Stadtkontext

Gastbeitrag: Zauberhaftes Kleinkind in liebevolle Hände abzugeben

Das Betreuungsgeld ist Geschichte – so what? In meiner Timeline auf Twitter bejubeln viele, erstaunlich häufig die Kinderlosen, den Beschluss des BVerfG, sahen sie doch im Betreuungsgeld – liebevoll auch „Herdprämie“ genannt – lediglich ein überholtes Rollenverständnis einer in einer anderen Zeit lebenden Partei.

Ich habe im Betreuungsgeld immer nur eines gesehen: Den billigen Versuch der Bundesregierung, sich aus der Verantwortung zu kaufen. Aus der Verantwortung, so schnell wie möglich, alle benötigten Betreuungsplätze zu schaffen, auf die junge Eltern heutzutage einen Rechtsanspruch haben.

Billig war der Versuch in meinen Augen deshalb, weil er längst nicht den Kosten entspricht, die ein Betreuungsplatz verursacht. Eins könnte jetzt eine große Rechnung aufmachen und Betreuungsgeld, Betreuungskosten, Verdienstausfall, verlorene Rentenpunkte, Mütterrente, steuerliche Erleichterungen für Eltern etc. pp. gegenrechnen – aber lassen wir das.

Fakt ist: Es gibt längst nicht so viele Betreuungsplätze wie erforderlich und den Rechtsanspruch kann eins nicht durchsetzen. Besonders nicht in Bremen. Das merke ich gerade bei der Suche nach einem Platz für mein Kind.

Das Problem: Es gibt in Bremen zum einen ein festes Kita-Jahr, das jeweils im August beginnt, und einen festen Anmeldezeitraum für das jeweils startende Kita-Jahr im Januar. Wessen Kind, sagen wir, im Februar 2015 geboren wurde, hat kaum eine Chance, einen Betreuungsplatz ab Februar 2016 zu erhalten, auch wenn der Rechtsanspruch auf einen Platz mit dem 1. Geburtstag beginnt. Das Bremer System ist für diesen Fall einfach nicht geschaffen.

fuesse1Im Dezember 2015 werde ich einen Kita-Pass erhalten, mit dem ich mein Kind während der Anmeldephase im Januar 2016 für einen Platz ab August 2016 anmelden kann. Ein früherer Einstieg in eine Krippe in einem laufenden Kita-Jahr ist in diesem System nicht vorgesehen. Gleiches gilt übrigens auch für Plätze in Elternvereinen oder bei Tagespflegepersonen, zumindest, was die zentrale Vergabe freier Plätze betrifft. Tja, mein Pech. Hätte ich mein Kind mal im Idealfall im August/September geboren.

Und selbst wenn ich einen Platz erst ab August 2016 suchte, gibt es keine Garantie auf einen Betreuungsplatz. Im Kita-Jahr 2015/2016 gibt es in meinem Stadtteil Findorff derzeit etwa 35 „unversorgte Familien“, wie es so schön beim Amt für Soziale Dienste heißt. Diese Familien stehen sicher schon auf Wartelisten etlicher Betreuungseinrichtungen, in der Hoffnung, ihr Kind noch irgendwo unterzubringen. In diese Listen kann ich mich auch nur einreihen.

Apropos, „irgendwo unterbringen“: Der Gesetzgeber hält es für zumutbar, einen Weg von 30 Minuten (Fußweg, eine Strecke) zur Betreuungseinrichtung zurückzulegen. Das Amt für Soziale Dienste gibt daher Infos zu freien Plätzen in allen Stadtteilen weiter. Es wäre also durchaus möglich, mein Kind in eine Einrichtung in der Vahr zu geben – so denn dort ein Platz frei ist. Das wäre dann zwar nach meiner Rechnung nicht mehr im Bereich des Zumutbaren, aber als Mutter habe ich mich inzwischen ohnehin schon an diverse logistische Hürden gewöhnt, so dass auch diese zu packen wäre.

Welche Möglichkeiten bleiben noch?

  1. Klagen: Da es einen gesetzlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz gibt, kann dieser gerichtlich eingeklagt werden. Nur auf wessen Kosten? Sicher nicht auf Kosten der Kommune, die plötzlich einen weiteren Platz aus dem Hut zaubert. Nein, auf Kosten einer anderen Familie, die nicht den Mut oder die Mittel aufbringen kann, den Klageweg zu gehen. Nicht so verlockend.
  2. Suchen, suchen, suchen: Dass das System nicht für Kinder, die außerhalb des 3. Quartals geboren wurden, gemacht ist, heißt nicht, dass es nicht theoretisch doch eine Möglichkeit auf einen Betreuungsplatz in einem laufenden Kita-Jahr gäbe. Hier hilft aber tatsächlich nur, in Einrichtungen (Kita, Elternverein, Tagespflegestelle) nachzufragen, ob nicht doch aus welchen Gründen auch immer ein Platz frei ist/wird. Hier kommen dann die Wartelisten ins Spiel. Auf bremen.de werden gelegentlich freie Stellen inseriert. Als Antwort auf einen leicht gefrusteten Facebook-Status meinerseits erhielt ich den Vorschlag, auf den Spielplätzen dieser Stadt Betreuungspersonen anzusprechen. Hier ist schlichtweg ein langer Atem gefordert. Zumindest mein*e Gesprächspartner*in beim Amt für Soziale Dienste war guter Hoffnung, dass ich einen Platz ab Februar 2016 finde.
  3. Selbst Betreuungsplätze schaffen: Viele Elternvereine und freie Kindergruppen haben sich aus genau der Situation heraus gegründet, in der ich mich gerade befinde. Eins nehme ein paar gleich gesinnte Eltern, geeignete Räume und qualifiziertes Erziehungspersonal und schwupps, hat eins seine eigene Kinderkrippe. Na, ganz so einfach ist es dann doch nicht, aber der Verbund Bremer Kindergruppen hilft bei der Neugründung gerne weiter.
  4. Wegziehen: Schon einmal über ein Leben im Bremer Speckgürtel nachgedacht? Ehrlich, ich weiß (noch) nicht, wie die Kinderbetreuung im niedersächsischen Umland organisiert ist. Ich gebe diese Option hier nur mit an, weil sie in meinem Fall tatsächlich eine Lösung wäre, nur anders: Mein Mann arbeitet in Rostock und ja, die Betreuungssituation ist dort auch nicht perfekt, aber doch einfacher, inklusive Betreuungszuschuss vom Arbeitgeber. Wir müssten „nur“ seinen Nebenwohnsitz dort zum Hauptwohnsitz befördern und schon könnten wir unser Kind dort anmelden. Hallo Bremen, ein*e steuerzahlende*r Einwohner*in weniger. Dieses Gedankenspiel beinhaltet, dass ich meine Arbeitsstelle in Bremen nur in Teilzeit ausübe und dabei drei Tage voll in Bremen arbeite (mein Kind in den drei Tagen also nicht sehe) und dann die übrigen Tage in Rostock wohne – wegen des verschobenen Lebensmittelpunktes wäre das dann wohl noch ein*e Steuerzahler*in weniger für Bremen.
  5. Zuhause bleiben: Ich arbeite gern und ich bin auch gut in meinem Beruf. Ich bin zwar nach Aussage meiner Familie auch gut darin, das Kind groß zu ziehen. Aber ich möchte schlichtweg nicht auf die Mutterrolle reduziert werden und suche durchaus die Bestätigung und Anerkennung für Tätigkeiten, die nichts mit Windeln wechseln, Füttern und Baby bespaßen zu tun haben. Nicht zu vergessen natürlich, dass das Einkommen durch eine berufliche Tätigkeit schlichtweg auch gebraucht wird und sich später auch bei der Rente bemerkbar macht. An dieser Stelle könnte ich einen Schlenker zu prekären Arbeitsverhältnissen und Altersarmut machen, das wäre aber ein Blogbeitrag für sich. Für mich persönlich ist zuhause bleiben jedenfalls keine ernst zu nehmende Option.

Ich bin noch nicht am Ende. Nicht am Ende meiner Suche, meiner Hoffnung und auch nicht am Ende dieses Blogbeitrages. Es sind noch einige Anfragen offen und es gibt noch immer Personen und Einrichtungen, die ich ansprechen möchte.

Ich muss an dieser Stelle einmal betonen, dass alle Ansprechpartner*innen (Kita Bremen, Elternverein, pib, Amt für Soziale Dienste, Familiennetz Bremen…) ausnahmslos freundlich, kompetent und hilfsbereit waren. Allein, auch diese Personen und Einrichtungen können das Bremer Betreuungssystem nicht ändern.

werder1Wer kann das System ändern?

butenunbinnen hat just in einem butenunbinnen – Beitrag vom 22. Juli 2015 gezeigt, wie private Investoren neue Betreuungsplätze schaffen – eine Initiative, die ich durchaus begrüße. Im gleichen Beitrag wird aber auch darauf hingewiesen, dass die Verantwortlichkeit im neuen Senat gerade aus dem Bereich „Soziales“ zur Bildungssenatorin gewandert ist. Durch Umstrukturierungen und neue Zuständigkeiten kann es hier zu Verzögerungen in Entscheidungsprozessen kommen, die sich Bremer Eltern nicht leisten können. Nicht umsonst betonen die Beteiligten in dem Beitrag, dass ein „zügiges Geschehen“ wünschenswert ist.

„Zügig“ – das ist das Zauberwort. Lieber gestern als heute hätte ich gern eine verbindliche Zusage zu einem Betreuungsplatz. Schließlich erwartet auch mein*e Arbeitgeber*in eine verbindliche Aussage zu meinem beruflichen Wiedereinstieg. Da ich nicht auf private Investoren und geänderte Zuständigkeiten im Senat warten kann, heißt es für mich, wie für andere Eltern auch, selbst die Initiative ergreifen und suchen, suchen, suchen. Drückt mir dabei die Daumen! Danke.


Die Autorin:

wortfechtein_webCarolin (@wortfechterin)

Wahl-Bremerin und neugierige Beobachterin mit besonderem Interesse an Kultur jeglicher Art.
Seit kurzem mit Kinderwagen unterwegs auf den Wegen in dieser Stadt.

 

 


Gastbeiträge geben die Meinungen der jeweiligen Autor*innen wieder und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten von Stadtkontext. Vielmehr sollen sie als Bereicherung für Debatten verstanden werden und der Blog als eine Plattform für Gäste dienen.

 

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