Stadtkontext

(K)Ein bedauerlicher Einzelfall

Der Tod Oury Jallohs

Am 07. Januar 2005 stirbt Oury Jalloh, an Händen und Füßen gefesselt, in einer Polizeizelle in Dessau. In der Zelle war ein Feuer ausgebrochen. Obwohl es funktionierende Brandmelder gab und mehrere Polizist_innen in der unmittelbaren Nähe der Zelle waren, kam jede Hilfe deutlich zu spät.

Oury Jalloh wurde in Gewahrsam genommen, weil sich mehrere Frauen von ihm belästigt gefühlt haben. Ein Arzt stellt auf der Polizeiwache fest, dass Oury Jalloh eine Blutalkoholkonzentration von 2,98‰ aufweist und darüber hinaus THC und Kokain im Blut hat. Trotz der bedenklichen medizinischen Lage wird Oury Jalloh in eine Zelle gesperrt und auf dem Rücken liegend an Händen und Füßen gefesselt. Zuvor wurde er mindestens einmal durchsucht, bei dieser Durchsuchung konnte kein Feuerzeug gefunden werden. Es ist außerdem nicht klar, wie in dieser Situation beispielsweise ein Ersticken an eigenem Erbrochenem durch gelegentliche Kontrollen und eine Gegensprechanlege, erkannt und verhindert werden kann.

Nach Angaben der diensthabenden Polizist_innen hat Oury Jalloh selbst die Matratze, auf der er fixiert war, mit einem Feuerzeug angezündet. Die Erklärung dafür, wie er eine feuerfest ummantelte Matratze mit einem handelsüblichen Feuerzeug entzündet habe, lautet, dass die Hülle eben beschädigt gewesen sei. Da die Putzfrau sich an keine Beschädigung erinnern konnte, müsste Oury Jalloh sich mit gefesselten Händen – ohne ein Werkzeug – durch den dicken, feuerfesten Bezug der Matraze gegraben haben, um danach das Futter zu entzünden.

Nach Angaben der diensthabenden Polizist_innen hat Oury Jalloh selbst die Matratze, auf der er fixiert war, mit einem Feuerzeug angezüdet

Zu diesem Zeitpunkt wies Oury Jalloh noch immer eine Blutalkoholkonzentration von deutlich über 2‰ auf. Diese äußert sich unter anderem durch Denk- und Orientierungsstörungen, verminderte Sehleistung und eine stark eingeschränkte Bewegungskoordination. In diesem Zustand und zusätzlich an Händen und Füßen gefesselt, soll Oury Jalloh nun also erst von Hand die feuerfeste Hülle ausreichend beschädigt, dann ein Feuerzeug, das vorher von erfahrenen Polizeibeamt_innen nicht gefunden werden konnte, in die Hand genommen und dann lange genug die Flamme des Feuerzeugs gegen die Matratze gerichtet haben. Das alles mit der Intention ein Brand auszulösen, der die Temperatur in der Zelle auf 350°C steigen ließ.

Das Feuerzeug, wurde bei der Durchsuchung der Zelle nach dem Löschen des Brandes allerdings nicht gefunden. Es tauchte erst wenige Tage danach auf der Asservatenliste auf, warum es erst dann eingetragen wurde, ist nicht geklärt. Außerdem weist das Feuerzeug nur wenige Beschädigungen auf. Auch konnten an dem Feuerzeug keine DNA- oder Faserspuren von Oury Jalloh, seiner Kleidung oder der Matratze gefunden werden. Lediglich Polyesterfasern waren am Feuerzeug, woher dieser stammen ist völlig ungeklärt. Tatsache ist allerdings, dass es zu einem Brand kommt, während Oury Jalloh gefesselt in der Zelle liegt. Er ist auf die Hilfe der Polizist_innen angewiesen, die ihn im Keller der Polizeiwache angekettet haben. Aufgrund des Brandes schlägt der in der Zelle angebrachte Feuermelder Alarm und über die Gegensprechanlage soll ein “Plätschern” zu hören sein.

Von dem was nun passiert gibt es mehrere Versionen. Während der Dienstgruppenleiter angab sich zügig zur der Zelle begeben zu haben verwickelte sich eine Kollegin von ihm in Widersprüche. Die Polizistin gab in ihrer ersten Vernehmung an, dass der Dienstgruppenleiter den Feueralarm mehrmals ausstellte und erst später zu der Zelle ging, in der Oury Jaloh verbrannte. Diese Aussage widerrief sie vor Gericht allerdings wieder, alles sei ganz schnell gegangen.

Ein gebrochenes Nasenbein, zerstörte Trommelfelle und Einbrüche an den Schädelknochen

Oury Jalloh stirbt in der Zelle, an Händen und Füßen gefesselt. Die Obduktion der Staatsanwaltschaft ergibt, dass er an einem Hitzeschock starb. In einer zweiten Obduktion der Nebenklage wird festgestellt, dass Oury Jalloh ein gebrochenes Nasenbein, zerstörte Trommelfelle und Einbrüche an den Schädelknochen erlitten hat. Woher diese Verletzungen stammen ist nicht geklärt.

Die Zelle in der Oury Jalloh gestorben ist, wird durch die Polizei untersucht, nachdem das Feuer gelöscht wurde. Der Vorgang wird auf Video festgehalten, doch dieses Video ist verschwunden. Von den Polizist_innen wurde angeführt ein Stromausfall sei dafür verantwortlich. Diese Aussage wurde widerlegt, der Verbleib des Videos ist ungeklärt.

Vom 27. März 2007 bis zum 08. Dezember 2008 wird in insgesamt 59 Verhandlungstagen das Geschehen beleuchtet. Das Gericht kommt zu dem Schluss, dass Oury Jalloh ein Feuerzeug aus seiner Tasche holte, ein Loch in die feuerfeste Matratze bohrte und den darin befindlichen Schaumstoff anzündete. Gleichzeitig stellt es fest, dass Oury Jallohs Tod durch die Polizisten, die das Feuerzeug bei der Durchsuchung übersehen haben und den Dienstgruppenleiter, der den Feueralarm ausstellte, hätte verhindert werden können. Beide Angeklagten werden dennoch freigesprochen. Warum sich Oury Jalloh selbst verbrannten haben sollte, konnte das Gericht nicht klären.

Am 07. Januar 2010 hebt der Bundesgerichtshof den Freispruch des Dienstgruppenleiters auf. Seit dem 12. Januar 2011 verhandelt das Landgericht Magdeburg den Fall erneut. Der von der Justiz beauftragte Brandgutachter vertritt die These eines Selbstmordes, dass der Zustand der Leiche sich dadurch nicht erklären lässt räumt er allerdings ein.

Währenddessen versucht Mouctar Bah, ein guter Freund Oury Jallohs, und diverse Initiaven das Gedenken an Oury Jalloh zu erhalten und die Umstände von Oury Jallohs Tod bekannt zu machen. Für seinen Einsatz wird Mouctar Bah auch von der Internationalen Liga für Menschenrechte mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichnet. Im Januar 2012 wird er von Polizist_innen während einer Demonstration so schwer verprügelt, dass er mehrere Tage auf der Intensivstation behandelt werden muss. Auf einer Gedenkveranstaltung wollen die Beamt_innen Transparente und ähnliches beschlagnahmen, auf denen zu lesen ist “Oury Jalloh – Das war Mord”.

Die Aussage wurde die Jahre zuvor von der Polizei toleriert, außerdem wurde gerichtlich bestätigt, dass sie von der Meinungsfreiheit gedeckt ist. Dennoch wird während der Demonstration versucht der Transparente gewaltsam habhaft zu werden, viele Teilnehmer der friedlichen Demonstration, auch Mouctar Bah, werden zum Teil erheblich verletzt. Am 13.12.12 endet der neue Prozess gegen den Dienstgruppenleiter vor dem Magdeburger Landgericht. Nach Auffassung des Gerichts hat er sich durch das leiser drehen der Feuermeldeanlage der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen schuldig gemacht. Er muss 10.800 Euro Strafe zahlen.

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