Stadtkontext

Was das F-Wort für mich bedeutet

Ich bin wütend. So richtig scheiß wütend. Worüber?

  • Darüber, dass fremde Männer zu mir Schatz sagen, wenn ich etwas für sie erledigen soll.
  • Darüber, dass mir sobald ich meinen Standpunkt willensstark vertrete, gesagt wird ich sei launisch oder zickig.
  • Darüber, dass ein Mann mir vorwirft, ich wäre unsachlich, nachdem ich ihn darauf angesprochen habe, dass der Spruch „Frauen und Technik“ mich beleidigt (vor allem als IT’lerin) und er solche Sprüche bleiben lassen soll.
  • Darüber, dass ein Personalvertreter zugibt die Definition von Sexismus nicht zu kennen, und daher entsprechende Situationen verharmlost.
  • Über die Selbstverständlichkeit der Vormachtstellung, des Recht Habens und des besser Wissens, die viele Männer für sich beanspruchen und mir gegenüber ausleben.
  • Über Kollegen, die schamlos und offensiv gaffen, und mir bei jeder Bewegung das Gefühl von Unwohlsein aufzwingen.
  • Darüber, dass Freundinnen von mir 20% weniger verdienen für die gleiche Arbeit, nur weil sie keinen Penis haben!
  • Darüber, dass fremde Männer meinen mich anfassen zu dürfen, weil sie ja nur die Tattoos „sehen“ wollten!
  • Darüber, dass Frauen mit ausschweifendem Liebesleben abgewertet und beschimpft werden, während dasselbe für Männer völlig okay ist, oder sogar als bewundernswert gilt.
  • Darüber, dass ein Typ im Club mich anfasst, und auf meine Konfrontation hin mit einem aufgesetzten „Ups!“-Gesichtsausdruck  die Hände in die Luft hebt und so tut als sei das ja nur ein kleiner Spaß gewesen und überhaupt ja auch gar nicht schlimm. Er darf sich anscheinend einfach bedienen, wenn ihm danach ist.
  • Über Typen, die mich beleidigend ansprechen, nachdem ich auf ihre erste Ansprache nicht eingegangen bin und sie ignoriert habe. Weil es ja schließlich ihr Anrecht ist, dass ich mit ihnen in Kontakt trete wenn sie das gerade wollen.
  • Darüber, dass ich nachts auf dem Heimweg Angst haben muss, dass mir körperliche Gewalt angetan wird, weil ein Mann gerade Lust dazu hat.
  • Über Typen, die all diese Dinge verharmlosen, belächeln, negieren, oder sogar mit Gewalt drohen um ihre Vormachtstellung nicht zu verlieren, und die nicht die leiseste Ahnung davon haben, wie sich all das anfühlt. Jeden verdammten Tag, jedes verdammte Mal.
  • Über „typisch Frau“-Sprüche und Klischeedreschereien, die gerne auch als Scherz verkauft werden, und dadurch immer weiter am Leben gehalten werden.
  • Über Frauen, die sich selbst dieser Klischees bedienen um lustig zu sein und akzeptiert zu werden.

Danach bin ich oft sehr traurig.

Darüber, wenn Frauen nicht begreifen, dass sie mit solchen Abwertungen nicht nur sich selbst schwächen, sondern auch alle anderen Frauen, die tagtäglich viel Kraft aufbringen müssen, um sich gegen diese Klischees zu behaupten. Und darüber, wenn engagierte Frauen andere engagierte Frauen angreifen, weil Meinungen über Detailfragen, Methoden oder Intensität des Engagements auseinandergehen.

Es ist doch so: Wenn in einem Orchester die Violinist*innen sagen, sie seien schließlich die Oberstimme und stellen die Solist*innen, und daher sollen alle anderen gefälligst leise spielen oder einpacken und gehen, dann kommt keine kraftvolle, facettenreiche, wunderbare und berührende Musik dabei heraus, sondern das Orchester ist am Ende. Lasst uns doch gemeinsam Musik machen, die alle umhaut!

An die männlichen* Leser, die diese Dinge nicht glauben (wollen):

Stellt euch vor, dass eure Freundin, eure Schwester, eure Frau, und eure Mutter oder eure Tochter, einfach jede Frau die ihr kennt und die euch etwas bedeutet, mit all diesen Problemen, Beleidigungen, Demütigungen und Übergriffen jeden Tag klarkommen muss, weil andere Männer finden, dass sie das Recht haben das zu tun. Wie findet ihr das? Was für ein Gefühl habt ihr dabei? Ein schlechtes? Seid ihr vielleicht sogar wütend? Willkommen in meiner Welt.

Sich für die Frauenrechte im täglichen Leben einzusetzen, heißt Frauen den Rücken zu stärken. Das wird allgemein unter Feminismus (arg, sie hat das böse Wort gesagt!) verstanden. Und starke Frauen tun allen gut, nicht nur den Frauen selbst!  Starke Frauen sind eure Verbündeten, nicht eure Feinde. Das heißt auch nicht, dass eure Freundin auf einmal bestimmt wo es langgeht und ihr nichts mehr zu melden habt, sondern es heißt, dass ihr beide gleichberechtigte Partner seid, und miteinander entscheidet, wie euer Zusammenleben aussehen soll. Das ist alles.

Und eins noch: Arschlöcher, Vollidioten und inkompetente Führungskräfte existieren auch völlig unberührt von einer Frauenquote bereits seit sehr langer Zeit, also löst euch von überholten Klischees. Diese ganzen “Typisch Mann-typisch Frau”-Pseudoweisheiten sind rein sozial konstruiert, praktisch nichts davon ist tatsächlich Veranlagung, das hat die Wissenschaft mittlerweile bestätigt. Also hört auf diesen abwertenden und erfundenen  Mist zu propagieren. Das hilft ungemein, die eigene Wahrnehmung zum Positiven zu verändern.

Wenn ihr die oben aufgeführten Punkte auch doof findet, und ihr findet, dass sich das endlich ändern muss, dann freue ich mich und ich darf euch herzlich gratulieren: Ihr seid Feminist*innen. So einfach ist das. Ist doch gar nicht so schlimm, oder?

 

P.S.: Sobald wir nicht nur auf irgendeinem Papier, sondern im täglichen Leben Gleichberechtigung und Gleichbehandlung erreicht haben, könnt ihr das ganze auch ‘Equalismus’ nennen. Aber leider sind wir noch nicht soweit, es gilt einen Jahrtausende altenVorsprung aufzuholen, und wir sind erst in den 60ern gestartet.

 

Bildquelle für das Beitragsbild: PPCC Antifa auf Flickr, CC-BY-NC-Lizenz 2.0

About Bianca

Studiert Wirtschaftspsychologie und beschäftigt sich mit menschlichem Handeln, Fühlen und Denken. Politik? Unbedingt! Partei? Nur wenn's passt. Mag Sam Gamdschie und das mit der Zukunft.

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