Zur Polizeioperation mos maiorum
Vom 13. – 26.10.2014 soll in der gesamten EuropĂ€ischen Union die Operation mos maiorum stattfinden. WĂ€hrend dieser zwei Wochen soll nach Menschen gesucht werden, die ohne Erlaubnis in die EU eingereist sind.
Ob nun die Morde und Angriffe der Terror-Organisation „Islamischer Staat“ (IS), Kriege, Hunger, soziale Verelendung und Naturkatastrophen – dies sind nur einige der Ursachen, die weltweit Millionen Menschen aus Angst um ihr Leben in die Flucht treiben. Diejenigen, die versuchen das vermeintlich sichere Europa zu erreichen, ertrinken zu Tausenden im Mittelmeer oder werden vom militĂ€risch operierenden, sogenannten Grenzschutzdienst, Frontex zurĂŒckgetrieben und ihrem Schicksal ĂŒberlassen.
Wer es dennoch nach Europa schafft, muss mit Unterbringung in Sammellagern, Kasernierung, erniedrigender Behandlung durch Staat, Justiz und Polizei, sozialer AusÂgrenzung und Angriffen durch Neonazis oder prĂŒgelnden Wachschutzpersonen rechnen. Zeitgleich wird ihnen durch eine Reihe von Politiker_innen und vermeintlichen Expert_inÂnen die Sorge um ihr Leben abgesprochen und sie als âWirtschaftsflĂŒchtlingeâ öffentlich diffamiert. In FĂ€llen, in denen Relativierung nicht greift, wie etwa bei denen, die die IsÂlamisten des IS wahlweise ermorden oder vertreiben, wird neuerdings das Argument in Stellung gebracht, die Aufnahme wĂ€re âein Sieg fĂŒr den ISâ. Eine Argumentation, die an Zynismus kaum zu ĂŒbertreffen ist.
WĂ€hrend also auf der ganzen Welt Menschen umgebracht und vertrieben, an den AuĂenÂgrenzen der EU ertrinken oder die Hilfesuchenden abgewiesen werden, soll nun der Druck auf jene steigen, die auf der Suche nach einem Leben ohne Angst in der EU angekommen sind. Diese verschĂ€rfte Repression wird damit begrĂŒndet, Asylverfahren durch die IdentiÂfizierung fĂŒr die Betroffenen einfacher zu machen, und den Betroffenen damit quasi sogar zu helfen. Druck solle nur auf die „kriminellen Schlepperbanden“ und „HintermĂ€nner“ ausÂgeĂŒbt werden, die vom Leid der GeflĂŒchteten profitierten.
Dass dem nicht so ist, zeigt die Praxis. Beispiel Deutschland. Hier wird der FlĂŒchtlingsstaÂtus in den meisten FĂ€llen vom zustĂ€ndigen Bundesamt fĂŒr Migration und FlĂŒchtlinge (BaMF) zunĂ€chst nicht anerkannt, worauf die AuslĂ€nderbehörden zunehmend AufenthaltÂstitel verweigern und Abschiebungen verfĂŒgen. Das Ziel ist nicht, den Menschen ein wĂŒrdiÂges Leben zu ermöglichen. Vielmehr erwartet den GroĂteil die Abschiebung in ihre HeimatlĂ€nder.
Besonders widerlich mutet auch der Name der anstehenden Polizeioperation, mos maioÂrum, an. Der mos maiorum (lat. etwa: Sitte der VĂ€ter/Vorfahren) bezeichnete in der spĂ€ten römischen Republik und dem frĂŒhen Kaiserreich die zentralen moralischen und sittlichen Vorstellungen der römischen Traditionalist_innen. So umfassten sie vor allem nach der Zerstörung Karthagos im 3. Punischen Krieg ab 146 v. Chr., die Verhaltensweisen, die römische Aristokraten beachten mussten, wenn sie die politische Karriereleiter der res publica hinaufsteigen wollten. Die strikten Regeln des mos maiorum wurden spĂ€ter oft als Grundlage des Aufstiegs Roms zur Weltmacht und zur Bildung des römischen imperium angefĂŒhrt. Immer wieder riefen römische Politiker dazu auf, diese alten Sitten zu achten. So beispielsweise der römische Staatsmann Cato1, der 184 v. Chr. wĂ€hrend seiner Amtszeit als Zensor2 forderte, „neumodische Schandtaten zu zĂŒchtigen und die alten Sitten zurĂŒckzubringen“3. Diese Sitten (mores, Plural von mos) umfassten laut Cato:
- labor– die MĂŒhe und Arbeit, die jeder BĂŒrger fĂŒr die res publica aufbringen soll,
- iustitia â die Gerechtigkeit, die auch ein Zeichen von Ehre war,
- pietas â die Redlichkeit und Frömmigkeit,
- res publica â die Bevorrechtigung des Staates vor dem Privaten sowie
- fortitudo â die, militĂ€rische, StĂ€rke
Diese Sitten wurden zur Zeit Roms benutzt, um den Status Roms als aufstrebende MitÂtelmeermacht hervorzuheben. Das Römische Kaiserreich berief sich spĂ€ter auf den, angeÂblich von den „weisen Vorfahren“ geschaffenen, Verhaltenskodex und seine „makellosen“ Sitten und legitimierte mit seiner Geschichte den Aufstieg der römischen Republik und spĂ€ter des Kaiserreichs zur Weltmacht.
Mit dieser Mystifizierung der eigenen Geschichte sollte den römischen BĂŒrger_innen ein GefĂŒhl von Sicherheit vermittelt werden, durch das kollektive RĂŒckbesinnen auf die „Sitten der Vorfahren“ wurde so eine „nationale IdentitĂ€t“ gestiftet. Gleichzeitig wurde sich damit gegenĂŒber den nichtrömischen Menschen abgegrenzt, wie bei jedem Nationalismus gab es ein „wir“ und ein âdie anderen“. Der mos maiorum war somit einer der essentiellen BeÂstandteile des römischen Nationalismus.
Es wĂ€re naiv zu glauben, der Name der Polizeioperation, die vom 13. – 26.10.2014 zum Ziel hat, Migrant_innen ohne Papiere aufzugreifen und „Migrationswege“ sowie „krimÂinelle Strukturen“ offenzulegen, sei zufĂ€llig gewĂ€hlt. Frei nach der Rhetorik Catos scheinen sich die EuropĂ€ische Union und die EuropĂ€ischen Mitgliedsstaaten in ihren, nicht nur von konservativen Politiker_innen immer wieder propagierten, „althergebrachten, westlichen Werten“ bedroht zu sehen. Genau wie zur Zeit der römischen Republik sind diese jedoch eine Farce.
Die Annahme, es gĂ€be eine westliche Kultur, die schon seit Jahrhunderten von „weisen Vorfahren“ bis heute ĂŒberliefert wurde, ist nicht nur historisch falsch, sondern fĂŒhrt in der Konsequenz auch zu einer vertieften Abschottung nach aussen – zur „Festung Europa“. Vielmehr geht es darum, die bestehenden kapitalistischen VerhĂ€ltnisse, spezieller: den ArÂbeitsmarkt und die Sozialsysteme vor einer, kĂŒnstlich als Bedrohung inszenierten, âFlutâ4 von Nicht-EuropĂ€er_innen zu „schĂŒtzen“
Wir stellen uns die Frage, was denn „unsere westlichen Werte“, unser mos maiorum, eigentlich sein sollen, die es anscheinend mit Polizeigewalt zu verteidigen gilt. Oft wird an dieser Stelle „die Demokratie“, âchristliche Werteâ oder „die Freiheit“ angefĂŒhrt, die wahlweise durch „illegale Migranten“, die den Sozialsystemen „auf der Tasche liegen“ und sich hier „ein schönes Leben“ machen wollen, oder auch durch die „zunehmende IsÂlamisierung“ durch Einwander_innen muslimischen Glaubens bedroht sei. Die „ArguÂmente“ gegen GeflĂŒchtete unterscheiden sich dabei je nach Herkunftsregion und strotzen oft vor rassistischen Stereotypen. So wird der muslimische Glaube arabischer Einwander_innen oft mit der „westlichen Kultur“ als unvereinbar dargestellt und Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien prinzipiell eine rein finanzielle Fluchtmotivation unterÂstellt. Dies umfasst jedoch nicht nur Migrant_innen aus dem aussereuropĂ€ischen Raum, sondern auch innerhalb der EuropĂ€ischen Union wird munter gegen sogeannnte „Pleite-Griechen“ und bulgarische Migrant_innen gehetzt.
Aus dieser rassistischen Kategorisierung kann nur ausbrechen, wer sich nach Jahren des Aufenthalts „gut integriert“ hat. Diese „Integration in die Gesellschaft“ wird oftmals nur daran festgemacht, ob Menschen mit Migrationshintergrund ein gutes Einkommen erzielen oder sich besonders „fĂŒr die Gesellschaft“ eingesetzt haben, obwohl diese stigmaÂtisierende Frage bei âdeutschstĂ€mmigenâ Menschen nicht gestellt wird. Somit werden Menschen an ihrer Verwertbarkeit gemessen und dabei bei Migrant_innen ein anderes WagmaĂ angesetzt, als bei Menschen, die deutschstĂ€mmig sind. Hierzu sei auch auf die Position der Antifaschistischen Gruppe Bremen zum Thema Armut, Ausgrenzung und Leistungszwang vom 03.10.2014 verwiesen, die bereits eine umfassende Analyse zu diesem Thema bereitgestellt hat.5
Insgesamt werden Migrant_innen somit entweder zur Bedrohung fĂŒr die europĂ€ischen Sozialsysteme oder die „europĂ€ische Kultur“, „unsere“ Sitten, âunseren mos maiorum„, erklĂ€rt. Wir brauchen jedoch keinen mos maiorum, den es nach aussen zu verteidigen gilt. Menschen, die nach Europa migrieren, mĂŒssen dies aus GrĂŒnden wie (BĂŒrger-)Krieg, Armut, Hunger, Naturkatastrophen tun – es ist völlig gleich wieso. Kein Mensch hat das Recht, einem anderen Menschen zu sagen, wo er zu leben und wohin er zu gehen hat, auch wenn sich Staaten und Nationen dies immer wieder anmaĂen.
Wir wollen einen europĂ€ischen Raum, der allen Menschen zugĂ€nglich ist. Es muss hier nicht mehr betont werden, dass angesichts des Reichtums der europĂ€ischen Staaten, eine „das Boot ist voll“-Rhetorik nicht nur grober Unfug, sondern auch schlicht menschenverÂachtend ist und den offiziell so hoch gehaltenen Werten des Grundgesetzes und der UN-Grundrechtecharta massiv zuwiderlĂ€uft.
Menschen jedoch, die aus oben genannten GrĂŒnden – oder warum auch immer – unter oftÂmals schwersten Bedingungen aus ihrer Heimat fliehen, im Mittelmeer faktisch ersaufen zu lassen oder mit Hilfe von Polizeioperationen an FlughĂ€fen oder Bahnhöfen ausfindig zu machen und in das, durch Industrienationen wie Deutschland, verursachte, Elend, aus dem sie geflohen sind, gewaltsam zurĂŒckzuschicken, kann niemals eine „Sitte“ sein – Es ist ein Verbrechen!
Die Benennung der Aktion des Rates der EU stöĂt umso mehr auf, als dass sich auch der Faschist Benito Mussolini immer wieder auf das Römische Reich und „römische Werte“ berief und im damaligen, mit den Nazis verbĂŒndeten, faschistischen Italien ein „neues römisches Reich“ herbeitrĂ€umte.
Wir stellen uns daher entschieden gegen die europĂ€ische Abschottungspolitik und wir scheissen auf eure „Sitten“, wenn sie bedeuten, dass Menschen, die zufĂ€llig wo anders geboren sind, an ihnen nicht teilhaben können und teilhaben sollen.
Nicht nur deswegen:
ReiĂt die Festung Europa ein! Informiert eure Freund_innen, Verwandten und Bekannten! Sabotiert die „Joint Operation“ Mos Maiorum vom 13.10 – 26.10.2014 ĂŒberall, wo ihr von Aktionen der Polizei und Frontex erfahrt!
No Border, No Nation, Stop Deportation!
Refugees welcome!
Stellungnahme des AKJ-HB zu mos maiorum.pdf
- (234 – 149 v. Chr.)
- (hochrangiger Beamter der römischen Republik, der ĂŒber den Census, den Staatsschatz und ĂŒber das Einhalten der römischen Sitten wachte)
- (castigare … nova flagitia et priscos revocare mores)
- Bei weniger als 0.8 Personen auf 1000 deutsche StaatsbĂŒrger_innen kann auch rein statistisch wohl kaum von einer „Flut“ gesprochen werden
- http://antifabremen.blogsport.de/2014/09/03/gedanken-zum-aufruf-was-ihr-feiert-armut-ausgrenzung-leistungszwang/


Eine Antwort
[…] Quelle: akj-bremen.org […]