für die Verbreitung rechter Ideologien das Wasser abzugraben.

Um kurzfristig mehr Menschen zu mobilisieren, könnte etwas anderes helfen: Bewegungen funktionieren, wenn sie Symbole oder Gallionsfiguren haben. Weil – Achtung: Sie haben Identifikationspotential. Wir brauchen viel mehr Personen, die in der breiten Masse Akzeptanz und hohes Ansehen genießen, die sich öffentlich äußern und Position beziehen. Mit Reichweite, Aufmerksamkeit, und Akzeptanz kann der informationale Einfluss (s.o.) zum Vorteil genutzt werden – beliebte Promis können helfen, die Wahrnehmung von Ereignissen in der Bevölkerung zu beeinflussen. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob diese Personen tatsächlich Expert_innen sind; entscheidend ist vielmehr, wie die Bevölkerung diese Personen wahrnimmt. Wer beliebt ist, dessen Meinung ist auch akzeptiert. In den USA ist es viel üblicher, dass Prominente sich politisch positionieren, als in Deutschland. Hier hält man sich aus diesen Themen lieber raus, aus Angst ein Image zu bekommen, das man nicht mehr los wird, oder es sich mit den “falschen” einflussreichen Leuten zu verscherzen. Auch schon wieder erschreckend, und ganz aktuell im Rahmen der metoo-Debatte zu beobachten. Tja, was soll ich sagen, es sieht nicht gut aus.

Und wie beantworten wir jetzt die Frage, warum so viele Leute wegschauen? Es IST Akzeptanz, es IST Ignoranz, aber es ist auch Ohnmacht, fehlende Energie und Überforderung, und Angst.

Abschließend möchte ich euch noch eine Sache ans Herz legen: Achtet darauf, was ihr verbreitet. Denkt immer daran: Wiederholung verschafft Gewicht. Es ist schwierig, abzuwägen, wann man mit der Verbreitung rechter Aktivitäten durch gesteigerte Empörung eventuelle positive Effekte erzielen kann, und wann man eigentlich nur die Reichweite derer erhöht, den Inhalt reproduziert, und ihnen voll in die Karten spielt. Das menschliche Gehirn funktioniert nunmal so, ob wir das wollen oder nicht. Und die Rechten wissen das für sich zu nutzen; ihre ganze Strategie der Provokation von Aufmerksamkeit baut genau darauf auf, und funktioniert bis jetzt leider hervorragend.

Sämtliche Aktivitäten von rechts zu ignorieren ist aber ebensowenig eine gute Idee, wie wir wissen. Der beste Weg ist wohl, Inhalte vor allem nicht unkommentiert und uneingeordnet zu verbreiten, auf die Macht der Sprache zu achten , und natürlich keine direkten Retweets oder Reposts zu machen, die den Accounts und den Personen dahinter nur helfen.

Mein hashtag dazu: #dontspreadhate !

In diesem Sinne: Haltet zusammen, gebt aufeinander acht und bleibt standhaft. <3

 

Quellenverweis: “Sozialpsychologie” Aronson, Wilson, Akert, (2014) Pearson Deutschland

 

tl, dr:

  • Informationen, die unser Selbstbild, also unsere Identität und unseren Selbstwert angreifen, blenden wir mit Vorliebe aus.
  • Selbstbilder, Identität und Selbstwert brauchen Angebote wie z.B. Arbeitsplätze und Kultur, um sich zu entwickeln. Fehlen sie, greifen Menschen oft zu leicht verfügbaren Werten – wie der nationalen Herkunft.
  • Alles, was die Identifikation mit der nationalen Herkunft unterstützt, führt dazu, dass Kritik an der deutschen Gesellschaft von diesen Menschen ignoriert wird, da sie sich und ihre Gruppe dadurch angegriffen fühlen.
  • Andere Gründe fürs Schweigen können Ohnmacht, fehlende Energie oder natürlich Angst sein.
  • Um rechte Ideologien zu bekämpfen, müssen Regionen, die wirtschaftlich und kulturell erodiert sind wieder zu richtigen Lebensräumen mit Angeboten werden, damit kein Vakuum des Selbstwertes entsteht, das dann mit leicht verfügbaren, nationalen Werten gefüllt wird.
  • Um mehr Menschen zu erreichen und zu mobilisieren, braucht es mehr beliebte, prominente Personen, die sich positionieren, und der Bevölkerung so eine Möglichkeit zur Identifikation mit einer politischen Meinung anbieten.
  • #dontspreadhate ! Denn: Wiederholung verschafft Gewicht! So funktioniert das menschliche Gehirn.

 

Flattr this!

]]>
2172
Podcast, “das neue Medium”, gibt es da auch etwas von Links? https://stadtkontext.de/podcast-das-neue-medium-gibt-es-da-auch-etwas-von-links/ Thu, 11 Jan 2018 17:36:05 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2121 Ich schreibe diesen Beitrag, da zwar die dritte Welle der Podcasts angebrochen ist, mir aber persönlich eine Sammlung der Podcasts fehlt, die sich selbst politisch dezidiert links einordnen. Mit links ist hier klar links der Mitte gemeint, was Podcasts wie den aktuellen Shootingstar “Lage der Nation” ausschließt. Dieser ist zwar ein politischer Podcast, jedoch der…

]]>
Ich schreibe diesen Beitrag, da zwar die dritte Welle der Podcasts angebrochen ist, mir aber persönlich eine Sammlung der Podcasts fehlt, die sich selbst politisch dezidiert links einordnen. Mit links ist hier klar links der Mitte gemeint, was Podcasts wie den aktuellen Shootingstar “Lage der Nation” ausschließt. Dieser ist zwar ein politischer Podcast, jedoch der gesellschaftlichen Mitte zuzuordnen. Das ist nicht unbedingt schlimm, aber soll einfach helfen, die linkeren Podcasts zu finden. Die Beschreibungen sind mit einem Augenzwinkern zu lesen, jeder nicht-rechte Podcast ist wichtig, nicht rechts ist aber ungleich links.

Ich möchte hier auch eine Kritik an die linken (etablierten) Medien in Deutschland richten, denn im Gegensatz zu Zeit, Deutschlandfunk und Spiegel Online haben sie es nicht geschafft, eigene Podcasts aufzubauen, was ich persönlich sehr schade finde.

Andererseits fände ich ein Medienkollektiv von Podcasts und anderen linken Medienvertreter*innen außerhalb der aktuellen Institutionen wirklich schön. Wir haben einen politischen Rechtsruck in Deutschland, welcher gleichzeitig mit einer immer stärkeren Repression seitens des Staates gegenüber linken Projekten einhergeht. Dies beides sollte zum einen so kritisch wie möglich begleitet wie auch mit neuen positiven Zukunftsaussichten bekämpft werden. Ich weiß: Wunschträume. Aber wir haben Anfang des Jahres, da darf sich 1 doch mal was wünschen.

Logbuch: Netzpolitik: Sicher der Klassiker in Sachen politischer Podcasts. Netzpolitik ist Innenpolitik und Kritik an dieser ist dringend notwendig. Dies ist ein linker, vielleicht sogar ein linksradikaler Podcast auch wenn manche Hörer*innen sich dem vielleicht nicht bewusst sind.

Das Freie Sender Kombinat(Fremdempfehlung): Aus Hamburg ist eher ein Klassiker, freies und nichtkommerzielles Radio für in Hamburg und um Hamburg herum. Aber auch zum später anhören gibt es einige Sendungen auf der Seite.

Lauschpod: Ein Podcast aus Hamburg – inoffiziell spätestens seit der Entscheidung, ein “Fest der Demokratie” aka eine gescheiterte Bürgerkriegsübung in Hamburg stattfinden zu lassen, der Vor- und Nachbereitungspodcast zu G20. Aber auch andere linke Themen werden behandelt, hauptsächlich mit Bezug Hamburg.

Metrolaut: Ein leider viel zu selten erscheinendes Format, welches immer mal wieder Interviews mit Aktivist*innen führt oder sich auch mal mitten ins Geschehen begibt, um zu berichten, egal ob der Ort Taksim-Platz in Istanbul oder das Wendtland heißt.

Die Anachronistin: Hier wird das Leben des Widerstandskämpfers Theo Hespers und seiner Nachfahren beschrieben. Ein historischer Podcast, welcher gut zeigt, wie sich das Leben für die geändert hat, die nicht einverstanden waren und dies auch gezeigt haben. Geschichtsunterricht, wie er sein sollte!

The Red Line: Unser Eigengewächs und mein eigener Podcast: Internationale Politik mit einem Standpunkt und trotzdem natürlich immer mit Fakten unterlegt. Hier geht es mal um die USA, aber genauso auch um Äthiopien oder Simbabwe.

Gesprächsaufklärung: Um es klar zu sagen: Der NSU waren nicht nur die drei bekannten Personen und die Geheimdienste des Bundes haben (absichtlich?) bei der Überwachung der rechtsradikalen Szene versagt. Daraufhin folgten verschiedene Untersuchungsausschüsse – und dieser Podcast ist bei jeder öffentlichen Sitzung des Brandenburger U-Ausschusses dabei. Respekt dafür!

Horst – die Podcast: Leider bisher erst 9 Folgen, darunter einige Live-Folgen vom G20, ich hoffe es geht dort weiter. Wo sie das erlebte des jeweiligen Tages verarbeitet.

kleinercast: Das Blogger*innen-netzwerk kleinerdrei macht einen feministischen Podcast – und was für einen! Hier wird von Schwangerschaft und Abtreibungen genauso reflektiert berichtet, wie von Wonder Woman oder dem “Ossi”-sein.

Neues vom Ballaballa-Balkan: Der Name ist eher seltsam, die Gegend ist es jedoch zumindest zur Zeit leider auch. Die beiden Journalistinnen berichten aus einer in Deutschland oft vernachlässigten Region. Sie beziehen dabei klare Position gegen die  Nationalistinnen in allen Ländern und machen sich damit bestimmt nicht nur Freund*innen.

Ruhig, Brauner!: Die letzte Folge ist leider aus dem Jahr 2016 und das Projekt damit wohl leider eingestellt. Trotzdem sind die Interviews alle sehr hörenswert. 17 Folgen klarer Antifaschismus.

Vox’s The Weeds: Links-liberal ist wohl die passendste Bezeichnung für diesen US-Podcast. Dennoch findet ihr hier alles über US-Politik, was ihr bestimmt immer schon wissen wolltet. Ich mein, wer interessiert sich nicht dafür, wie Obamacare aktuell und in Zukunft funktionieren wird.

Fokus Europa: Ein Podcast über Europa.Wissenschaftlich, sachlich jedoch auch klar pro-europäisch und politisch links. Interessante Interviews mit verschiedenen Wissenschaftler*innen.

Feuer und Brot: Zwei Frauen, beide vollkommen verschieden und doch beste Freundinnen. Sie reden über Feminismus und vieles mehr. Sie sprechen  Themen an, die (warum auch immer) in der Gesellschaft tabuisiert werden, wie etwa die Regelblutung, reden aber beispielsweise auch über aktuelle Ereignisse wie den Anschlag in Charlottesville.

Period (Fremdempfehlung): Emanzipiert und feministisch mit dem Hauptthema Menstruation. (englisch)

Crooked Media Podcasts: Ein Netzwerk, das seit ca. einem Jahr besteht und mehrere Podcasts produziert:

Zum einem Pod Saves America.Hier diskutieren ehemalige Mitarbeiter der Obama-Regierung mehrmals die Woche über die Lage in den USA. Dabei sind sie eindeutig parteiisch, denn allesamt sind klar progressive Demokraten.

Bei Pod Saves the World spricht der ehemaliger Sprecher des American National Security Council im Obama White House, Tommy Vietor, jede Woche mit einer interessanten Person über die amerikanische Außenpolitik aus linker Perspektive.

Der dritte Podcast im Bunde ist Pod Saves the People. DeRay Mckesson, Aktivist der Black-Lives-Matter-Bewegung, spricht über Bürgerrechte, Gerechtigkeit und Rassismus in den USA –mit interessanten Gästen, unterstützt von einem tollen Team.

Alle drei in Englisch.

Agitpod: Owen Jones, Labour-Aktivist und Journalist bei The Guardian, und Ellie Mae O’Hagan, Aktivistin bei Labour und ebenfalls Journalistin, sprechen in lockerer Atmosphäre über britische Politik aus linker Labour-Perspektive. Sie laden gerne Gäste zu sich ein, wie etwa den Drehbuchautor Armando Iannucci oder den ehemaligen Labour-Vorsitzenden Ed Milliband. Dabei sind sie meist albern und manchmal auch  etwas ernster.

Ebenfalls Englisch.

Intercepted(Fremdempfehlung): Weekly podcast with Jeremy Scahill, investigative reporter and war correspondent, co-founder of The Intercept.
Die erste Episode von Intercepted erschien Anfang 2017: «THE CLOCK STRUCK 13 on January 20, Donald Trump is the president of the United States, and episode one of Intercepted is here…»
Scahill spricht jede Woche mit unterschiedlichen Gästen über eine breite Palette von Themen, immer unter dem Motto «Exposing injustice and holding the powerful accountable».
Englischsprachig

Podcast der Mädchenmannschaft (Fremdempfehlung) „Servicewüste Feminismus

 

Ihr seid hier unter angekommen und euersuper gute, linke Podcast fehlt noch in dieser Sammlung? Schreibt ihn gerne in die Kommentare oder per Twitter an @stadtkontext.

 

Flattr this!

]]>
2121
Nachberichterstattung zum Protest rund um den AfD-Parteitag https://stadtkontext.de/nachberichterstattung-zum-protest-rund-um-den-afd-parteitag/ Mon, 04 Dec 2017 16:11:22 +0000 http://stadtkontext.de/?p=2082 Nachberichterstattung Protest gegen den AfD Parteitag Hier fassen wir unsere Berichterstattung zu den Protesten des AfD-Parteitages zusammen Am zweiten Dezember startete der Bundesparteitag der AfD in Hannover. Der Gegenprotest wurde von einem großen und aktivem Bündnis angemeldet. Neben den Linken Parteien, Jugendorganisationen, den Gewerkschaften auch das Bündnis “Nationalismus ist keine Alternative” und Antifa-Gruppen wie die…

]]>

Nachberichterstattung Protest gegen den AfD Parteitag

Hier fassen wir unsere Berichterstattung zu den Protesten des AfD-Parteitages zusammen

  1. Am zweiten Dezember startete der Bundesparteitag der AfD in Hannover. Der Gegenprotest wurde von einem großen und aktivem Bündnis angemeldet. Neben den Linken Parteien, Jugendorganisationen, den Gewerkschaften auch das Bündnis “Nationalismus ist keine Alternative” und Antifa-Gruppen wie die Bremer Basisgruppe Antifaschismus.
  2. Der Plan der Aktivist*innen war den Parteitag der AfD zu blockieren oder ihnen zumindest die Anreise so schwerig wie möglich zu machen. Da der Parteitag der AfD rund eine Stunde später begonnen hat und viele Mitglieder sich bei ihrer Anreise durch Büsche und Gestrüpp schlagen musste, hat dieses Vorhaben funktioniert.
  3. Im Einsatz waren insgesamt drei Finger, ein queerfeministischer Lila-Finger, ein Oranger-Finger unter dem Motto “Refugees Welcome”, der rote Antikapitalistische-Finger und der grüne Antifaschistische-Klima-Finger. Ab hier werden diese nur noch kurz mit ihren Farben bezeichnet.
  4. Bei der Ankunft am Hauptbahnhof, kurz nach 6 Uhr, wurde schon klar, die Polizei hat ordentlich aufgefahren.
  5. 0613 also 26 Wannen vor dem hbf, darunter schwarze der bpol #h0212
  6. 6:26 #h0212 #Zooviertel hohe Polizeipräsenz, Treffpunkt im Quasikessel.
  7. Trotzdessen konnten alle Finger laufen und gegen 8 Uhr stand fest, die Blockaden stehen fest rund um das Kongresszentrum Hannover. Der Lila-Finger war sogar in Sichtweite und immer wieder mussten AfDler*innen sich neue Wege suchen.
  8. #h0212 0813 Blockade Zoo der erste Afdler muss abdrehen Blockade steht mit 300 Menschen.
  9. Der AfD Bundesparteitag beginnt mit einer light show und rund einer Stunde verspätet! #dankeantifa #0212noafd #h0212
  10. 0844 #h0212 queerfem. Finger steht in Sichtweite des Kongresszentrums https://t.co/9Ghhb25t4s

    0844 #h0212 queerfem. Finger steht in Sichtweite des Kongresszentrums pic.twitter.com/9Ghhb25t4s
  11. 0840 Blockaden aktuell: @nika_kampagne Schackstraße Ecke Gneisenau (Ost-Zufahrt zum HCC) Rot: Theodor-Heuss-Platz (Platz vorm HCC) Lila: Adenauerallee (Nordzufahrt) Orange: Clausewitzstraße / Hans-Böckler-Alle braucht Unterstützung#0212noafd #NoAfD #AfDbpt #H0212
  12. Jedoch waren die Polizist*innen und ihre Einsatzleitung nicht so glücklich darüber. So wurde einem Aktivisten, der sich angekettet hatte, beide Unterschenkel gebrochen.
  13. Inakzeptable #Polizeigewalt beim #AfDBpt einem Mann, der sich für eine Aktion angekettet hatte, wurden von der Polizei schreckliche Knochenbrüche zugefügt. #h0212 (Auszug via Patricia Hecht @taz_news vom 02.12.2017) https://t.co/nZ5SIFs656

    Inakzeptable #Polizeigewalt beim #AfDBpt einem Mann, der sich für eine Aktion angekettet hatte, wurden von der Polizei schreckliche Knochenbrüche zugefügt. #h0212 (Auszug via Patricia Hecht @taz_news vom 02.12.2017) pic.twitter.com/nZ5SIFs656
  14. Eine Blockade wurde währenddessen mit Wasserwerfer geräumt und dies bei Temperaturen um 0°C herum. Auch hier wurden die Gesundheit der Aktivist*innen, unserer Meinung nach, unberechtigter Weise gefährdet.
  15. 0934 Blockade gneisenaustr. Cops drohen Räumung mit Wasserwerfer bei Temperaturen um die 0*c Parlamentarische Beobachter vor Ort #h0212
  16. 0940 letzte Aufforderung geht auch an die Presse #h0212
  17. Die Cops greifen die Blockade an der Schackstr. an! Finger weg! #wrongsideofhistory #h0212 #0212noafd https://t.co/PxyzBNCub7

    Die Cops greifen die Blockade an der Schackstr. an! Finger weg! #wrongsideofhistory #h0212 #0212noafd pic.twitter.com/PxyzBNCub7
  18. 1000 Wanderkessel und Festnahme #h0212
  19. Die Arbeit der parlamentarischen Beobachter*innen von Die Linke und B90/die Grünen wurde durch die Polizei auch erschwert.
  20. Wurde grade mit einem Platzverweis belegt weil ich mich nach der Dienstnummer eines Beamten erkundigt habe… #noafd #H0212
  21. Ab 11.30 Uhr, begann dann die Auftaktkundgebung der Großdemo gegen die AfD. Hier blieb mir besonders die Rede von Marianne Winkler im Gedächtnis. Ihre Familie wurde zum Teil Opfer des Nationalsozialistischen Regiems.
  22. 11:40 Gerade redet auf der Auftaktveranstaltung der #noafd Demo sie kritisiert dien Verfassungsschutz und fordert Solidarität mit den Opfern des Faschismus und Geflücheten.tränen in den Augen. #h0212
  23. Ab 13 Uhr lief die Demo, mit rund 8000 Menschen, loß. Der vordere Block aufgestellt vom NIKA-Bündnis musste dabei durchgehend im Spalier laufen. An den Seiten standen immer wieder Wasserwerfer, Räumpanzer und posende Cops.
  24. 1340 Demo stoppt um gegen den Lauf im Spalier des nika-Blogs #h0212
  25. #H0212 #0212NoAfD Knapp 8.000 in #Hannover auf der Straße gegen den #AfDBpT. Mit dabei ein fetter Block der @nika_kampagne #nikapic.twitter.com/vgXyjS6YgP
  26. Wir hassen Faschismus so sehr, dass wir uns einen Samstag Morgen im Dezember mit Wasserwerfer beschiessen lassen. #h0212#0212noafd
  27. Wie gesagt, alles in allen eine erfolgreiche Aktion, danke an alle Aktivst*innen. Zur AfD bleibt zu sagen sie ist noch weiter nach Rechts gerückt, hatte unserer Meinung nach ja nie einen Platz in der demokratischen Ordnung. Grüße gegen diesen Parteitag und an die Aktivist*innen gab es auch aus dem Bremer Weserstadion.
  28. Einen weiteren Bericht von @SWeiermann findet ihr hier:

Flattr this!

]]>
2082
Spontandemo in Bremen am 25.09.17 https://stadtkontext.de/spontandemo-in-bremen-am-25-09-17/ Mon, 25 Sep 2017 06:58:42 +0000 http://stadtkontext.de/?p=1990 Wir wollen hiermit auf die Veranstaltung des Bündnis gegen Rassismus und Rechtspopulismus Bremen hinweisen, die relativ spontan heute Abend stattfinden wird. Das Wahlergebnis mit dem Einzug einer faschistischen Partei in den Bundestag am 24.09.17 hat uns alle ziemlich mitgenommen. Vielleicht ist diese Zusammenkunft heute Abend ein erster Anstoß zusammen zu kommen, Solidarität zu zeigen, den…

]]>
Wir wollen hiermit auf die Veranstaltung des Bündnis gegen Rassismus und Rechtspopulismus Bremen hinweisen, die relativ spontan heute Abend stattfinden wird. Das Wahlergebnis mit dem Einzug einer faschistischen Partei in den Bundestag am 24.09.17 hat uns alle ziemlich mitgenommen. Vielleicht ist diese Zusammenkunft heute Abend ein erster Anstoß zusammen zu kommen, Solidarität zu zeigen, den Protest auf die Straße zu tragen, aber auch sich zu vernetzen und Bündnisse für die kommende Zeit zu schaffen. Sagt allen Bescheid, euren Freund*innen, Sozialen Netzwerken, eurer Familie, euren Arbeitskolleg*innen… Wir sind nicht allein.

 

Demonstration am Montag, den 25.09.17 um 18:00 auf der Kreuzung Am Brill in Bremen

 

Gegen den Rechtsruck in Deutschland! Unsere Alternative heißt Solidarität! Spontandemo in Bremen: Montag, 25.09., 18:00, Am Brill (Klick auf das Bild führt zur Facebook-Veranstaltung des Bündnisses)

 

Dieses Wahlergebnis macht Angst. So viel Zustimmung zu einer nationalistischen, rassistischen und rechtspopulistischen Partei ist ein deutliches Warnsignal: Die demagogische Hetze der AfD, die Sündenböcke für soziale Probleme verantwortlich macht, fällt auf fruchtbaren Boden. Jetzt ist die Zeit, zusammen zu halten, und sich gemeinsam gegen den Rechtsruck zu stellen.
Teilt diesen Aufruf und kommt zur Demo!

 

This election result is frightening. So much support for a nationalist, racist and populist party is a clear warning: the demagogic propaganda of the afd, which makes scapegoats for social problems, falls on fertile ground. Now is the time to hold together, and to stand together against the right. Share this call and join the demo!

Flattr this!

]]>
1990
AKJ Bremen löst sich auf https://stadtkontext.de/akj-bremen-loest-sich-auf/ Mon, 11 Sep 2017 17:26:12 +0000 https://akj-bremen.org/?p=830 Hiermit müssen wir leider mitteilen, dass sich der Arbeitskreis kritischer Jurist_innen Bremen aufgelöst hat. Es ist uns nicht gelungen eine Gruppe aufzubauen und zu erhalten, die in der Lage ist, kontinuierlich und verlässlich zu arbeiten. Die Arbeit als AKJ ist bisweilen äußerst zeitintensiv und weder mit Examensvorbereitung noch mit dem Referendariat oder regulärer Lohnarbeit effektiv…

]]>
Hiermit müssen wir leider mitteilen, dass sich der Arbeitskreis kritischer Jurist_innen Bremen aufgelöst hat.
Es ist uns nicht gelungen eine Gruppe aufzubauen und zu erhalten, die in der Lage ist, kontinuierlich und verlässlich zu arbeiten.
Die Arbeit als AKJ ist bisweilen äußerst zeitintensiv und weder mit Examensvorbereitung noch mit dem Referendariat oder regulärer Lohnarbeit effektiv zu vereinbaren. Die tragenden Kräfte waren daher immer Student*innen der Rechtswissenschaft in niedrigeren Semester, die durch ältere Mitglieder unterstützt wurden. Dieses Prinzip konnten wir nicht aufrechterhalten, sodass uns die Arbeit als Gruppe nicht mehr verlässlich möglich ist.
Wir sind stolz und glücklich über das, was wir geschafft haben und über den Zuspruch, das Lob und auch über Kritik, die uns gegenüber geäußert wurde.
Das Recht und den Rechtsstaat halten für ein Werkzeug, das zum Positiven und zum Negativen genutzt werden kann, gerade deshalb halten wir die ständige Kritik und Hinterfragen der bestehenden (rechtlichen) Verhältnisse für unerlässlich.
Wir hoffen, dass sich wieder engagierte und kritische Jurastudent*innen finden werden, die diese Aufgabe übernehmen werden. Die Unterstützung der Ehemaligen dieser Gruppe ist ihnen sicher.

Wir werden dafür Sorgen, dass unsere Texte, von denen wir einige für zumindest historisch interessant halten, nicht verloren gehen. Unsere Freund*innen und Genoss*innen wissen sicher, an welche Personen sie sich bei Bedarf wenden können.

Wir danken eben jenen Freund*innen und Genoss*innen für die Hilfe, die Unterstützung, den Zuspruch, die Kritik, die Zusammenarbeit und für die gemeinsame Zeit.

Machts gut!
AKJ Bremen

ps.: Unsere Homepage wird ab Anfang Oktober abgeschaltet werden. Wenn Ihr Texte sichern möchtet, könnt Ihr diese natürlich kopieren und verbreiten, es wäre aber nett, wenn ihr den AKJ Bremen dennoch als Urheber nennt.

Flattr this!

]]>
1873
Geht verdammt noch mal zur Wahl! https://stadtkontext.de/geht-verdammt-noch-mal-zur-wahl/ Fri, 08 Sep 2017 10:00:05 +0000 http://stadtkontext.de/?p=1733 Die Bundestagswahl steht vor der Tür, und viele Menschen werden das auch diesmal wieder ignorieren. Weil sie zum Beispiel der Ansicht sind, es würde ja eh nichts ändern, oder weil sie ja nicht das System unterstützen wollen, welches sie ablehnen. Oder weil sie zu faul sind. Oderoderoder. Stimmt das? Gehen wir doch mal die häufigsten…

]]>
Die Bundestagswahl steht vor der Tür, und viele Menschen werden das auch diesmal wieder ignorieren. Weil sie zum Beispiel der Ansicht sind, es würde ja eh nichts ändern, oder weil sie ja nicht das System unterstützen wollen, welches sie ablehnen. Oder weil sie zu faul sind. Oderoderoder.

Stimmt das? Gehen wir doch mal die häufigsten Argumente durch, um zu sehen was da dran ist, und ob ihr nicht doch lieber wählen gehen solltet.

1.Meine Stimme ändert doch eh nichts!

Der Klassiker. Okay, du bist ein Mosaiksteinchen von vielen. Natürlich ändert deine einzelne Stimme für sich genommen nichts, weil du eben nicht der*die einzige Wahlberechtigte bist. Die Frage ist aber: Willst du dich beteiligen? Ein Mosaik entsteht nur dadurch, dass sich viele kleine Teile zu einem ganzen zusammensetzen.

Und noch viel wichtiger ist folgendes: Wer nicht wählt, wählt rechts.

Durch jede nicht abgegebene Stimme erhalten die verbleibenden Stimmen mehr Gewicht und somit mehr Macht. Dadurch können z.B. rechtspopulistische Randparteien plötzlich mit rein zahlenmäßig gesehen wenigen Stimmen doch Sitze erhalten, weil diese wenigen Stimmen im Verhältnis ausreichen.

 

Ein Beispiel:

100 Wahlberechtigte

75 gehen hin

3 wählen AfD

= 4% AfD

100 Wahlberechtigte

50 gehen hin

3 wählen AfD

= 6% AfD

 

Hintergrund ist, dass Anhänger*innen von rechtspopulistischen Parteien in aller Regel eine viel höhere Motivation haben zur Wahl zu gehen, da sie von bestimmten Themen getrieben werden, die ihnen besonders wichtig sind. Daher entfallen die “Nichtwählerstimmen” statistisch gesehen eher den größeren Parteien, die Populisten werden hingegen prozentual gestärkt, wie das Beispiel veranschaulicht.

Deine nicht abgegebene Stimme kann also sehr wohl etwas zum Schlimmeren verändern, und deine abgegebene Stimme helfen dies zu verhindern.

2. Ich will kein System unterstützen, was ich ablehne

Ein weit verbreitetes Argument, zu dem sich mir verschiedene Gegenfragen aufdrängen: Wie will ich ein System verändern, wenn ich mich von ihm zurück ziehe? Warten, bis jemand anders ein neues erfindet, oder hab ich selbst irgendwelche Vorschläge? Wenn ja, was tue ich dafür diese Vorschläge umzusetzen? Engagiere ich mich vielleicht in einer NGO oder ähnlichem? Und wie ablehnenswert ist die parlamentarische Demokratie denn überhaupt, und warum? Hierzu gibt es viele Ansätze und Perspektiven, daher sollen diese Fragen nur ein paar Denkanstöße sein, um diesen Standpunkt etwas besser zu reflektieren.

Sich hinsetzen und darüber beschweren, dass man das aktuelle System nicht mag, und man sich deswegen nicht beteiligt, ist weitestgehend sinnfrei. Um etwas zu verändern muss man anpacken. Das heißt also, sich vorerst mit der bestehenden Situation zu arrangieren, und daran arbeiten, Veränderungen zu entwickeln und umzusetzen. Von nix kommt nix. (Hint: Zum Beispiel die Piratenpartei hat als ganz normal wählbare Partei damals einen solchen Ansatz verfolgt, und wollte grundlegende Änderungen der gelebten Demokratie vorantreiben.)

Und wer jetzt auf die Idee kommt, eine Satire-Partei zu wählen, um seinen Missmut gegenüber dem System auszudrücken, dem sei folgendes ans Herz gelegt:

Eine Satire-Partei zu wählen muss man sich leisten können, sprich es muss einem so gut gehen, dass man keinen Bedarf an wirklichen politischen Veränderungen hat. Es ist zwar immernoch besser als gar nicht zu wählen, da man so wenigstens seine Stimme abgegeben hat und sie nicht die Falschen stärkt, aber so gehen auch Stimmen für Abgeordnete verloren, die sich für bestimmte Themen einsetzen, die für manche von uns sehr wichtig sind. Fragt doch mal die Alleinerziehenden, die Niedriglohn- und Hartz-IV-Empfänger*innen, oder die denen eine Abschiebung droht oder deren Familie im Krisengebiet festsitzt, wie sie das so finden, wenn Parlamentssitze von Satirikern besetzt werden.

3. Aber keine Partei stimmt mit mir zu 100% überein!

Das ist normal. Selbst Parteimitglieder liegen oft “nur” bei einer Übereinstimmung von rund 90%. Das liegt eben daran, dass in einer Partei natürlich ein Konsens gefunden werden muss, und individuelle Meinungen im Detail dann oft etwas abweichen. Eine 100%ige Übereinstimmung ist also sehr unrealistisch. Das ist aber auch nicht relevant. Konzentrier dich auf die Themen, die dir am Wichtigsten sind, und schaue, welche Partei dies genauso sieht, und sich für die Umsetzung ausspricht.

Deswegen gibt es so nützliche Tools wie den Wahl-O-Mat oder deinWal . Die durchzutickern dauert nur wenige Minuten, und wenn du magst, kannst du dein Ergebnis hinterher genauer betrachten und dich näher informieren über einzelne Themen oder Parteien. Auch die “Wahlprüfsteine” oder die Medienberichterstattung können dir weiterhelfen. Nimm dir einen Moment Zeit, und schon hast du eine Orientierung und einen Überblick, ohne dass du seitenlange Parteiprogramme wälzen musst.

 

Soweit, so gut. Und wer immernoch nicht überzeugt ist, seinen Hintern am 24.09. zum Wahllokal zu schwingen oder Briefwahlunterlagen anzufordern, hier noch ein paar weitere Argumente fürs Wählen:

4. Es heißt nicht ohne Grund WahlRECHT

Deine Regierung wählen zu können ist ein von unzähligen Menschen über Jahrhunderte hart erkämpftes Recht und ein Privileg. Auch aktuell riskieren Menschen in vielen Ländern ihr Leben, um dieses Recht für sich und die nachfolgenden Generationen zu erkämpfen und so die Zukunft ihres Landes zu verändern. Jeder von uns sollte daher dieses Recht schätzen und es nicht wegwerfen und mit Füßen treten. Zeigt etwas moralischen Anstand und Respekt.

5. Schaff ein Gegengewicht

Die Wählergruppe über 60 ist in Deutschland die größte und somit stärkste. Sie bestimmt also maßgeblich den Ausgang der Wahlen. Und auch das Durchschnittsalter der Politikerinnen ist ähnlich hoch. Politik wird hier also von (überwiegend männlichen weißen) Alten für Alte gemacht. Zwar ist die Auswahl an jungen Politikerinnen bei allen Parteien zugegebenermaßen überschaubar, aber ein paar gibt es doch. Du kannst also mit deiner Stimme dazu beitragen, mehr Vielfalt in den Bundestag zu bringen, damit deine Interessen dort auch Gehör finden.

So, und jetzt will ich nichts mehr hören. Geht verdammt nochmal wählen.

 

Anm. d. Red.: Dieser Artikel richtet sich an Leser*innen, die sich aus dem aktuellen politischen Diskurs weitestgehend zurück gezogen haben. Wir wollen versuchen, ihnen den Sinn des Wahlrechts wieder näher zu bringen und aufzeigen, warum politische Teilhabe so wichtig ist. Tut man dies nicht, werden bestimmte Bevölkerungsgruppen sich immer weiter aus dem Diskurs verabschieden, immer weniger gehen wählen, was zur Folge hat, dass die Interessen und Bedürfnisse dieser Gruppen auch noch weniger im Parlament gehört werden.

Flattr this!

]]>
1733
Linker kommt frei – Polizist in Thor Steinar https://stadtkontext.de/linker-freigesprochen-polizist-in-thor-steinar/ Mon, 04 Sep 2017 15:24:14 +0000 https://akj-bremen.org/?p=821 Am Donnerstag den 31.08.2017 ging sehr schnell ein Prozess zu Ende, der in gleich mehreren Aspekten Aufmerksamkeit verdient. Angeklagt war ein 26 Jähriger, dieser soll am 26.11.2016 einen Polizisten vor der Bundespolizeiwache am Bahnhof zunächst mit den Worten „Scheiß Bulle“ beleidigt haben. Der so angesprochene soll, so die Anklage der Staatsanwaltschaft, daraufhin versucht haben den…

]]>
Am Donnerstag den 31.08.2017 ging sehr schnell ein Prozess zu Ende, der in gleich mehreren Aspekten Aufmerksamkeit verdient.

Angeklagt war ein 26 Jähriger, dieser soll am 26.11.2016 einen Polizisten vor der Bundespolizeiwache am Bahnhof zunächst mit den Worten „Scheiß Bulle“ beleidigt haben. Der so angesprochene soll, so die Anklage der Staatsanwaltschaft, daraufhin versucht haben den Angeklagten festzuhalten, dieser habe sich losreißen und fliehen können. Wenig später sei er aber zurückgekehrt, bei einem weiteren Versuch ihn festzuhalten konnte ein weiterer Polizist ihn schlussendlich ergreifen. Bei der anschließenden Rangelei seien beide zu Boden gefallen, der Angeklagte habe sich heftig gewehrt und dabei diverse Polizisten getreten, geschlagen und verletzt.

Der Angeklagte schilderte die Situation hingegen abweichend. Nach einem Konzert sei er an der Wache vorbei gelaufen und unvermittelt festgehalten worden. Er habe daraufhin versucht sich wegzudrehen, anschließend sei er brutal festgenommen worden und habe versucht den schmerzhaften Griffen der Polizisten zu entgehen. Als er im Gewahrsam nach einem Telefonat mit einer Anwältin verlangt habe, sei ihm entgegnet worden, er solle das Maul halten. Bei der Festnahme wurde er nachweislich erheblich verletzt. Zu den Verletzungen gehören eine Schädelprellung, Schürfwunden und weitere Prellungen, zudem zerriss seine Jacke.

Als er weiterhin im Gewahrsam nach einem Telefonat oder anwaltlichem Beistand verlangte sei er zudem erneut geschlagen worden und es sei ihm gedroht worden, er würde durch sein Verhalten die Zeit der Gewahrsamnahme verlängern.

Nach der Einlassung des Angeklagten bat die Richterin um ein Rechtsgespräch mit Staatsanwältin und Verteidiger. Anschließend wurde das Verfahren eingestellt, die wesentlichen Kosten trägt die Staatskasse.

Daraufhin wurden die beiden Polizisten, die als Zeugen geladen wurden und bei der Festnahme beteiligt waren, in den Saal gerufen und ihnen wurde mitgeteilt, dass der Prozess eingestellt worden sei. Hierbei fiel auf, dass mutmaßlich der Polizist, der maßgeblich an der Festnahme beteiligt war, eine Hose der Marke Thor Steinar trug.

 

 

 

 

 

 


Einschätzung:

Als AKJ Bremen ist der Prozess für uns aus zwei Gründen außerordentlich.

Die Einstellung eines Prozess wegen Widerstandes und Körperverletzung, obwohl eine ganze Reihe an Polizisten als Zeugen zur Verfügung standen, lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass das Gericht selbst nicht an die Geschichte der Polizisten glaubte. Nachdem dieses Jahr bereits ein Polizist wegen eines Angriffes im Amt verurteilt wurde und zwei seiner Kolleginnen nun mit einer Verfolgung wegen Falschaussage rechnen müssen, darf sich nicht länger vor der Erkenntnis verschlossen werden, dass Polizistinnen nicht qua Beruf Held*innen sind, sondern Fehler machen und Straftaten begehen, die es aufzuklären gilt.

Weiterhin sind wir über alle Maßen verärgert darüber einen Polizisten vor Gericht in Thor Steinar Kleidung zu sehen. Das letzte mal, als wir diese Marke in einem Gerichtssaal sahen, im so genannten Ostkurvensaalprozess, als sowohl Angeklagte als auch als Zuschauer Nazischläger der Standarte und von Nordsturm Bremen waren. Die Marke, die als Erkennungszeichen von Rechtstextremen jeder Colour gilt ist daher auch beispielsweise im Weserstadion und in diversen Landtagen verboten.

Dass ein Polizist diese Marke trägt lässt für uns daher nur den Schluss zu, dass dieser ebenfalls faschistisches Gedankengut in sich trägt. Vor dem Hintergrund einer mutmaßlich unbegründeten Festnahme, bei der ein Linker nicht unerheblich verletzt wurde und der Vorwurf der Misshandlung im Gewahrsam und eine falsche Anzeige im Raum steht, ist der Sachverhalt für uns skandalös. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Festnahme aus politischen Gründen geschah und der Polizist seine amtlichen Befugnisse missbraucht hat, um einen politischen Gegner zu schädigen.

 

 

Korrektur (10.09.2017): Ursprünglich hatte der Artikel den Titel “Linker freigesprochen – Polizist in Thor Steinar”, dieser Titel war juristisch äußerst unpräzise, wir haben ihn daher korrigiert.

Flattr this!

]]>
1872
Achtung, es folgt ein Rant: Heute zu „den scheiß Linken“ und der Polizei https://stadtkontext.de/achtung-es-folgt-ein-rant-heute-zu-den-scheiss-linken-und-der-polizei/ Wed, 19 Jul 2017 16:00:52 +0000 https://stadtkontext.de/?p=1665 Leute, ihr macht mir Angst. Was stimmt mit euch nicht? Hattet ihr keinen Politikunterricht in der Schule, und wisst deswegen nicht, warum Gewaltenteilung so wichtig ist? Wisst ihr wirklich nicht, was es bedeutet, wenn ein Polizist einem Journalisten den Presseausweis aus der Hand schlägt und ihm mit Pfefferspray oder dem Wasserwerfer „antwortet“? Oder was es…

]]>
Leute, ihr macht mir Angst. Was stimmt mit euch nicht?

Hattet ihr keinen Politikunterricht in der Schule, und wisst deswegen nicht, warum Gewaltenteilung so wichtig ist?

Wisst ihr wirklich nicht, was es bedeutet, wenn ein Polizist einem Journalisten den Presseausweis aus der Hand schlägt und ihm mit Pfefferspray oder dem Wasserwerfer „antwortet“? Oder was es bedeutet, wenn die Polizei einen rechtskräftigen Gerichtsbeschluss ignoriert?

Wie ist es möglich, dass ihr die von der Polizei begangenen Gesetzesbrüche derart relativiert oder sogar ignoriert? Glaubt ihr, weil das Polizisten sind kann das ja gar nicht sein, dass die sowas machen? Rüttelt die Tatsache, dass sie es doch tun zu fest an eurem Weltbild, und deshalb blendet ihr das einfach aus? Polizeigewalt existiert. Hier findet ihr die Dokumentationen, Fotos und Videos vom G20 dazu. Und sie wird durch Wegschauen akzeptiert. Habt ihr eine Idee, wie das so ist wenn die Polizei einfach machen kann was sie will? Dann guckt euch auf der Welt mal ein bisschen um.

Wem das noch nicht reicht, der*die lese diese Stellungnahme von Geschäftsleuten aus der Schanze, die erstens vor Ort und zweitens von den Krawallen betroffen waren.

Die Polizist*innen, die ihren Job verantwortungsbewusst ausführen, leiden ebenfalls unter dieser Situation. Das Vertrauen in die Polizei als dein Freund und Helfer trägt irreparable Schäden davon, was den Beruf nicht gerade leichter macht. Das an dieser Stelle zur Differenzierung.

Die Krawalle sind richtig scheiße. Dazu haben bereits diverse von „den Linken“ Stellung bezogen, u.a. auch die Bewohner*innen der Roten Flora. Dieses undifferenzierte auf „die Linken“ zeigen ist genauso bescheuert wie auf „die Ausländer“, oder jede andere undifferenzierte Bullshit.

Wenn so viele Linke die Krawalle jetzt verurteilen, wer war das denn dann?

An dieser Stelle sollte jedem erstmal Gewahr sein, wer „die Linken“ und der schwarze Block überhaupt sind. Hierzu empfehle ich diesen Überblick. Es gab höchstwahrscheinlich in einer dieser vielen Gruppierungen auch Menschen, die sich an den Ausschreitungen beteiligt haben, aber eine deutliche Minderheit.

Und jetzt wird’s spannend: Anwohner*innen und Geschäftsleute benennen die Randalierer, Brandstifter und Ladenplünderer als Krawalltouristen, als alkoholisierte junge Männer, die im Windschatten und in der Anonymität der Großdemonstration mal so richtig die Sau rausgelassen haben.

Noch viel spannender ist aber das hier: SWR aktuell: Rechtsradikale unter den Randalierern

Hm, und jetzt? Jetzt lässt man sich vor diesem Hintergrund nochmal auf der Zunge zergehen, was es bedeutet, wenn Politiker nun eine Schließung der Roten Flora und anderer linker Zentren, eine Datenbank zur Überwachung von Linksaktivist*innen, oder eine Einschränkung der Versammlungsfreiheit (also der Grundrechte in einer Demokratie) fordern.

Was wollen „die Linken“ denn überhaupt? Wann ist man denn „links“?

Linke wollen gleiche Rechte und Gerechtigkeit für alle Menschen und stellen sich gegen Repression und Diskriminierung.

Rechte hingegen teilen Menschen in unterschiedlich wertvolle Menschen ein und wollen die in ihren Augen minderwertigen Menschen im Idealfall eliminieren.

Soviel zu „die Rechten tun doch niemandem was“ und ähnlichen Äußerungen bezogen auf die Tatsache, dass in Themar 6.000 Neonazis vollkommen ungestört verfassungsfeindliche Texte singen, „Sieg Heil“ grölen, verbotene Symbole tragen durften, und ihr menschenfeindliches Weltbild feiern konnten. Hattet ihr auch keinen Geschichtsunterricht? Versteht ihr wirklich nicht was da passiert?

Links zu sein bedeutet, sich für Probleme zu interessieren, für sie Verantwortung zu übernehmen und sich an der Lösung zu beteiligen, auch wenn sie nicht meine sind. Ich bin weiß und heterosexuell, im Grunde könnten mir viele Dinge egal sein (abgesehen von der tolerierten Abwertung von und Gewalt gegen Frauen*). Sind sie aber nicht. Weil mir bewusst ist, dass es mir nur deswegen so gut geht, weil es vielen anderen so schlecht geht.

Es sollten, nein, es MÜSSEN viel mehr Menschen links sein! Links zu sein heißt sich für Gerechtigkeit zu interessieren.

Wer „links“ als Abwertung verwendet, hat nicht nur diese grundlegende Ausrichtung nicht verstanden, sondern sollte sich ernsthaft Gedanken über sein Rechts- und Unrechtsempfinden machen, und die eigene Haltung reflektieren.

Sorry not sorry.

 

Anm. d. Red.: Die Meldung über die organisierten Rechtsradikalen unter den Randalierern (SWR) konnte bisher nicht bestätigt werden. Einzelfälle sind jedoch nicht auszuschließen.

Flattr this!

]]>
1665
Podcasts powered by Stadtkontext https://stadtkontext.de/podcasts-powered-by-stadtkontext/ Thu, 29 Jun 2017 13:58:00 +0000 https://stadtkontext.de/?p=1651 Immer auf der Suche nach neuen Wegen Stadtkontext zu erweitern und zu revitalisieren haben wir uns entschlossen auch Podcasts auf dieser Seite zu hosten. Seit einer Woche ist der Podcast “The_Red_Line” bei uns zu finden. Unsere Blogger Andreas und Rob sprechen dort über aktuelle Entwicklungen in der Außenpolitik. Jeder Woche findet ihr also hier neue…

]]>
Immer auf der Suche nach neuen Wegen Stadtkontext zu erweitern und zu revitalisieren haben wir uns entschlossen auch Podcasts auf dieser Seite zu hosten.

Seit einer Woche ist der Podcast “The_Red_Line” bei uns zu finden. Unsere Blogger Andreas und Rob sprechen dort über aktuelle Entwicklungen in der Außenpolitik. Jeder Woche findet ihr also hier neue Folgen.

Wir hoffen, dass die Erweiterung mit neuen, anderen Medien gefallen euch. Vielleicht werden bald auch noch mehr Podcasts hinzukommen.

Wir wünschen euch viel Spaß!

Flattr this!

]]>
1651
Social-Media als Radikalisierungsplattform https://stadtkontext.de/social-media-als-radikalisierungsplattform/ Sun, 26 Mar 2017 18:26:27 +0000 https://stadtkontext.de/?p=1599 In einer neuen Studie, die im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung erstellt wurde, haben Klaus Boehnke, Anne Leiser und Özen Odağ an drei Standorten in Deutschland zu “Sozialen Medien als Radikalisierungsplattform für Proteste gegen Geflüchtete” geforscht. Ihre Ergebnisse stellte Leiser nun zusammen mit Horst Kahrs und Norbert Schepers am 23.03.17 um 18:30 im Kukoon in Bremen vor.…

]]>
In einer neuen Studie, die im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung erstellt wurde, haben Klaus Boehnke, Anne Leiser und Özen Odağ an drei Standorten in Deutschland zu “Sozialen Medien als Radikalisierungsplattform für Proteste gegen Geflüchtete” geforscht. Ihre Ergebnisse stellte Leiser nun zusammen mit Horst Kahrs und Norbert Schepers am 23.03.17 um 18:30 im Kukoon in Bremen vor.

In ihren Untersuchungen analysierten sie Diskurse in sozialen Medien, verschiedene Online-Dokumente sowie Printmedientexte im Jahr 2016 bezüglich Protesten gegen Geflüchtete bzw. Einrichtungen für Geflüchtete in den jeweiligen Städten.

Anne Leiser stellte zu Beginn die Studie vor. An diesen Vortrag schloss sich eine Fragerunde aus dem Publikum an, welche die verschiedenen Standpunkte und das Design der Studie noch einmal genauer beleuchteten.

In den Sozialen Medien war die gängige Argumentation beispielsweise ein mangelndes Sicherheitsgefühl, die Erzählung vom Asylmissbrauch und oder der angeblich überdurchschnittlichen Kriminalität bei Geflüchteten. Gängige Klischees also, die sich schon längst auch in der Mitte der Gesellschaft wiederfinden und über die rechte Einzelpersonen und Gruppen einen leichten Zugang in den Mainstream erlangen.

Bremen, Halle (Saale) und Stuttgart wurden aufgrund unterschiedlicher Kriterien ausgesucht. Bei dem Vergleich der Standorte fiel auf, dass im Hinblick auf die Zeitungsberichte keinen nennenswerten inhaltlichen Unterschiede auffällig wurden, jedoch was den Umfang betraf. In Stuttgart, wo im Verhältnis die wenigstens Geflüchteten aufgenommen wurden, waren im Vergleich 6 mal so viele Berichte als in Bremen, wo im Verhältnis am meisten Geflüchtete aufgenommen wurden.

Am Ende wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass diese Studie nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, nicht unbedingt repräsentativ ist, aber zeigt, dass Forschung in diesem Feld zukünftig weiter verfolgt werden sollte.

Wie auch schon in der Studie zu lesen, tragen das Internet und die sozialen Medien zwar zu einer Enthemmung bezüglich der Äußerung rassistischer Positionen bei, die Sozialen Medien selbst sind aber nicht eindeutig Quelle einer Radikalisierung. Soziale Medien als Plattform bieten vielmehr die Möglichkeit von Akteur*innen aus dem rechten Spektrum eine Radikalisierung voranzutreiben und stärken zudem die Kampagnenfähigkeit rechter Individuen und Organisationen. Dies schließt wiederum auch die Organisierung von (gewaltsamen) Protesten gegen Geflüchtete mit ein.

Die Studie der Rosa-Luxemberg-Stiftung ist hier online abrufbar und geht noch einmal sehr viel tiefgehender und mit vielen Beispielen einzeln auf die Darstellung in Print- und Onlinemedien, den Diskurs in Sozialen Netzwerken sowie im Vergleich untereinander ein und ist äußerst empfehlenswert.

Flattr this!

]]>
1599