Stadtkontext

Wenn die Kapelle nicht mehr bis zum Schluss spielen darf – Über Repression von Open Air Partys in Bremen

Schon seit vielen Jahren finden im Bremer Stadtraum Open Air-Techno-Partys statt. Unangemeldet, ohne Genehmigung, privat und eigenverantwortlich organisiert, mit anderem Wort: Illegal.

Und bis vor ein-, zwei Jahren war das für keine Interessengruppe ein Problem, weder für Anwohner*innen, für die Polizei, oder den Innensenator. Die Polizei hatte Kontaktdaten der Verantwortlichen, die Locations wurden sauber hinterlassen, bei Lärmbeschwerden wurde reagiert: leisere Musik oder Umzug der Veranstaltung zu einer anderen noch abgelegeneren Location. Wenn es zu Auflösungen kam, dann waren diese in der Regel begründet. So die Aussage der Veranstalter.

Demo "Freiräume für Musik"Doch die Stimmung kippte. In acht von zehn Fällen hat die Polizei in diesem Jahr meist früher als später die Partys gesprengt. Nicht selten lauerte sie regelrecht bereits an der nächsten potentiellen Location, um die Party dort direkt im Keim zu ersticken. Ein Katz und Maus-Spiel. Der Knackpunkt bei diesem Verhalten ist die Begründung. Die liegt in konkreter Form nämlich meist gar nicht vor, weder in Form von Lärmbeschwerden, noch in anderer. Es handelt sich üblicherweise um Verbote rein um des Verbotes Willen: Liegt keine Genehmigung vor, ist die Party illegal. Das allein genügt der Staatsgewalt um sogar mit Anzeigen gegen die Veranstalter vorzugehen. Dieses Vorgehen, ein Verbot allein mit der Tatsache des Verbots zu legitimieren, halte nicht nur ich für absolut problematisch und inakzeptabel.

Verbote nur um des Verbotes willen – das ist nicht akzeptabel

Am Samstag gingen über 500 Menschen für ihr Recht zu tanzen auf die Straße, nachdem ein Kollektiv nach der Auflösung einer Party am 15.08. in der Senator-Appelt-Straße die Initiative ergriffen hatte und zur Demo aufrief. Schnell schlossen sich andere Veranstalter und Kollektive an und die Nachricht verbreitete sich rasant. Die Stimmung war ausgelassen, fröhlich und friedlich, bunt und glitzernd. In den Redebeiträgen der Veranstalter wurde auf Bedürfnisse, Probleme und auch mögliche Verbotsgründe eingegangen:

  • Lärm: In der Vergangenheit haben die Veranstalter bereits bewiesen, dass Lärmbeschwerden von Anwohner*innen ernst genommen werden. Es wird runtergedreht oder die Location gewechselt. Beschwerden kommen aber kaum vor, da die Locations ohnehin schon abgelegen sind.
  • Sauberkeit: Auch hier ist bisher alles zufriedenstellend abgelaufen. Bei den Partys hängen Mülltüten bereit, und hinterher wird gemeinsam aufgeräumt. Auch hier lagen keine Beschwerden vor.
  • Angeblich gewerbsmäßiger Ausschank von Alkohol/Getränken: Wenn Gewerbsmäßigkeit unterstellt wird, sollte eins doch meinen, es wird ein Gewinn erwirtschaftet. Wenn auf einer Party drei Kisten Bier stehen, die gegen eine Spende erhältlich sind, sehe ich hier beim besten Willen keine Gewerbsmäßigkeit.
  • Drogenkonsum: Der findet überall statt, das ist kein spezifisches Problem der Open Air-Szene. Wird dieses Argument ernsthaft ins Feld geführt, sollte die Polizei lieber an der Discomeile ansetzen, wo es deutlich aggressiver und exzessiver zugeht.
  • Fehlende Genehmigung: Der Genehmigungsprozess ist ein bürokratischer Hürdenlauf. Bis zu 5 verschiedene Stellen müssen kontaktiert werden, von denen sich einige auch gerne die Zuständigkeit hin und herschieben, was das Ganze natürlich nicht einfacher macht. Außerdem stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, Wochen vorher eine Open Air-Party genehmigen zulassen, wenn eins beim besten Willen noch nicht sagen kann, ob das Wetter mitspielt. Dieser Prozess ist ein reines Theoriemodell, und praktisch nicht nutzbar. Hier ist unbedingter Handlungsbedarf der Politik gefragt.
  • Nutzung der genehmigten Flächen: Interessanter Punkt. Im letzten Jahr wurden 3 Flächen zur Nutzung für solche Partys von der Stadt freigegeben. Warum klappt das nicht? Ziemlich einfach: Sind die Flächen öffentlich und allgemein bekannt, würden hunderte auch szenefremde Feierfreudige diese aufsuchen, um umsonst und draußen mitzufeiern. Schnell wäre eine große Menschenmasse vor Ort, und plötzlich müssen die Veranstalter die Verantwortung für die Sicherheit dieser Masse tragen. Das können und wollen sie nicht – und es liegt auch nicht im Interesse der Szene, die Massen anzuziehen. Die Friedlichkeit und eben auch das Aufräumen nach diesen Partys funktioniert aufgrund der familiären Atmosphäre. Sobald die Massen Einzug halten, kann sich das Konzept Open Air-Party nicht mehr selbst regulieren und es würde unweigerlich zu Problemen kommen. Daher wird die Location immer nur stark begrenzt an einige wenige bekannte Gesichter kommuniziert, die diese dann über Freunde weitergeben. Dadurch ist sichergestellt, dass die Besucherzahl überschaubar bleibt und die Personen in der Regel bekannt sind. Fazit: Genehmigte, bekannte Flächen wären der Todesstoß für die Open Air-Szene.
Feierkultur ohne Rassismus und Sexismus sollte gefördert statt ausgegrenzt werden

Was ich und so viele andere an der Techno-Szene so schätzen, ist die Ablehnung von Sexismus und Rassismus. Wenn ich abends mit dem Rad die Discomeile entlang fahre, muss ich mir schon reichlich sexistische Sprüche und Anmachen gefallen lassen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie die Situation in den Clubs dort ist. In der Open Air-Techno-Szene hat sowas keinen Platz. Die Stimmung ist hier deutlich friedlicher und freundlicher als irgendwo sonst, Vielfalt wird gelebt und gefeiert. Diese Einstellung wäre z.B. auf der Discomeile wünschenswert, bleibt aber wohl eine Utopie. Dass also gerade diese Partys mit Vorliebe verhindert werden, während andernorts Schlägereien und Belästigungen Usus sind, ist ein furchtbar falsches Signal der Politik.

Zu guter Letzt kommen wir auch an der Frage nicht vorbei, wem öffentlicher Raum eigentlich gehört, und wer hierfür die Spielregeln derart festlegen darf. Hat nicht die Stadt Bremen ein Interesse daran, ein attraktiver Lebensraum für junge Menschen zu sein und zu bleiben?

Wem gehört öffentlicher Raum? Will Bremen kulturell attrakiver Lebensraum bleiben?

Subkulturen wie diese “machen eine Stadt für mich zu einem lebenswerten Ort.” sagte eine Rednerin. Und ich kann ihr nur zustimmen. Subkulturen sind die schillernden Facetten urbaner Kultur. Und spätestens seit der Debatte um die Initiative #Bremenlebt (wir berichteten), sollte sich der Senat ernsthaft Gedanken darüber machen, wie Bremen sich entwickeln soll. Soll Kultur Raum gegeben werden, um sich zu entfalten, und Bremen attraktiver zu machen, oder wird eher eine verschlafene Provinzstadt angestrebt? In Hinblick auf die Entwicklung der Demografie ist es vielleicht sinnvoll, auch für junge Menschen interessant zu sein.

Der Senat muss dringend etwas dafür tun, dass Subkultur, Partys, Club- und Kneipenkultur ihren festen Platz haben und behalten. Sonst wird es in Bremen bald sehr leise werden.


Am Donnerstag den 27.08.2015 um 16:30 findet die zweite Tanzdemo “SUPPORT YOUR SUBORT” vor der Bürgerschaft in Bremen statt. Weitere Informationen findet ihr → hier.

About Bianca

Studiert Wirtschaftspsychologie und beschäftigt sich mit menschlichem Handeln, Fühlen und Denken. Politik? Unbedingt! Partei? Nur wenn's passt. Mag Sam Gamdschie und das mit der Zukunft.

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