Wahlanalyse zur #hbwahl
Vorbemerkungen:Â
Ich haben mit den beiden Wahlatlanten, die der Landeswahlleiter mit dem Endergebnis gefĂŒttert hat, gearbeitet. Dort sind die Wahlergebnisse der einzelnen Orts-/Stadtteile eingetragen und dazu noch einige Strukturdaten wie Arbeitslosigkeit oder Altersstruktur der Stadtteile. Ich kann also immer nur Stadtteil-Daten mit Stadtteil-Daten korrelieren, was mir natĂŒrlich nur einen eher geringen Grad an Genauig- und ZuverlĂ€ssigkeit gibt. Es wirft mir also nur Wahrscheinlichkeiten bzw. Chancen raus und keine genauen Werte â dafĂŒr mĂŒssten Menschen ihr Einkommen, Alter etc. bei der Wahl mit angeben, aber aus gutem Grund ist das nicht so. Also alles, was ich hier schreibe ist meine Auswertung, die ich  versuche so gut wie möglich durch Daten zu begrĂŒnden – sie hat keiner Anspruch auf VollstĂ€ndigkeit und AllgemeingĂŒltigkeit. Zudem haben ich Bremerhaven auĂen vor gelassen, da ich mir nicht zutraue als Bremer etwas ĂŒber den Wahlkampf dort vor Ort zu sagen.
SPD
Die SPD hat 32,83 % der Stimmen bekommen, das sind 383.146 Stimmen im Land Bremen. Damit hat sie 5,77 Prozentpunkte und 122.202 Stimmen einbĂŒĂen mĂŒssen. Von einer klaren Niederlage zu sprechen, ist also durchaus berechtigt. In Bremen hatte die SPD zudem sogar nur 32,64 %. In der gesamten Bremer Stadtgemeinde hat die SPD deutlich verloren. Besonders stark in Bremen-Nord, in Walle, Woltmershausen und Huchting â in Bezirken in denen vermutlich eher Arbeiter*innen leben.
Wie 2011 waren Stadtteile wie Gröpelingen, Osterholz und auch weiterhin Huchting und Woltmershausen Hochburgen der SPD. Ihre SchwĂ€chen waren Mitte, Ăstliche Vorstadt, Schwachausen, Oberneuland und Horn-Lehe. Diese Stadtteile waren auch 2011 keine Bollwerke der Sozialdemokratie.
Bei den Strukturdaten ergibt sich deutlich, dass die SPD vor allem in Stadtteilen stark ist, in denen der Anteil der EmpfĂ€nger*innen von Leistungen (nach SGB 2) hoch ist. Ăhnlich sieht es bei geringeren Einkommen aus. Bestes Beispiel ist Gröpelingen mit Arbeitslosigkeit von  27,1 % und einem Wahlergebnis von 44,8 %. Gleichzeitig scheint die SPD die groĂe Verlierer*in der geringen Wahlbeteiligung gewesen zu sein. In allen Stadtteilen mit sehr ĂŒberdurchschnittlichen SPD Ergebnissen ist auch die Wahlbeteiligung deutlich runtergegangen.
Ich wĂŒrde daraus durchaus schlussfolgern, wie auch die Exitpolls ergaben, dass die SPD vor allem an die NichtwĂ€hler*innen abgegeben hat. Warum so viele SPD WĂ€hler*innen am Sonntag zuhausegeblieben sind, kann ich nur vermuten, aber es wird viele GrĂŒnde haben. Einer davon ist vermutlich der sicher geglaubte Sieg, der nicht viele AnhĂ€nger*innen mobilisiert hat. Ein anderen Grund sehe ich in der EnttĂ€uschung vieler Bremer*innen von der Politik der Landesregierung im Bereich Armut â Bremen bleibt ganz unten, trotz einer SPD gefĂŒhrten Regierung. Einen dritten Grund sehe ich im akzentschwachen Wahlkampf. Es wurde versucht mit einer inhaltslosen Kampagne und dem Spitzenkandidaten alleine die AnhĂ€nger*innen zu ĂŒberzeugen â ganz fehlten Emotion, Impulse und Visionen fĂŒr Bremen. So lieĂen sich wohl nur Wenige zur Wahl animieren.
Die GrĂŒnen
Im Zuge des UnglĂŒcks von Fukushima hatten die GrĂŒnen im Jahr 2011 einen riesigen Aufwind. Auch bei der damaligen BĂŒrgerschaftswahl konnten sie davon profitierten und bekamen 293.993 Stimmen und 22,45 %. Ohne diesen Hype mussten die GrĂŒnen 2015 ordentlich einbĂŒĂen: Nur noch 176.633 Stimmen (15,13 %) bekamen sie am Sonntag und damit 117.360 weniger als 2011.
Wie die SPD verloren sie durch die Bank Stimmen. VerstĂ€rkt in frĂŒnen Kernstadtteilen wie der Neustadt, Mitte, Ăstliche Vorstadt und Findorff. Diese blieben aber trotz der Verluste ihre besten Stadtteile. Ihre SchwĂ€chen hatten sie in Oberneuland, Gröpelingen und Bremen-Nord. Auch hier hat sich im Vergleich zu 2011 nicht viel getan.
Strukturell gesehen bleiben die GrĂŒnen eher die Partei der JĂŒngeren. Dort, wo der Anteil der Altersstufe der 18- bis 65-JĂ€hrigen am gröĂten ist, konnten sie ihre besseren Ergebnisse erzielen, bei den ĂŒber 65-JĂ€hrigen hingegen blieben die Stimmanteile gering. Ansonsten schitten sie in den Stadtteile mit mehr Besserverdienenden (z.B. Schwachhausen) stĂ€rker ab. Nichts Neues also.
In den Stadtteilen, in denen sie am stĂ€rksten verloren haben, konnte Die Linke am meisten zulegen. Ich denke, dass sie also besonders bei den JĂŒngeren Federn lassen mussten. Ansonsten kann eins dies als groĂe Niederlage der GrĂŒnen bezeichnen und als Denkzettel fĂŒr ihre (eher magere) Regierungsarbeit. Allerdings scheinen sie einfach auf das PrĂ€-Fukuschima-Niveau zurĂŒckgefallen zu sein. Nicht weniger sollte ihnen diese Niederlage schmerzen und zum Denken anregen.
CDU
Die CDU ist mit Elisabeth Motschmann in die Wahl gegangen und hat versucht, das historisch-schlechte Ergebnis von 2011 nicht zu wiederholen â was ihnen auch ganz knapp gelungen ist. Mit 261.616 Stimmen erreichten sie 22,46 % und konnten sich um 2,06 Prozentpunkte steigern. Dennoch mussten sie aufgrund der Wahlbeteiligung gut 4.867 Stimmen abgeben. Ich bin mir nicht sicher, ob so Gewinner*innen aussehen.
ZuwĂ€chse gab es in Bremen-Nord, Obervieland und Hemelingen, Verluste in Oberneuland und Schwachhausen. Wie SPD und GrĂŒnen musste die CDU also in ihren Stammstadtteilen Stimmanteile abgeben. Anders als die SPD ist sie aber in Regionen stark, in denen eine hohe Wahlbeteiligung vorliegt.  Von der allgemein geringen Wahlbeteiligung konnte die CDU somit stark profitieren, da ihre Klientel weiterhin zur Wahl ging. Dies ist also nicht der Grund fĂŒr ihre Verluste dort. Viel eher könnte das an den starken ZuwĂ€chsen der FDP zusammenhĂ€ngen. Schwach bleibt die CDU in der Neustadt, Mitte, Ăstliche Vorstadt, Walle und Gröpelingen.
Wie die GrĂŒnen sind die Christdemokrat*innen vor allem in den Stadtteilen der Besserverdienenden stark. Aber im Gegensatz zu den GrĂŒnen kommen sie deutlich besser in den Ortsteilen mit vielen Ăber-65-JĂ€hrigen an. Interessant ist auch, dass sie oft in den Bereichen stark wurden, wo die Alternative fĂŒr Deutschland und die BĂŒrger in Wut ebenfalls erfolgreich waren. Besonders Blumenthal ist in diesem Zusammenhang zu nennen mit einem Zuwachs von 4,7 Prozentpunkten. Es ist zu vermuten, dass die Partei durch ihre konservativere Positionierung im Bremer Norden (einige CDUler*innen machten munter bei der Hetze gegen GeflĂŒchtete in Farge und Rekum mit) gut ankam â gerade, weil sie einen weniger rechten Beigeschmack hat als die BĂŒrger in Wut oder die AfD, bei kommunalen Themen jedoch Ă€hnliche Positionen vertritt.
Die Linke
Die Linke gilt als eine der Gewinnerinnen der Wahl. Sie erreichte 9,54 % und legte damit verglichen mit 2011 3,91 Prozentpunkte und 37.616 Stimmen zu, was ihr eine Gesamtzahl von 111.385 Stimmen verschaffte. Besonders zulegen konnte Die Linke in Mitte, Neustadt, Walle, der östlichen Vorstadt und Findorff. Trotz leichter Zugewinne blieb sie in Bremen-Nord, Obervieland und Oberneuland schwach.
Stark ist Die Linke vor allem in Stadtteilen mit einem groĂen Anteil an 18- bis 65-JĂ€hrigen. Ăberraschend ist hingegen, dass die Partei in Regionen mit einem hohen Anteil von EmpfĂ€nger*innen von Transferleistungen (SGB 2) und Arbeitslosen nicht ĂŒberdurchschnittlich gewĂ€hlt wurde â und das obwohl Die Linke als Partei der Arbeitslosen gilt. Stark blieb Die Linke allerdings bei den Geringverdiener*innen.
FĂŒr das doch etwas seltsam anmutende PhĂ€nomen des lediglich durchschnittlichen Ergebnisses in Stadtteilen mit einem hohen Anteil von Arbeitslosen sehe ich verschiedene Ursachen: Zum einen kann es daran liegen, dass die Zahlen durch die starken Zugewinne im Bremer Zentrum (Mitte, Neustadt, Ăstliche Vorstadt) verfĂ€lscht wurden. Um das zu ĂŒberprĂŒfen, habe ich mir den Bremer Westen isoliert angeschaut: Es ist eine leichte Korrelation zwischen Arbeitslosigkeit und den Wahlergebnissen der Linken zu erkennen, beim Einkommen ist diese Korrelation jedoch weniger stark und hinsichtlich des Anteils an EmpfĂ€nger*innen von SGB 2-Leistungen ebenfalls nur schwach ausgeprĂ€gt. Dies scheint den durchschnittlichen Wert zu erklĂ€ren, kann aber nicht als einzige ErklĂ€rung dienen. Meine zweite Vermutung ist, dass arme Menschen durch WahlkĂ€mpfe schwerer zu mobilisieren sind. Die Verzweiflung und EnttĂ€uschung ĂŒber die Politik macht hier auch nicht vor der Linken halt. Viel eher hat der Jugendwahlkampf der Linksjugend WĂ€hler*innen gewinnen können und im Zentrum Studierende und junge â ohnehin schon an Politik interessierte â Akademiker*innen mobilisiert. Besonders ehemalige GrĂŒnen-WĂ€hler*innen scheinen hier ĂŒberzeugt worden zu sein.
FDP
Der Wiedereinzug der FDP war wohl zu einem GroĂteil der Spitzenkandidatin Lencke Steiner zu verdanken. Sie bekam 26 % aller 76.689 FDP-Stimmen und damit im Vergleich zu den anderen Spitzenkandidat*innen den gröĂten Anteil an den Gesamtstimmen ihrer Partei. Insgesamt kam die FDP auf 6,74 %, das war ein Zuwachs von 45.513 Stimmen und 4,19 Prozentpunkten.
Die FDP konnte in ihren ĂŒblichen Stammregionen punkten. In Oberneuland, Schwachhausen und Horn-Lehe hatte sie die meisten ZuwĂ€chse und die stĂ€rksten Gesamtergebnisse. Schwache Stadtteile waren Blumenthal Gröpelingen,Walle und Hemelingen. Wenig verwunderlich: Stadtteile mit einem hohen Anteil an Besserverdiener*innen und Ă€lteren Menschen sind Hochburgen der FDP.
Es ist klar zu erkennen, dass die FDP mit ihrem âRebootâ keine neuen inhaltlichen Schwerpunkte setzte. Anstatt andere WĂ€hler*innenschichten zu erschlieĂen, wurden klassische StammwĂ€hler*innen zurĂŒckgewonnen und damit der CDU abgenommen.
BĂŒrger in Wut und Alternative fĂŒr Deutschland
Zum dritten Mal traten die BĂŒrger in Wut zur Wahl an. In Bremerhaven schafften sie den Einzug und schicken Jan Timke fĂŒr eine dritte Legislatur nach Bremen. In Bremen selbst kamen sie nur auf 27.405 Stimmen und 2,7 %. Das entspricht einem Verlust von 7.308 Stimmen und 0,4 Prozentpunkten.
Verlusten mussten die BiW in Hemelingen, Obervieland und Horn-Lehe einstecken. Zugewinne gab es in Woltmershausen, Gröpelingen und Bremen-Nord. Gerade der Bremer Norden entwickelt sich immer stĂ€rker zur Hochburg der WutbĂŒrger*innen. In Farge und in Rekum wurden sie mit 16,5 % und 16,9 %  sogar drittstĂ€rkste Partei nach SPD und CDU. In strukturell schwachen Stadtteilen (mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Einkommen)  haben die BIW bessere Ergebnisse.
Mit der AfD hĂ€ngt das Ergebnis der BiW nur begrenzt zusammen. Die beiden rechtspopulistischen Parteien scheinen sich die Stadt quasi  aufgeteilt zu haben. Die BĂŒrger in Wut haben ihren Schwerpunkt  in Blumenthal und Woltmershausen â die AfD ist besonders in Gröpelingen und Obervieland vertreten. Die StĂ€rke der BIW in Bremen-Nord hat, so denke ich, viel mit der lokalen Verankerung zu tun. Die BIW waren gerade bei den Protesten gegen das FlĂŒchtlingsheim an der Rekumer StraĂe sehr schnell aktiv und haben die Anwohner*innen hinter sich versammelt. Aufgrund dessen hatte es die AfD schwer, hier FuĂ zu fassen, anders im Bremer SĂŒden und Westen, wo die BIW nie wirklich stark auftraten.
Die extrem starken ZuwÀchse in Blumenthal bei einem insgesamt fallenden Ergebnis (auch durch die AfD) macht mir besonders Sorgen. Aber auch in den armen Stadtteilen steigt der Anteil der WÀhler*innen, die rechtspopulistische Parteien wÀhlen, stark (z.B. In den Hufen oder Hohweg). Dies sind keine guten Nachrichten.
Die Alternative fĂŒr Deutschland ist, wie eben schon angefĂŒhrt, in Gröpelingen, Obervieland, Huchting, Burglesum und Vegesack stark. Ein weiterer Unterschied ist, dass die AfD noch erfolgreicher in Stadteilen mit vielen Einwohner*innen ĂŒber 65 Jahren ist, als die BIW.
Noch etwas zur Wahlbeteiligung: Einige Punkte habe ich ja bereits oben erwĂ€hnt. So ist z. B. zu vermuten, dass die SPD die groĂe Verliererin der geringen Wahlbeteiligung ist und CDU sowie AfD und BiW davon profitieren. Ein eher trauriger Fakt ist, dass die Unter-18-JĂ€hrigen sich nur sehr, sehr wenig an der Wahl beteiligt haben. Die Stadtteile mit hohem Anteil an Unter-18-JĂ€hrigen sind ĂŒberwiegend die mit der niedrigsten Wahlbeteiligung. Auch die Stadteile mit einem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund  gehören zu denen mit der geringsten Wahlbeteiligung. Genauso sieht es bei Menschen aus, die keine Arbeit haben oder wenig verdienen. Aufgabe der Politik sollte die  BekĂ€mpfung der Armut in Bremen sein. Nur so kann auch die Wahlbeteiligung wieder steigen.




eine weitere Wahlanalyse (aus linkssozialdemokratischer Sicht) findet sich hier: http://www.sozialismus.de/kommentare_analysen/detail/artikel/die-linke-alternative-in-bremen/