Stadt des Lebens – nicht des Schlafens
Das Viertel ist fĂŒr viele Bremer*innen das eigentliche Herz der Stadt. Nicht die Innenstadt mit ihren Konsumtempeln, sondern die östliche Vorstadt mit ihren Pflastersteinen, ihren dreckigen FuĂwegen, mit ihren Ecken und Gassen, ihren Galerien, ihren urigen Kneipen und Musikbars â das Viertel halt. Hier spielt sich schon seit Jahrzehnten das Leben vieler kulturell interessierter Menschen ab, lernen Horden von Erstsemestern jeden Herbst das Nachtleben kennen und lĂ€sst sich das GefĂŒhl eines alternativen Lebens spĂŒren. Die meisten Bremer*innen haben im Viertel sicherlich schon die eine oder andere Nacht bis zum Morgengrauen verbracht. Dreckig und laut, aber herzlich.
Doch genau das stöĂt einigen Anwohner*innen ĂŒbel auf. In den letzten Monaten prasselte es Beschwerden und Klagen gegen Clubbetreiber*innen, Kneipenbesitzer*innen und Kulturschaffende. Der Besitzer des âLitfassâ, Norbert SchĂŒtz, berichtet beispielsweise davon, dass sich die Beschwerden so hĂ€ufen, dass er pro Jahr statt ca. 30 nur noch acht Konzerte in seiner Bar stattfinden lassen kann [1]. Die Anwohner*innen lassen nicht mehr mit sich diskutieren, sie kĂ€men direkt mit dem Anwalt, erzĂ€hlte er auf einer Podiumsdiskussion am 24. MĂ€rz im Karton in der Neustadt.
Auf dieser Veranstaltung wird klar, wie wĂŒtend Kulturschaffende in Bremen und vor allem im Viertel sind. Der Unmut ist groĂ und das durchaus zurecht. Viele sehen die Gefahr, dass Kultur in Bremen verdrĂ€ngt wird â und das passiert bereits: Je weniger Konzerte in Bremer Kneipen, Musikbars und Clubs stattfinden (z. B. dadurch, dass diese um 22 Uhr bereits beendet sein sollen), desto weniger junge KĂŒnstler*innen bekommen die Chance, sich auszuprobieren und ein Publikum zu bekommen. FĂŒr die Kulturszene und gerade junge KĂŒnstler*innen in Bremen hat es also durchaus nicht nur ideelle, sondern auch direkte Folgen.
âIch will in dieser Stadt nicht schlafen, ich will in dieser Stadt lebenâ #Bremenistlaut #bremenistkultur #Bremen
â SalocinHB (@SalocinHB) 24. MĂ€rz 2015
Das Viertel hat sich verĂ€ndert. Es ist ein attraktiver Wohn- und Lebensort geworden â nicht nur fĂŒr eine linke Minderheit. Das BĂŒrgertum hat diese AttraktivitĂ€t erkannt und ist hierher gezogen, um den kulturellen Mittelpunkt der Stadt zu erleben. Doch scheinbar wollen viele dieser neuen Bewohner*innen und auch einige der Alteingesessenen sowohl abends ihre Ruhe, als auch 24/7 kulturelles Leben um sich herum â doch so richtig passt dies nicht zusammen.
Bremer, wenn Ihr Ruhe wollt, dann zieht eben nicht ins Viertel…âïž
â Akka von Kebnekajse (@AkkavonKrause) 24. MĂ€rz 2015
Die Lösung kann nicht sein, die Gastronomie und KulturstĂ€tten zu vertreiben und die Gentrifizierung voranzutreiben. Zum einen löst es nicht das LĂ€rmproblem, welches oft nicht durch die Kneipen und Clubs an sich entsteht, sondern durch Rauchende vor der TĂŒr oder ankommende GĂ€ste. Auch wenn die letzten Terrassentische eingerĂ€umt sind, wird der LĂ€rm bleiben â dann trinken die Menschen ihr Bier vom Kiosk oder Rewe eben auf der StraĂe, im Vorgarten oder auf dem Balkon. Zum anderen kann es nicht das Ziel sein, das Leben aus der Stadt zu vertreiben, ist es doch dies, was Bremen als lebendige, weltoffene und kreative Stadt ausmacht.
Es wird sicherlich schwer eine Lösung zu finden mit der alle zufrieden sind. Wo Menschen zusammenleben, gibt es nun einmal Konflikte. Eine mittelfristige politische Lösung durch eine neue Ausgestaltung und Liberalisierung der Richtlinien und Verordnungen fĂŒr Anbieter*innen von Kultur wĂ€re eine Möglichkeit klar festzusetzen, dass Kultur im Viertel eine ĂŒbergeordnete Rolle spielt – auch wenn es dafĂŒr mal etwas lauter wird. Kurzfristig hilft aber wahrscheinlich nur das GesprĂ€ch zu suchen.


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