Stadtkontext

Warum die Revolution nicht kommt – Eine sozialpsychologische Analyse über kollektives Wegschauen

Die Tage werden dunkler. Fremdenfeindlichkeit, Menschenhass, ein Rekord an Gewalttaten gegen unerwünschte Minderheiten , allein in 2017 wurden 2500 politisch motivierte Straftaten gegen Juden und Muslime gezählt , und Mordfälle gehen auf das Konto des Rechtsrucks in Deutschland. Anfangs noch belächelt, sitzen deren Vertreter_innen mittlerweile im Bundestag. Und diejenigen, die die Bedrohung wahrnehmen, weil sie diese schon ganz real am eigenen Leib spüren mussten, haben Angst. Und zwar nicht nur vor den Nazis, sondern auch, weil die Öffentlichkeit sie ohne Protest gewähren lässt.

Nur 72 Jahre nach dem Ende des dritten Reichs finden 12,6 % der Wähler_innen, dass eine Ideologie, die unsägliches Leid gebracht und unzählige Menschen das Leben gekostet hat, wieder einen Platz im Bundesparlament bekommen soll. Der grenzenlose Hass wird öffentlich ausgelebt, Schamgrenzen scheint es schon lange keine mehr zu geben.

Man braucht nur mal einen Blick in soziale Medien zu werfen, um ein unmissverständliches Bild davon zu bekommen, und zu realisieren, wie die Sympathisant_innen und Mandatsträger_innen der AfD ticken (oder guckt mal hier: https://wir-sind-afd.de/ ). Da bleibt kein Raum mehr für Relativierungen, und da bleibt auch kein Raum mehr für Diskussionen ob es sich hier um Nazis handelt, oder nicht. Öffentliche Äußerungen, intensive Beziehungen zur rechtsextremen Szene und nicht zuletzt deren Parteiprogramm lassen hieran keinen Zweifel. Dass sie sich selbst nicht so bezeichnen, und auch nicht so bezeichnet werden wollen, tut dem keinerlei Abbruch. Wer wählt denn schon ein indiskutabel negativ besetztes Label, wenn man erfolgreich sein will? Also versuchen sie sich irgendwie anders zu etikettieren, und empören sich, wenn jemand es wagt sie beim Namen zu nennen. Aber die Lage ist längst klar. Und das war sie auch schon vor der Bundestagswahl.

Wie konnte es soweit kommen? Müssten sich nicht längst massive Proteste erheben – und zwar nicht nur aus der linken Szene – die so stark und entschlossen sind, dass sie eine schleichende Ausbreitung menschenverachtender Ideologien in der Bevölkerung unmöglich machen? Wie ist es möglich, dass die breite Masse dies stattdessen achselzuckend hinnimmt? Wer sich heute klar gegen rechts positioniert und findet, dass die Grundrechte eingehalten werden müssen, gilt ja mittlerweile vielerorts schon als linksextrem.

“Ich frag mich, warum so viel Leute wegschau’n, ist es Angst, Akzeptanz oder Ignoranz?”, fragt Irie Révoltés. Und weil mich diese Frage nicht loslässt, will ich versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Als erstes steht im Raum, warum dieser menschenfeindlichen Ideologie nicht einfach mit Logik und Argumenten beizukommen ist, so dass den Populist_innen für alle ersichtlich der Wind aus den Segeln genommen wird. Wer die Berichterstattung halbwegs aufmerksam verfolgt, wird wissen, dass es solche Bemühungen immer wieder gibt und gegeben hat, und zwar auf vielen Ebenen. Das Problem ist aber, dass einer Ideologie, einem Welt- und Menschenbild, das jede Logik ablehnt, mit Logik eben nicht beizukommen ist. Wenn die Anhänger_innen rechter Weltbilder logische Zusammenhänge akzeptieren und anwenden würden, hätte sich das Problem relativ schnell von selbst gelöst. Aber das tun sie nunmal nicht. Wir müssen also tiefer graben.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Soziale Akzeptanz und Zugehörigkeit zu einer Gruppe sind elementare Grundbedürfnisse für uns, weil sie unser Überleben sichern. Die Handlungsmotivation (oder auch die Motivation nicht zu handeln), die aus diesen Sicherheitsbedürfnissen hervorgeht, ist dementsprechend stark. Die Gesellschaft um uns herum beeinflusst unser Verhalten also nicht unerheblich, da wir grundsätzlich von ihr akzeptiert werden wollen. Dafür gibt es Mechanismen, die unser Verhalten entsprechend steuern:

  • Normativer Einfluss

Damit ist im Prinzip nichts anderes gemeint, als das was wir unter Gruppenzwang verstehen. Wir passen uns dem Verhalten der Menschen um uns herum an, weil wir nicht unangenehm auffallen wollen. Wir wollen schließlich keinen Ausschluss riskieren. Wenn also alle anderen nichts sagen, sag ich lieber auch nichts. Dieses Schweigen, weil alle anderen auch schweigen, wird öffentliche Compliance genannt.

  • Informationaler Einfluss

Umso schlechter wir über ein Thema informiert sind, desto stärker orientieren wir uns an den Informationen, die uns unser Umfeld anbietet. Dieser Mechanismus spielt auch bei der Entstehung und Empfänglichkeit von Vorurteilen eine wichtige Rolle. Und: Je öfter wir etwas lesen oder hören, für desto wahrer halten wir es. Wiederholung verschafft Gewicht.

Neben unserem direkten Umfeld orientieren wir uns aber auch an Personen, die wir als Expert_innen wahrnehmen. In diesem Fall können das z.B. prominente und beliebte Politiker_innen sein. Wenn die jetzt aber überwiegend keine deutlichen Warnungen aussprechen, sondern im Gegenteil die rechtspopulistische Rhetorik und Positionen übernehmen, dann ist das doppelt fatal: Nicht nur die Wahrnehmung der Bedrohung wird unterbunden, sondern die Reproduktion der populistischen Aussagen verleiht denselben mit jedem Mal mehr Gewicht und Glaubwürdigkeit.

Allerdings können auch andere Personen als Expert_innen wahrgenommen werden, zum Beispiel Menschen im direkten Umfeld, die sich politisch engagieren. Nur leider ist deren Reichweite häufig sehr begrenzt. Aber auch die Meinung beliebter Personen des öffentlichen Lebens wird häufig als allgemein relevant wahrgenommen, da vor allem attraktive berühmte Menschen oft als insgesamt kompetent eingeschätzt werden. Diese Personen könnten also ihre Reichweite im Kampf gegen den Rechtsruck nutzen. Für eine breite Glaubwürdigkeit muss allerdings der Kontext stimmen.

Unsere Umwelt übt starken Einfluss auf unser Verhalten aus

Beide Mechanismen bringen uns dazu, uns der Mehrheit anzupassen. Sie greifen zum Beispiel auch häufig in Situationen, in denen Zivilcourage gefordert ist. Nach dem Motto: Alle anderen bewerten die Situation so, dass kein Handlungsbedarf erforderlich ist. Wenn die das alle so sehen, haben sie wohl recht.

An dieser Stelle möchte ich kurz auf das Thema Sprache eingehen. Sprache und Denken stehen miteinander in permanenter Wechselwirkung. Wie wir reden, so denken wir, und wie wir denken, so reden wir. Die Sprache, mit der über ein Thema berichtet wird, hat also Konsequenzen für unsere Wahrnehmung. Ist nun in den Medien von “Flüchtlingswellen” oder “Einwanderungsflut” die Rede, ist das eine sprachliche Entmenschlichung. Plötzlich geht es nicht mehr um Menschen mit einer Lebens- und Leidensgeschichte, sondern um Sachen, gerne auch beunruhigende Sachen wie z.B. eine Flut. Es spielt also eine nicht unerhebliche Rolle, ob von notleidenden Menschen gesprochen wird, was empathische Gefühle in uns weckt, oder von einer Flut, was ein eher bedrohliches Bild in den Köpfen erzeugt. Entmenschlichung ist ein beliebtes manipulatives Mittel bei Rechtspopulisten, um unerwünschtes Mitgefühl zu unterdrücken, und stattdessen Furcht zu sähen.

Das funktioniert natürlich auch andersrum: Ereignisse und Täter_innen werden gezielt verharmlost, wie im Beispiel Freital, wo aus rechtsextremen Terroristen einfach Lausbuben gemacht werden.

Sprache formt unser Denken – und wird von Rechten ganz strategisch genutzt

Und schließlich sei hier nochmal daran erinnert, warum sich niemand “Nazi” nennen will, sondern lieber “Patriot” oder sonstwas. Negative Bilder vermeiden, und durch (vermeintlich) positive ersetzen ist die Devise. Und auch hier gilt: Wiederholung verschafft Glaubwürdigkeit. Wenn die Nazis nur oft genug wiederholen, sie seien die bürgerliche Mitte, glauben die Leute ihnen das irgendwann. Fake it ‘till you make it. Oder auch alles andere, was sie oft genug wiederholen, und was sich mit jedem Mal tiefer ins Gedächtnis gräbt. Diese simple Tatsache, auch Wiederholungseffekt genannt, ist daher unfassbar gefährlich.

Unsere Umwelt hat also einen nicht unerheblichen Einfluss auf unseren Umgang mit Informationen und unser Verhalten. Aber wir stehen uns auch oft selbst im Weg, wenn es darum geht, Informationen zu verarbeiten und zu bewerten.

Unser Gehirn begünstigt bequemes Denken

Grundsätzlich wollen wir Informationen immer realistisch bewerten und gleichzeitig mit uns selbst zufrieden sein, sprich ein positives, konsistentes Selbst- und Weltbild und Selbstwertgefühl erzeugen. Das sind die beiden Grundmotive des menschlichen Denkens.

Kommt es zu Widersprüchen zwischen Informationen und dem eigenen Weltbild, entsteht  ein unangenehmer Widerspruch, auch bekannt als kognitive Dissonanz. Um diesen Widerspruch möglichst schnell aufzulösen, gehen wir den den Weg des geringsten Widerstands: Die Informationen, die die Unstimmigkeit mit unserem bereits bestehenden, mühsam aufgebauten Weltbild verursachen, werden ganz einfach ignoriert. Was nicht sein darf, gibt es auch nicht. Zack, Problem gelöst! Das lässt sich auch sehr gut am Beispiel Polizeigewalt beobachten. Die Rechtfertigung und der Schutz der eigenen Sicht auf die Dinge ist plötzlich sehr viel wichtiger als das Bedürfnis nach realistischer Informationsbewertung. Diese Neigung ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt. Warum fällt es manchen Menschen schwerer als anderen, das eigene Weltbild auch mal zu korrigieren oder anzupassen? Weil es etwas mit der eigenen Identität zu tun hat. Ein Weltbild basiert immer auf einem Selbstbild. Umso mehr die “unpassenden” Informationen unsere Identität angreifen, desto verlockender ist die Lösung, sie einfach zu ignorieren. Ein Überdenken der eigenen Identität erfordert schon ein bisschen Courage, und würde ja ggf. bedeuten, dass wir zu dem Schluss kommen, dass unsere frühere Sicht und unser früheres Verhalten vielleicht falsch war. Diese Erkenntnis, und der ganze Prozess der Reflexion ansich, kann also durchaus unangenehme Wahrheiten zu Tage fördern und zu Inkonsistenzen führen. Und genau deswegen vermeiden das viele Menschen.

Es gibt noch einige weitere kognitive Stolperfallen, die in dieselbe Richtung deuten:

  • “Motivated reasoning”

Das bedeutet, wir nehmen neue Informationen so auf, dass negative Gefühle möglichst abgewendet und positive maximiert werden.

  • “Backfire effect”

Gute Argumente und Überzeugungsversuche können das Gegenteil bewirken, wenn die Werte um die es geht, besonders identitätsstiftend sind. Wird etwas identitätsstiftendes angegriffen, fühle ich mich in meinem Selbstwert herabgesetzt, ich nehme das ganze also als persönliche Kränkung wahr.

  • Partisan Bias / reaktive Abwertung

Eine Wahrnehmungsverzerrung zugunsten der eigenen Bezugsgruppe. Um den Bestand der eigenen Gruppe zu schützen, werden Widersprüche beim Gegner strenger bewertet als in der eigenen Gruppe. Das kann soweit gehen, dass Informationen, die vom Gegner kommen, von vornherein gänzlich ignoriert werden.

  • Confirmation Bias

Der klassische Bestätigungsfehler. Informationen werden so selektiert und interpretiert, dass sie die eigene Meinung bestätigen. Auch hier geht es um den Schutz des Selbstbildes.

Einige dieser Wahrnehmungsverzerrungen machen es unter Umständen schwierig, argumentativ zu punkten. Das ist knifflig, und äußerst unglücklich. Man muss versuchen zu unterscheiden, ob das Thema für den_die Gesprächspartner_in besonders identitätsstiftend ist, und somit eher ein negativer Effekt zu befürchten ist. Oder, ob es sich eher um “einfache” Vorurteile handelt, die keinen engeren Identitätsbezug haben. In dem Fall ist der argumentative Ansatz nach wie vor der richtige.

Den Ausschlag, was wir wie wahrnehmen und was nicht, gibt also oft der Bezug zur eigenen Identität. Jetzt stellt sich die Frage: Wodurch wird denn Identität erzeugt? Das ist individuell natürlich sehr verschieden, weil jeder Mensch einzigartig ist. Aber hier unterhalten wir uns ja über Dinge, die für eine ganze Reihe an Menschen – nämlich für die breite schweigende Masse der deutschen Gesellschaft – einen Identifikationscharakter haben müssen, der dazu führt, dass unangenehme Wahrheiten über die Entwicklung eben dieser Gesellschaft als Angriff auf die eigene Identität und auf die eigene Gruppe empfunden werden.

Da kommen mir zum Beispiel die sogenannten Preußischen Tugenden in den Sinn, die gerade bei den älteren Generationen nach wie vor einen hohen Stellenwert haben. Fleiß, Geradlinigkeit, Pünktlichkeit, Ordnungssinn, Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewusstsein, Sauberkeit – alles wunderbar positiv besetzte Begriffe, mit denen man sich doch gerne identifiziert und sich zu Eigen macht, als Zugehörige zu einer Gesellschaft, die diese herausragenden Eigenschaften hervorgebracht hat. Das Praktische daran ist, dass es ja schon ausreicht, zufällig in diese Gesellschaft hineingeboren zu werden, um sich diese Eigenschaften direkt zuzuschreiben und das Selbstbild darauf aufzubauen. Gleichwohl sind diese Werte unter jüngeren Menschen nicht mehr so verbreitet, da ihnen heute viele Alternativen zur Verfügung stehen, die besser zum Zeitgeist passen und die versuchen, ein bisschen weniger offensichtlich daher zu kommen. Da feiert man sich zum Beispiel für die deutsche Ingenieurskunst ab, vollkommen unreflektiert woher dieser “Wert” eigentlich kommt, oder man läuft zur Höchstform auf, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren irgendwo irgendein Spiel absolviert, weil das sind ja “wir”, äh, oder so.

Kurz: alles was Menschen “stolz auf Deutschland” macht, oder gefühlt mit dem Nationalkonstrukt Deutschland verbindet, spielt hier höchstwahrscheinlich eine identitätsstiftende Rolle, die dazu führt dass Kritik an der deutschen Gesellschaft ganz easy ignoriert wird. Je häufiger dieses Motiv “deutsch” im Selbstbild einer Person auftaucht, desto schwerer wiegt es natürlich – allein Fan der deutschen Nationalelf zu sein, reicht in der Regel noch nicht aus, um sein Selbstbild auf der Zugehörigkeit zu einer nationalen Gesellschaft aufzubauen.

 

Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nix kannst

Dann sei doch einfach Stolz auf dein Land – Kraftklub

 

Glücklicherweise kann sich Selbstwert aber zu nicht unerheblichen Teilen aus anderen, und mehreren verschiedenen Dingen speisen, als aus Zugehörigkeit zu einer Nationalität. Das setzt aber voraus, dass genügend Alternativen zur Verfügung stehen. Andernfalls ist das Risiko groß, dass Menschen auf diese leicht verfügbaren Werte zurückgreifen.

Für viele Menschen ist zum Beispiel ihr Beruf eine wichtige Identifikations- und Selbstwertquelle. Schließlich nimmt der Job auch einen großen Teil unserer Lebenszeit ein. Aber was, wenn man keine Arbeit mehr hat, und man vielleicht in einer Gegend lebt, in der es kaum noch Arbeit gibt, oder man nicht arbeiten kann? Damit kann ein großes Stück an Selbstwert wegbrechen, der dann mit anderen Werten kompensiert werden muss. Dass das Selbstwertgefühl unter dem Verlust der Arbeit leidet ist ohnehin längst bekannt, und außerdem ein wichtiger, ernstzunehmender Grund für gesundheitliche Probleme.

Der Faktor Arbeit hat allerdings gerade für jüngere Menschen für die Identifikation deutlich an Bedeutung verloren. Zwar gibt es selbstverständlich nach wie vor auch junge Menschen, die tatsächlich ihren Traumberuf erreicht haben, darin aufgehen und diesen entsprechend als wichtigen Teil ihres Selbst begreifen. Auf der anderen Seite ist es natürlich schwer, sich mit seinem Job zu identifizieren, wenn man gar nicht weiß, wie lange man überhaupt noch für die Firma arbeitet… Und: bei Weitem nicht jeder Job bietet das Potential zur Selbstverwirklichung, sondern ist vielleicht einfach nur ein Job, der im besten Fall die Miete bezahlt. Arbeit als Quelle des Selbstwerts und der Identifikation trifft also auch nur bedingt zu.

Junge Menschen suchen die Selbstverwirklichung deshalb häufig eher in sinnstiftenden Tätigkeiten oder Hobbies. Vor allem die Pubertät ist eine besonders prägende Phase für die Persönlichkeitsentwicklung. Teenager*innen probieren sich aus, wollen Talente und Fähigkeiten entdecken, wollen wissen wer sie sind, und in welchem Umfeld sie sich wohlfühlen. Dafür brauchen sie Möglichkeiten und Angebote. Wenn jetzt in dem Ort aber keine Freizeitangebote, keine Sportvereine, keine Möglichkeit ein Musikinstrument zu lernen oder mit einer Band zu proben vorhanden sind, dann entsteht auch hier ein Vakuum der fehlenden Identifikationsmöglichkeiten, der Persönlichkeitsentwicklung, des Selbstbildes, welches gefüllt werden muss. Und jetzt nehmen wir mal an, es gibt immerhin (genau) einen Sportverein, dann hat dieser für viele Jugendliche im Ort eine elementare Bedeutung als Freizeitangebot, über den sie dann effektiv und gezielt angesprochen werden können. Für Rechte ist es eine Steilvorlage, diesen Verein zu vereinnahmen und für sich als direkten Kanal und Ideologiemultiplikator zu verwenden. Sie machen sich genau diese Leere zu nutze, und bieten den Jugendlichen so gleich zwei identitätsstiftende Inhalte: Sport und ein rechtsextremes Weltbild, was auf den o.g. leicht verfügbaren nationalidentitären Werten beruht. Beides, gerade in Kombination ist bestens geeignet um Zugehörigkeit, Zusammenhalt und Identität zu erzeugen. Zack: Selbstbild, Selbstwert.

Wir stellen also fest, dass fehlende Identifikationsalternativen Raum erzeugen, der sowohl direkt als auch indirekt mit leicht verfügbaren Werten gefüllt wird – Werte, die man sich auch ohne Eigenleistung einfach zuschreiben kann, wie z.B. Dinge, die auf der eigenen Herkunft basieren. Und zwar auf der möglichst nahen, der, die am direktesten erlebt wird. Ansonsten kann man sich ja die Frage stellen, warum Herkunft nicht auch mit einer internationalen kollektiven Identität wie z.B. ‘europäisch’ assoziiert wird, was ja schon mit ganz anderen Werten aufgeladen ist, als die nationale Herkunft. Aber sie ist auch abstrakter. Denn: je direkter erlebbar, desto Identität.

Diese Gesamtsituation und die kognitiven Mechanismen dahinter erklären zumindest einen Teil der wegschauenden, schweigenden Masse: Sie identifizieren sich unbewusst (oder sogar bewusst, aber dann schweigen sie oft auch nicht) mit denselben Werten, die von den Rechtsextremen genutzt und bis ins Groteske gesteigert, ausgeschmückt und verzerrt werden.

Aber trifft das wirklich auf all die Menschen zu, die jetzt schweigen? Das wäre schon sehr erschreckend, und meiner Meinung nach auch viel zu einfach, weil diese “Vakuumzustände” eben nur bestimmte Teile der Gesellschaft betreffen. Insbesondere junge Menschen, die in urbanen Räumen leben, haben eher nicht mit mangelnden Angeboten zur Persönlichkeitsentfaltung zu kämpfen.

Ich persönlich habe eine andere subjektive Beobachtung, was sie davon abhält ihre politische Stimme zu erheben: Viele junge Menschen aus meinem Umfeld sind einfach vollkommen aus- oder überlastet damit, in der Leistungsgesellschaft irgendwie den Kopf über Wasser zu halten. Studium, Praktika, und der Lebensunterhalt muss auch irgendwo herkommen – da bleibt am Ende nicht mehr viel Energie, die noch für irgendwas verwendet werden kann. Oder die Überstunden fressen den letzten Rest Privatleben auf, die man hinnimmt, weil man Angst hat, dass der Arbeitsvertrag andernfalls nicht nochmal um wenigstens ein paar Monate verlängert wird. Oder ich mache in meiner Freizeit im Namen der grenzenlosen Selbstoptimierung die nächste Weiterbildung, damit ich vielleicht Chancen habe, bei der nächsten Beförderung nicht übergangen zu werden. Oder ich hab schon eine Ausbildung abgebrochen, danach ein Studium, und verzweifle unter dem Druck irgendwas auf die Kette kriegen zu müssen. Die kapitalistische Leistungsgesellschaft fordert vielen von uns dermaßen viel ab, dass kaum Energie bleibt, um sich mit anderen Problemen zu beschäftigen.

Eine weitere Erklärung für das politische “Kopf in den Sand stecken” können aber auch Gefühle der Ohnmacht sein, also eher eine Art politische Schockstarre als ein Wegschauen. Mit Sicherheit gibt es Menschen da draußen, die die Situation sehr wohl als bedrohlich empfinden und Handlungsbedarf sehen, denen aber der konkrete Anlaufpunkt fehlt, weil sie keine Kontakte haben oder Strukturen fehlen, an die sie sich wenden können. Oder sie haben schlicht reelle Angst sich zu äußern, weil es da, wo oder wie sie leben mittlerweile angebracht ist, Angst zu haben.

Es gibt aber auch noch eine andere Erklärung fürs Nichtstun: Manche Leute sind einfach selbstgefällige, ignorante, egozentrische Arschlöcher, denen es einfach scheißegal ist, was um sie herum passiert. Die ihre kleingeistige “mein Haus, mein Auto, mein Vorgarten”-Mentalität so lange weiterleben, bis die Nazis vor ihrer Tür stehen und ihnen alles wegnehmen, oder so lange ihr Leben eben dauern mag.

So weit, so ernüchternd. All diese Eigenschaften des menschlichen Denkens erwecken den Anschein, der Mensch sei geradezu dafür geschaffen sich alles schönzureden und dann ins Verderben zu stürzen. Unser Gehirn verbraucht etwa 20% unseres täglichen Energiebedarfs. Sich entgegen dieser kognitiven Mechanismen zu verhalten kostet jedes Mal Energie, weil man jedes Mal aktiv nachdenken muss. Ihnen nachzugeben geht von ganz alleine und kostet gar nichts.

Und was jetzt? Wie gehen wir damit jetzt um? Gibt es noch Grund zur Hoffnung, oder können wir nur noch zusehen, wie alles den Bach runtergeht, wenn auch die letzten engagierten Menschen aus purer Erschöpfung und Angst den Kampf gegen rechts einstellen?

So sehr es mich schmerzt, aber ich habe darauf keine Antwort. Höchstens ein paar Ideen und Ansätze, die vielleicht helfen würden, mehr Menschen zu erreichen.

Als erstes: Struktureller Aufbau! Sowieso, aus so vielen Gründen. Menschen brauchen Angebote, sowohl beruflich als auch privat. Erst dadurch entsteht wirklicher Lebensraum. Nur so können Menschen ihr Potential entfalten, sich verwirklichen, und Glück und Zufriedenheit erreichen – die beste Prävention gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit überhaupt. Durch strukturelle, kulturelle und wirtschaftliche Armut wird der Nährboden für eine gesunde persönliche Entwicklung entzogen, und Raum für destruktives entsteht. Ganze Regionen wirtschaftlich, strukturell und kulturell erodieren zu lassen, ist eine politische Verantwortungslosigkeit sondergleichen. Das ist eine langfristige Aufgabe der Politik, die dringend in Angriff genommen werden muss, um den Ursachen für die Verbreitung rechter Ideologien das Wasser abzugraben.

Um kurzfristig mehr Menschen zu mobilisieren, könnte etwas anderes helfen: Bewegungen funktionieren, wenn sie Symbole oder Gallionsfiguren haben. Weil – Achtung: Sie haben Identifikationspotential. Wir brauchen viel mehr Personen, die in der breiten Masse Akzeptanz und hohes Ansehen genießen, die sich öffentlich äußern und Position beziehen. Mit Reichweite, Aufmerksamkeit, und Akzeptanz kann der informationale Einfluss (s.o.) zum Vorteil genutzt werden – beliebte Promis können helfen, die Wahrnehmung von Ereignissen in der Bevölkerung zu beeinflussen. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob diese Personen tatsächlich Expert_innen sind; entscheidend ist vielmehr, wie die Bevölkerung diese Personen wahrnimmt. Wer beliebt ist, dessen Meinung ist auch akzeptiert. In den USA ist es viel üblicher, dass Prominente sich politisch positionieren, als in Deutschland. Hier hält man sich aus diesen Themen lieber raus, aus Angst ein Image zu bekommen, das man nicht mehr los wird, oder es sich mit den “falschen” einflussreichen Leuten zu verscherzen. Auch schon wieder erschreckend, und ganz aktuell im Rahmen der metoo-Debatte zu beobachten. Tja, was soll ich sagen, es sieht nicht gut aus.

Und wie beantworten wir jetzt die Frage, warum so viele Leute wegschauen? Es IST Akzeptanz, es IST Ignoranz, aber es ist auch Ohnmacht, fehlende Energie und Überforderung, und Angst.

Abschließend möchte ich euch noch eine Sache ans Herz legen: Achtet darauf, was ihr verbreitet. Denkt immer daran: Wiederholung verschafft Gewicht. Es ist schwierig, abzuwägen, wann man mit der Verbreitung rechter Aktivitäten durch gesteigerte Empörung eventuelle positive Effekte erzielen kann, und wann man eigentlich nur die Reichweite derer erhöht, den Inhalt reproduziert, und ihnen voll in die Karten spielt. Das menschliche Gehirn funktioniert nunmal so, ob wir das wollen oder nicht. Und die Rechten wissen das für sich zu nutzen; ihre ganze Strategie der Provokation von Aufmerksamkeit baut genau darauf auf, und funktioniert bis jetzt leider hervorragend.

Sämtliche Aktivitäten von rechts zu ignorieren ist aber ebensowenig eine gute Idee, wie wir wissen. Der beste Weg ist wohl, Inhalte vor allem nicht unkommentiert und uneingeordnet zu verbreiten, auf die Macht der Sprache zu achten , und natürlich keine direkten Retweets oder Reposts zu machen, die den Accounts und den Personen dahinter nur helfen.

Mein hashtag dazu: #dontspreadhate !

In diesem Sinne: Haltet zusammen, gebt aufeinander acht und bleibt standhaft. <3

 

Quellenverweis: “Sozialpsychologie” Aronson, Wilson, Akert, (2014) Pearson Deutschland

 

tl, dr:

  • Informationen, die unser Selbstbild, also unsere Identität und unseren Selbstwert angreifen, blenden wir mit Vorliebe aus.
  • Selbstbilder, Identität und Selbstwert brauchen Angebote wie z.B. Arbeitsplätze und Kultur, um sich zu entwickeln. Fehlen sie, greifen Menschen oft zu leicht verfügbaren Werten – wie der nationalen Herkunft.
  • Alles, was die Identifikation mit der nationalen Herkunft unterstützt, führt dazu, dass Kritik an der deutschen Gesellschaft von diesen Menschen ignoriert wird, da sie sich und ihre Gruppe dadurch angegriffen fühlen.
  • Andere Gründe fürs Schweigen können Ohnmacht, fehlende Energie oder natürlich Angst sein.
  • Um rechte Ideologien zu bekämpfen, müssen Regionen, die wirtschaftlich und kulturell erodiert sind wieder zu richtigen Lebensräumen mit Angeboten werden, damit kein Vakuum des Selbstwertes entsteht, das dann mit leicht verfügbaren, nationalen Werten gefüllt wird.
  • Um mehr Menschen zu erreichen und zu mobilisieren, braucht es mehr beliebte, prominente Personen, die sich positionieren, und der Bevölkerung so eine Möglichkeit zur Identifikation mit einer politischen Meinung anbieten.
  • #dontspreadhate ! Denn: Wiederholung verschafft Gewicht! So funktioniert das menschliche Gehirn.

 

About Bianca

Studiert Wirtschaftspsychologie und beschäftigt sich mit menschlichem Handeln, Fühlen und Denken. Politik? Unbedingt! Partei? Nur wenn's passt. Mag Sam Gamdschie und das mit der Zukunft.

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